Zwei Päpste und zwei Bischöfe

von antimodernist2014

Die Lage für uns Katholiken wird zunehmend unübersichtlicher, ja verzweifelt, möchte man fast sagen. Mit Modernisten auf dem Papstthron hat man sich ja nun schon einigermaßen arrangiert, und jeder hat so seine Lösung dafür gefunden. Da stellt uns das erste Doppelpapst-Jahr, das wir eben hinter uns gebracht haben, vor eine ganz neue Herausforderung und läßt sogar hartgesottene „Papsttreue“ plötzlich zu „Sedisvakantisten“ werden.

Die reichlich perplexe Situation, die durch den „Rücktritt“ – bzw. Nicht-Rücktritt, Schein-Rücktritt oder Teil-Rücktritt, oder wie soll man es nennen? – von „Papst Ratzinger“ und die etwas skurrile Persönlichkeit seines Nachfolgers Bergoglio entstanden ist, bereitet selbst gestandenen Kirchenhistorikern und Vatikanisten keine geringen Probleme. Anläßlich des Jahrestags des Ratzinger-Rücktritts erinnern viele an den Blitz, der an jenem denkwürdigen Tag im Petersdom einschlug, gleichsam wie ein Symbol für das, was sich in Wahrheit abgespielt hatte.

Päpstliche Doppelspitze

Der Historiker Roberto Mattei schreibt am 13. Februar 2014 in einem Artikel mit dem Titel „Motus in fine velocior“, der 11. Februar 2013 sei ein wahrhaft historisches Datum gewesen. Die Ankündigung Benedikts XVI. habe nach Kardinal Sodanos Worten eingeschlagen wie ein „Blitz aus heiterem Himmel“, und das Bild eines solchen Blitzes, wie er am selben Tag in die Kuppel der Petersbasilika fuhr, sei denn auch um die Welt gegangen. Er erinnert an den Entschluß Benedikts, auch nach seinem Rücktritt im Vatikan zu verbleiben, ein bisher beispielloser Vorgang und noch überraschender als der Rücktritt selbst. Die Wahl des Nachfolgers habe zu neuen historisch einzigartigen und bedeutsamen Fakten geführt, angefangen von der Wahl eines argentinischen Jesuiten über dessen Namenswahl bis zu seinem legeren „Guten Abend“, mit welchem er auf der Loggia des Petersdoms erstmals die Gläubigen begrüßte, und seiner Selbstbezeichnung als „Bischof von Rom“. „Die Photographie der beiden Päpste, die am 23. März in Castelgandolfo gemeinsam beteten, bot das Bild einer unerhörten päpstlichen ‚Diarchie‘ und vermehrte die Verwirrung jener Tage. Aber man war erst am Anfang.“

Auch Paul Badde erinnert sich in einem Artikel für den Figaro mit dem bezeichnenden Titel „Rücktritt eines Revolutionärs“ an den Blitz vom 11. Februar 2013. Auch für ihn weist dieser auf das Unerhörte, das Revolutionäre dieses Rücktritts hin. Ratzinger habe zwar seinen Fischerring zertrümmert, nicht aber seinen Papstnamen zurückgegeben. „Seit dem 11. Februar 2013 ist das Papstamt deshalb nicht mehr, was es vorher war. Fundament der katholischen Kirche wird es bleiben. Doch diesen Grund hat Benedikt XVI. nachhaltig verändert und er hat es so souverän getan wie Karl V., als der am 25. Oktober 1555 in Brüssel die Krone des mächtigsten Reiches der Erde niederlegte.“

Er verweist auf den „Petrusdienst“, von dem Ratzinger in seiner Rücktrittserklärung spricht, und als welchen „Benedikt seine Aufgabe vor und nach dem Rücktritt“ verstehe. „Diesen Dienst hat er mit seinem Schritt vom 11. Februar 2013 nicht verlassen. Er hat das personale Amt damit ergänzt um eine kollegiale Dimension, als gemeinsamen Dienst. Seitdem gibt es keine zwei Päpste, aber ein erweitertes Amt. Darum hat er weder den weißen Habit noch seinen Namen abgelegt. Darum zog er sich auch nicht wie Kaiser Karl V. in ein Kloster im fernen Spanien zurück, sondern in das Innere des Vatikans – als sei er nur beiseite getreten, um seinem Nachfolger und einer neuen Etappe in der Geschichte des Papsttums Raum zu geben, das er mit diesem Schritt bereichert hat um ein Kraftwerk des Rats und Gebets in den Vatikanischen Gärten. Er ist vor dem Petrus-Amt nicht geflohen. Er hat es potenziert. Das wird bleiben.“

Armin Schwibach nennt in seinem Rückblick den 11. Februar 2013 einen „einzigartigen Tag in der Geschichte der Kirche“, den „Tag des singulären, einmaligen Ereignisses schlechthin“. Er erinnert an die letzte Katechese Benedikts bei der Generalaudienz am 27. Februar 2013, in welcher dieser den „Petrusdienst“ als einen „immer“ und „für immer“ auszuübenden bezeichnete, und zitiert Ratzinger mit den Worten: „Es gibt keine Rückkehr ins Private. Meine Entscheidung, auf die aktive Ausführung des Amtes zu verzichten, nimmt dies nicht zurück. Ich kehre nicht ins private Leben zurück – in ein Leben mit Reisen, Begegnungen, Empfängen, Vorträgen usw. Ich gehe nicht vom Kreuz weg, sondern bleibe auf neue Weise beim gekreuzigten Herrn. Ich trage nicht mehr die amtliche Vollmacht für die Leitung der Kirche, aber im Dienst des Gebetes bleibe ich sozusagen im engeren Bereich des heiligen Petrus.“

Das beschäftigt auch den Vatikanisten Antonio Socci, der anläßlich des neu ausgestellten argentinischen Reisepasses für Bergoglio spekuliert, dieser wolle vielleicht gar nicht „Papst Franziskus“ sein, sondern lieber Bergoglio bleiben, wohingegen Ratzinger nicht wieder Ratzinger werden, sondern „Benedikt XVI.“ bleiben wolle. Er stellt sogar die Frage, ob der Rücktritt Ratzingers nicht vielleicht kanonisch ungültig gewesen sein könnte, und spricht damit sicher vielen „konservativen“ Katholiken aus dem Herzen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als ihren „Papst Ratzinger“ wieder zu haben. Neuerdings sah sich sogar der „Alt-Papst“ selbst genötigt, in einem Brief an den Vatikanisten Andrea Tornelli auf dessen Anfrage hin zu betonen, daß sein Rücktritt gültig gewesen sei, weil er frei erfolgte: „Die einzige Bedingung für die Gültigkeit meiner Resignation ist meine vollständige Entscheidungsfreiheit. Spekulationen bezüglich der Gültigkeit sind schlicht absurd.“

Socci freilich gibt eine andere Begründung für eine mögliche Ungültigkeit an, nämlich daß Benedikt innerlich nicht abgedankt habe (nicht daß er unter Zwang gehandelt habe, wie andere meinen). Das zeige sich darin, daß er weiterhin im Vatikan bleibe, die weiße Soutane ebenso weiter trage wie den Papstnamen und den Titel „Seine Heiligkeit“ sowie die petrinischen Schlüssel in seinem Wappen beibehalten habe (oder hat er auch dies nur getan, weil er nichts anderes zur Hand hatte, wie Ratzinger in seinem Brief an Tornelli in bezug auf das Weitertragen der weißen Soutane behauptet?). All das ist in der Tat ungewöhnlich. In den wenigen vergleichbaren früheren Fällen war es nicht so. Der hl. Cölestin V. etwa legte nach seinem Rücktritt die päpstlichen Gewänder ab, nahm wieder seinen Namen Petrus von Morone an und zog sich in die Einsiedelei zurück. Gregor XII., der durch seinen Rücktritt das abendländische Schisma zu beenden half, wurde ebenfalls wieder zu Kardinal Angelo Correr und diente dem neuen Papst sogar als Delegat.

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