Die Reform Johannes‘ XXIII.

von antimodernist2014

Ein nicht unerheblicher Streitpunkt unter den Restkatholiken unserer finsteren Tage ist die Frage der Liturgie. Zwar sind sie sich alle ziemlich einig in der grundsätzlichen Ablehnung des „Novus Ordo“, wenngleich auch hier die Begründung durchaus verschieden ist, von „absolut ungültig“ über „gültig, aber in sich schlecht“ bis zu „nicht so sakral“. Doch welche Liturgie denn nun die richtige ist, ob es genügt, bis zu Johannes XXIII. zurückzukehren, oder ob man auf die „Messe des hl. Pius V.“ zurückgreifen muß, darüber ist man uneins. Die Debatte wurde vor allem in den frühen Jahren des katholischen Widerstands recht lebhaft geführt, bis sich ein führender „Traditions“-Vertreter Ende der 1970er Jahre auf die „Bücher von 1962“ festlegte und dies als die einheitliche Position seiner Gemeinschaft und von deren Umfeld mit allen, teilweise recht drastischen, Mitteln durchsetzte, weshalb bis heute in den Reihen der „Traditionalisten“ die „alte Messe“ oder „alte Liturgie“ nichts anderes bedeutet als die Liturgie Johannes‘ XXIII.

Damit schien die Sache entschieden, zumal vor allem die jüngere Generation der „Traditionalisten“ diese Formel von „alte Messe“=1962=vorkonziliar=gut und „neue Messe“=1969/70=nachkonziliar=schlecht unreflektiert und unhinterfragt übernahm. Das ging gut, bis der Postmodernist Ratzinger als Benedikt XVI. mit seinem sagenumwobenen Motu proprio „Sanctorum Pontificum“ und seiner Unterscheidung in die „ordentliche“ und „außerordentliche Form“ des „einen römischen Ritus“ wieder Bewegung in die liturgische Frage brachte.

Es ist daher sicher nicht fruchtlos, einen Blick zurück zu werfen und zu sehen, auf welch wackligen Beinen letztlich die Entscheidung jenes führenden Traditionsvertreters für den 1962er Ritus stand. Wir beleuchten dazu einige seiner Argumente, mit welchen er vor gut 30 Jahren den Hinauswurf einer Zahl von Priestern aus seiner Gemeinschaft begründete, die sich geweigert hatten, die Reform Johannes‘ XXIII. anzunehmen.

Erstes Argument: Die Reform Johannes‘ XXIII. verwendet dieselben Prinzipien wie der heilige Pius X. in „Divino Afflatu“. „Wenn Sie diese Bulle des heiligen Papstes Pius X. lesen, über seine liturgische Reform, werden Sie die gleichen Prinzipien finden, die Johannes XXIII. für seine Reform verwendete.“ Und zwar ging es hauptsächlich darum, das Psalterium wieder zu Ehren zu bringen. „Dies ist die Tradition, d.h. jede Woche alle Psalmen zu beten… dies ist eine alte Regel in der Kirche… alle Psalmen in der Woche zu beten … und das ist die Regel Papst Johannes‘ XXIII.“ Die Heiligenfeste waren so zahlreich geworden, daß nicht mehr alle Psalmen in einer Woche gebetet wurden. „Und so versuchten sie, diese Regel beizubehalten, d.h. sämtliche Psalmen in einer Woche zu beten, und einige Feste zu haben, jedoch nicht so viele, dass wir immer die gleichen Psalmen haben im allgemeinen Teil der Feste… und so ist es die gleiche Regel, die befolgt wird von Papst Johannes XXIII.“

Zweites Argument: „In Wirklichkeit wurde diese Reform von Papst Pius XII. vorgenommen, nicht von Papst Johannes XXIII.“ Die Behauptung, dass die eigentlichen Drahtzieher dieser Reform die gleichen waren, welche die Reform Papst Pauls VI. betrieben, ist „nicht wahr“. „Vielleicht in der Kommission ist es möglich, dass einige dieser Männer in dieser waren… vielleicht war Bugnini ein Mitglied dieser Kommission (von Papst Pius XII.)“, doch Papst Johannes XXIII. hat Msgr. Bugini von seiner Lehrstelle an der Universität vom Lateran beseitigt, er „war gegen Bugnini“. Der Präsident der Kommission, welche die Reform des Papstes Johannes XXIII. machte, war Msgr. De Matto, der Abt von ‘St. Paul vor den Mauern’. Er war der Präsident der Kommission der Liturgiereform unter dem Pontifikat von Papst Johannes‘ XXIII. und „ein betonter Traditionalist… sehr traditionell“. Unter Papst Paul VI. wurde er beseitigt, „weil er ein Traditionalist war, und sie ersetzten ihn durch Msgr. Bugnini“. „Das ist eine große Änderung… ein große Änderung… es ist nicht das gleiche. Es ist nicht wahr zu sagen, dass diese Reform von Papst Johannes XXIII. der Anfang der Reform von Papst Paul VI. war… es ist nicht wahr.“

Drittes Argument: „So habe ich betreffend dieser Reform (Papst Johannes‘ XXIII.) gesagt, wir müssen dem Papst gehorchen, besonders da wir keinen Grund haben, sie abzulehnen.“ Nur, wenn es um den Glauben geht, kann ich dem Papst ungehorsam sein. In den Büchern Johannes‘ XXIII. ist aber nichts gegen den Glauben. Darum muß ich die Reform Johannes‘ XXIII. annehmen, während der „Novus Ordo“ Pauls VI. abzulehnen ist, weil er eine Gefahr für den Glauben darstellt. „Vielleicht in einigen Details können wir sagen, sollte es besser sein, usf.; Ihr wisst, wir haben keinen wichtigen Grund, diese Reform abzulehnen.“

Ad 1: Es ist richtig, daß die Reform des hl. Pius X. das Ziel hatte, die Grundregeln des Breviergebets wieder herzustellen, nämlich erstens, jede Woche alle 150 Psalmen zu beten, und zweitens, die Hl. Schrift im Lauf eines Jahres vollständig zu lesen. Er erreichte dies zum einen durch eine Neuordnung des Psalteriums, bei der sich nun alle sieben Tagzeiten in das wechselnde Psalterium teilen (bis anhin waren Laudes, die kleinen Horen und die Komplet täglich unverändert geblieben), während das Heiligen-Offizium gewöhnlich erst vom Kapitel der Laudes an in Erscheinung tritt. Daneben wurde die laufende Schriftlesung und die Temporal-Responsorien „strikte zur Geltung gebracht“. Des weiteren wurde das Kalendarium so geordnet, daß die Sonntage und Feriae majores in Messe und Brevier wieder in den Vordergrund traten gegenüber den bisher überwiegenden Heiligen-Offizien und somit in ihre ursprüngliche Stellung zurückkehrten. Eine Verdrängung des regelmäßigen Sonntags- und Ferialtagsoffiziums durch ein Heiligenfest wurde auf die Feste Duplex II. class. hinaufgesetzt und somit sehr stark reduziert. Damit war das Ziel der Reform erreicht. Wieso also nun noch einmal die gleiche Reform mit dem gleichen Ziel?

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