Zwei Päpste und zwei Bischöfe

Socci erinnert nun ebenfalls an die letzte Ansprache Benedikts XVI. bei der Generalaudienz, die wir mit Schwibach oben schon erwähnten, in welcher er betonte, daß der Petrusdienst „für immer“ sei und er sich nur von dessen „aktiver“ Ausübung zurückziehe. Er unterscheidet also gewissermaßen eine „aktive“ und eine „passive“ Ausübung des „Petrusdienstes“. Während sein Nachfolger die „aktive“ übernehme, behalte er gewissermaßen die „passive“, den „Gebetsdienst“. Und so haben denn die beiden Päpste, der „aktive“ und der „passive“, gemeinsam eine Enzyklika verfaßt und ihre innere Verbundenheit schon bei mehreren Gelegenheiten durch gemeinsame Auftritte zur Schau gestellt, zuletzt sicher sehr eindrucksvoll bei dem Konsistorium, in welchem der Glaubenspräfekt Müller, den Ratzinger ernannt und Bergoglio bestätigt hatte, zum Kardinal erhoben wurde. Auch ein solches Konsistorium mit zwei Päpsten dürfte historisch einzigartig sein.

Die Umwandlung des Papsttums in einen kollegial auszuübenden „Petrusdienst“ zeigt uns zum einen erneut, daß Ratzinger der effektivere Revolutionär auf dem Papstthron war. Schon von Paul VI. hatte man im Jahr 1972 den Rücktritt erwartet als Signal für einen neuen Pontifikat, der sich nicht mehr von den übrigen Bischöfen unterschied, die ja auch neuerdings mit 75 Jahren ihren Rücktritt einzureichen haben. Wiederum wurde um das Jahr 2000 heftig über den Rücktritt Johannes Pauls II. spekuliert. Seinerzeit äußerte sich auch Kardinal Ratzinger in dem Sinn, daß er sich so einen Rücktritt durchaus vorstellen könne. Ihm selbst blieb jedoch vorbehalten, das fertigzubringen, was seinen Vorgängern nicht gelang, auch wenn sie ständig davon redeten: die Neugestaltung des Papsttums durch einen revolutionären „Rücktritt“.

Da Unser Herr Jesus Christus nur einer ist und deswegen Seiner Kirche auch nur einen Stellvertreter auf Erden in der Gestalt des hl. Petrus und seiner Nachfolger hinterlassen hat, ist daher auch klar, daß eine solche Institution mit Doppelspitze nicht mehr der Stiftung Unseres Herrn entspricht. Selbst dem Blinden müßte nun in die Augen fallen, daß die „konziliare Kirche“ nicht die katholische Kirche ist. Das ist das entscheidende Destillat aus der ganzen Affäre, nicht die Frage, ob denn der Ratzinger-Rücktritt überhaupt rechtskräftig war und wer denn nun der wahre Papst sei. Bei einem Kollegiat aus zwei Päpsten ist keiner der richtige, das steht außer Frage. Wenn zwei Päpste sich streiten, könnte immerhin einer der echte sein, bei zweien, die sich einig sind, ist das von vornherein ausgeschlossen. „Du bist Petrus, der Fels“, hat der Heiland gesagt, nicht: „Ihr gemeinsam seid der Petrusdienst…“

Zwei Bischofslinien

Doch damit der Wirrungen nicht genug. „Schlage den Hirten, und die Herde wird sich zerstreuen.“ Angesichts des dramatischen Vakuums in der höchsten Spitze der Kirche, richtet sich der Blick der Gläubigen naturgemäß hilfesuchend auf die Nachfolger der Apostel, die Bischöfe. Und da ragen in den Jahrzehnten des „konziliaren“ Niedergangs zwei Gestalten hervor, die eine große Anzahl von Gemeinsamkeiten haben.

Der eine wurde 1897 geboren, der andere 1905, der eine wurde 1925 zum Priester geweiht, der andere 1929. Beide sind also deutlich „vorkonziliar“, und beide hatten in Rom studiert, wo sie jeweils in Philosophie und Theologie promovierten, der eine sogar noch in Kirchenrecht. Beide wurden zu Bischöfen geweiht und zu Apostolischen Vikaren in Missionsgebieten und dann zu Apostolischen Delegaten ernannt, der eine durch Pius XI. im Jahr 1938, der andere 1947 durch Pius XII. Beide wurden dann zu Erzbischöfen in den neu errichteten Diözesen, der eine 1960 Erzbischof von Hue, der andere 1955 Erzbischof von Dakar. Beide nahmen als Väter am „II. Vatikanum“ teil und beide gingen 1968 als Altbischöfe und Titular-Erzbischöfe in den Ruhestand. Die Rede ist von dem vietnamesischen Erzbischof Pierre Martin Ngo Dinh Thuc und dem französischen Erzbischof Marcel Lefebvre.

Die Gemeinsamkeiten sind damit jedoch noch nicht zu Ende. Denn beide gerieten in den 1970er Jahren nolens volens in die „nachkonziliaren“ Wirren und Kämpfe und dadurch in Konflikt mit dem „konziliaren“ Rom, was beiden im Jahr 1976 eine Tatstrafe „latae sententiae“ wegen „unerlaubter“ Weihen eintrug, Mgr. Thuc wegen „unerlaubter“ Bischofsweihen die Exkommunikation, Mgr. Lefebvre wegen „unerlaubter“ Priesterweihen die Suspension. In den 1980er Jahren nahmen beide Erzbischöfe wiederum „unerlaubte“ Bischofsweihen vor, was nun auch Erzbischof Lefebvre die „Exkommunikation“ einbrachte.

Beide waren wohl nicht die strahlenden und makellosen Glaubenshelden, als die sie von ihren Anhängern gerne gesehen und dargestellt werden. Mgr. Thuc hat seine großen Fehler offen eingestanden und bereut, so die Weihe von Bischöfen für die „marianisch-traditionalistische Palmar de Troya-Gruppe um Clemente Dominguez y Gomez“ (die übrigens nach manchen Aussagen durch Vermittlung von Mgr. Lefebvre zustande kam), welcher dann von seinen Anhängern zum „Papst“ erhoben wurde und eine sektiererische Sonderkirche gründete, oder seine Teilnahme an der Konzelebration zur Ölweihmesse mit dem Bischof von Toulon im „Novus ordo“. Erzbischof Lefebvre hat zumindest den einen Fehler eingestanden, das berühmt-berüchtigte Protokoll mit Kardinal Ratzinger am 5. Mai 1988 unterzeichnet zu haben, womit er um ein Haar die gesamte „Bewegung der Tradition“ verraten und verkauft hätte. Im übrigen waren beide oft schwankend und widersprüchlich in ihrer Haltung gegenüber dem „konziliaren“ Rom, mit dem sie immer wieder verhandelten und Vereinbarungen trafen, um sodann wieder mit ihm zu brechen. S.E. Erzbischof Thuc starb 1984, S.E. Erzbischof Lefebvre 1991.

Immerhin war es Mgr. Lefebvre gelungen, mit seiner „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ eine weltweite Organisation aufzubauen, welche die Mehrzahl der widerständischen Katholiken auffing, die sog. „Traditionalisten“, und ihm in dieser Bewegung so etwas wie die Führerrolle zuwies. Welch dramatische Folgen das haben sollte, war freilich damals nicht abzusehen, wir sehen es aber heute, wo der Zusammenbruch jener „Piusbruderschaft“ zugleich den Zusammenbruch praktisch des gesamten katholischen Widerstands bedeutet. Die wenigen verbliebenen Restkatholiken suchen nun verzweifelt nach Bischöfen, an welche sie sich halten können, und da bleiben eigentlich nur übrig die Weihelinien der Erzbischöfe Thuc und Lefebvre. Doch dem Feind alles Guten ist es gelungen, auch hier eine grenzenlose Verwirrung zu stiften.

So gibt es auf beiden Seiten Leute, welche einander mit dem Vorwurf überziehen, daß die Weihen jeweils der anderen Seite ungültig seien. Von „Lefebvristen“ wird u.a. gerne behauptet, Mgr. Thuc sei bei der Spendung der Weihen nicht mehr bei Sinnen gewesen, was deren Gültigkeit zumindest sehr in Frage stelle. Unter den „Sedisvakantisten“ hingegen verstummt nicht der Verdacht, Erzbischof Lefebvre sei gar nicht gültig geweiht, weil sein Konsekrator, Kardinal Liénart, ein Hochgradfreimaurer gewesen sei. Überdies habe Mgr. Lefebvre durch den Fünfzackstern in seinem Wappen (den der heutige „Pius“-Generalobere Mgr. Fellay gewissermaßen von ihm erbte) deutlich genug seine eigene Zugehörigkeit zur Freimaurersekte zu erkennen gegeben.

Beiden Einwänden eignet im Grunde derselbe Fehler. Sie berücksichtigen nicht die zur Gültigkeit (nicht Erlaubtheit!) eines Sakraments einzig notwendigen Faktoren, und sie beachten nicht die für die Anfechtung der Gültigkeit erforderliche Beweispflicht eines positiven Zweifels. Damit ein Sakrament gültig zustandekomme, ist neben dem kompetenten Spender und dem fähigen Empfänger notwendig die richtige Form, Materie und Intention. Spender der Bischofsweihe ist ein gültig geweihter Bischof, Empfänger ein geweihter, katholischer Priester. Materie ist die Handauflegung des konsekrierenden Bischofs, Form die von ihm zu sprechende Weiheformel, welche aus 16 Wörtern besteht. Die Intention ist die, zu tun, was die Kirche tut. Eine solche Intention sieht die Kirche grundsätzlich als gegeben, wenn der Weihespender eine Weihe nach dem Ritus der heiligen römischen Kirche vornimmt. Eine eventuelle innere Gegenintention wäre eigens nachzuweisen.