Zwei Päpste und zwei Bischöfe

Die Sicherheit über die Gültigkeit gespendeter Sakramente verbürgt uns unter normalen Umständen die Kirche. Da zur Zeit der Weihe von Erzbischof Lefebvre noch normale Zustände herrschten, dürfen wir davon ausgehen, daß eine Ungültigkeit auch festgestellt worden wäre. Die verwendeten Riten hatten noch nicht ihre „konziliare“ Neugestaltung erfahren, welche sie zweifelhaft bis ungültig machen. So war bereits Kardinal Liénart, so dürfen wir fest annehmen, gültig zum Bischof geweiht worden, ungeachtet irgendeiner Zugehörigkeit zur Freimaurerei. Andernfalls wäre er sicher nicht zum Kardinal erhoben und vom Papst – damals noch ein zweifelsfrei echter Papst – ermächtigt worden, seinerseits Bischofsweihen vorzunehmen. Ohne jeden Zweifel hat er für die Weihe Marcel Lefebvres den damals noch allein in Geltung befindlichen und gültigen römischen Ritus benutzt. Da die bloße Zugehörigkeit zur Freimaurerei noch kein Beweis für eine Gegenintention ist, ist die Weihe somit als gültig zu betrachten. Daran ändert auch eine freimaurerische Gesinnung nichts.

Aber war er als Freimaurer nicht ipso facto exkommuniziert? Selbst das verschlägt nichts an der Gültigkeit der Weihe. Höchstens deren Erlaubtheit stünde in Frage. Da jedoch die Zugehörigkeit Liénarts zur Freimaurerei ganz offensichtlich zumindest dem Papst nicht bekannt war und er das apostolische Mandat für die Weihe hatte, ist sie auch als erlaubt anzusehen. Dasselbe gilt mutatis mutandis auch von der Priesterweihe Mgr. Lefebvres, die ebenfalls durch Kardinal Liénart gespendet worden war, und entkräftet so auch das Argument, daß Lefebvre bei seiner Bischofsweihe vielleicht gar kein Priester gewesen sei. Erzbischof Lefebvre war also sicher ein gültig geweihter Bischof, selbst wenn er seinerseits ein Freimaurer gewesen wäre, was wir freilich ins Reich der Märchen verweisen. Und übrigens besäße die von ihm 1988 begründete Bischofslinie ihre Gültigkeit wenigstens durch den Ko-Konsekrator, Mgr. de Castro-Mayer. Oder ist auch dieser ungültig geweiht gewesen oder ein Freimaurer?

Wie ist es nun mit den Bischofsweihen, welche Seine Exzellenz Thuc gespendet hat? Sicher und durch Zeugenaussagen belegt ist, daß er diese Weihen recte et rite nach dem „vorkonziliaren“ und sicher gültigen Ritus der heiligen römischen Kirche vorgenommen hat. Keineswegs sicher und durch keinerlei Zeugenaussagen belegt ist sein angeblich so debiler Geisteszustand, im Gegenteil. Alle Zeugen beharren darauf, daß Mgr. Thuc nicht nur zur Zeit der von ihm vorgenommenen Bischofsweihen, sondern auch noch danach im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen ist. In der Tat ist es auch eher unglaubhaft und schwer vorstellbar, wie man im Zustand geistiger Umnachtung eine Bischofsweihe vornehmen sollte. Wenigstens soviel Klarheit muß ja wohl vorhanden sein, daß man noch weiß, was man dafür tun und sagen muß. Dann aber weiß man auch, was man tut, und damit ist die nötige Aufmerksamkeit und Intention bereits gegeben. Übrigens haben u.a. auch Bischof de Castro-Meyer, Mgr. Williamson, der US-amerikanische Nuntius Pio Laghi und sogar der neurömische Vatikan die Gültigkeit der Thuc-Weihen anerkannt.

Der tiefe Graben

Kurzum, wir dürfen davon ausgehen, daß beide Erzbischöfe in ihren Weihelinien uns zur Freude der Katholiken gültig geweihte katholische Bischöfe hinterlassen haben. Da ist die Freude aber auch schon zu Ende. Denn zwischen den beiden Weihelinien besteht heute ein tiefer Graben. Es ist derselbe Graben, welcher die „Sedisvakantisten“ von den zunehmend sedisphoben „Traditionalisten“ trennt. Da rufen die einen hinüber „Häretiker!“, und von der anderen Seite schallt es „Schismatiker!“ zurück. „Wenn ihr einen Papst anerkennt, der Häresien lehrt und schädliche Gesetze für die Kirche macht, leugnet ihr die Unfehlbarkeit und Heiligkeit der Kirche und seid somit häretisch“, sagen die einen. „Wenn ihr den Papst ablehnt, seid ihr schismatisch“, sagen die anderen.

Verstärkt wird der tragische Konflikt durch die vielfachen persönlichen Verflechtungen und Animositäten der beiden Linien, die bisweilen kaum vernarbten Wunden, die man sich in der Vergangenheit gegenseitig zugefügt hat. So war etwa der Dominikaner-Theologe Guérard de Lauriers, Autor der berühmten „Ottaviani-Intervention“ zum „Novus ordo“, zuerst Professor im Lefebvre-Seminar von Ecône, bevor er sich 1981 von Mgr. Thuc zum Bischof weihen ließ. Einige andere Bischöfe aus der Thuc-Linie waren ursprünglich Priester der „Piusbruderschaft“ und hatten die Priesterweihe von Erzbischof Lefebvre empfangen. Am meisten Scherben dürfte der Konflikt von 1983 verursacht haben, als Mgr. Lefebvre ohne viel Federlesen neun Priester seiner Bruderschaft in den USA einfach wegen „Sedisvakantismus“ auf die Straße setzte und mit einem Prozeß überzog. Einige dieser Priester sind heute ebenfalls Thuc-Bischöfe, und der „Pius“-Priester, der damals die undankbare Aufgabe hatte, in den USA wieder Ordnung in die Reihen der „Piusbruderschaft“ zu bringen, hieß Richard Williamson, heute seinerseits Bischof aus der Lefebvre-Linie. Darin liegt vielleicht eine Erklärung für seine bis heute nicht überwundene Sedisphobie.

Eine Verständigung zwischen beiden Linien erscheint nicht sehr aussichtsreich, zumal auch innerhalb der jeweiligen Linien selbst keine Einheit besteht. Die Lefebvre-Bischöfe haben ohnehin unwiderruflich den Weg in die „Konzilskirche“ eingeschlagen, ihr einzig verbliebener „Widerstands“-Bischof blockiert sich selbst nicht zuletzt wegen seiner zum Gallikanismus neigenden Sedisphobie. Im Gegensatz zur sehr überschaubaren Lefebvre-Linie hat sich die Thuc-Linie viel weiter verbreitet und damit auch umso mehr zerstreut; leider ist dabei neben etlichen seriösen auch die eine oder andere unseriöse Gestalt darunter geraten. Im Gegensatz zu den Lefebvre-Bischöfen verfügen die Thuc-Bischöfe nicht über eine weltweite Organisation. Lediglich in den USA sind sie im Besitz nennenswerter Strukturen, was sie letztlich den Ereignissen von 1983 verdanken. Was sie an institutionellem Gewicht im Hintertreffen sind, machen sie freilich auf dem Gebiet der Theologie und Wissenschaft mehr als wett.

Schluß

Dennoch steht der Katholik heute einigermaßen verloren da. Mag er sich auch theologisch an den Thuc-Bischöfen orientieren, so können diese ihm doch nicht die kirchlichen Strukturen bieten, die er braucht und erwartet – es sei denn, er hätte das Glück, irgendwo in den USA zu leben, wo diese zufällig vorhanden sind. Bei den Lefebvre-Bischöfen kann er zwar eine Ersatz-Institution für seine verlorengegangene Kirche finden, jedoch um den Preis einer ideologisch-sektiererischen Engführung, welche die Weite, Klarheit und Wahrheit der katholischen Theologie längst verlassen hat und stracks in Richtung der „konziliaren Kirche“ führt. Wohin also sollen wir uns wenden?

Während uns bei der päpstlichen Doppelspitze gerade deren Einigkeit mißfällt, so bei den beiden bischöflichen Linien deren Uneinigkeit. Umgekehrt schiene es uns hilfreicher. Doch alles bleibt Utopie und Makulatur, solange wir nicht wieder einen wahren, katholischen Papst haben, der alles zusammenführt und eint. Möge der Herr der Kirche Seiner Braut zur Hilfe eilen, und möge Er es bald tun! Das ist unsere einzige Hoffnung. „Und der Geist und die Braut sagen: Komm! Und wer es hört, spreche: Komm! – Der diese Dinge bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. – Amen; komm, Herr Jesus!“ (Off. 22,17.20).