Kirchengeschichte oder Lügengeschichten?

von antimodernist2014

Vor einigen Jahren fiel mir Walter Krämers und Götz Trenklers Lexikon der populären Irrtümer in die Hände, in dem die Autoren den Leser auf 356 Seiten über Irrtümer aufklären, die sich so allgemein verbreitet haben, daß sie von den allermeisten für wahr gehalten werden. In dem Werk wird etwa darauf verwiesen, daß der Sturm auf die Bastille, der Grund für den französischen Nationalfeiertag am 14. Juli, durchaus kein heroisches Ereignis war. Vielmehr war der Aufstand beim Pariser Luxusgefängnis am 14. Juli 1789 wohl eher ein Aufbegehren Pariser Vorstadtfrauen nach Brot, die hier reichhaltige Vorräte vermuteten. Genau weiß man nicht, was den Mob so aufbrachte und was er eigentlich wollte. Jedenfalls artete das Ganze in eine unkontrollierbare Gewaltorgie aus – und so gesehen ist der Sturm auf die Bastille durchaus für die ganze Revolution, die Millionen von Menschen das Leben kostete, bezeichnend.

Auch unter den Traditionalisten halten sich manch populäre Irrtümer, die inzwischen so oft wiederholt wurden, daß sie von einem Großteil auch ungeprüft geglaubt werden, vor allem wenn es um die Unfehlbarkeit der Päpste geht. Jüngst verwies Mgr. Richard Williamson in einem seiner „Eleison Kommentare“ wieder einmal auf das Beispiel des Papstes Liberius. P. Franz Schmidberger von der FSSPX unterließ es in seinem Vortrag gegen die Sedisvakantisten 2005 in Fulda natürlich nicht, das wohl populärste Beispiel des Papstes Honorius anzuführen. Ein Laie argumentierte vor einiger Zeit in einem Gespräch ganz spontan mit Bonifaz VIII., ein anderer berief sich in einem Brief auf den Papst Vigilius. Am weitestgehenden, unverantwortlichsten und jegliches Sentire cum ecclesia zerstörenden ist wohl im deutschen Sprachraum ein von der „actio spes unica“ / Hattersheim verbreiteter Vortrag des inzwischen verstorbenen DDr. Gregorius Hesse über „Die Fehlbarkeit der Päpste“.

Forscht man etwas eingehender in der Kirchengeschichte nach, so findet man zum eigenen Erstaunen (oder auch nicht), daß all diese Beispiele von vermeintlich irrenden Päpsten durchaus nicht neu sind, sondern schon früher von anderer Seite als Argumente gegen die kirchliche Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes gebraucht wurden, nämlich von den Protestanten, Gallikanern, Jansenisten und Altkatholiken.

Wobei durchaus zu beachten ist, daß ein grundsätzlicher Unterschied besteht, ob man solch kirchengeschichtliche Argumente vor dem Vatikanum (I) und der lehramtlichen Definition der Unfehlbarkeit des Papstes als Argumente heranzieht oder danach. Im Laufe des (Ersten und einzigen wahren) Vatikanischen Konzils wurden nämlich selbstverständlich all jene, gegen das Dogma der Unfehlbarkeit vorgebrachten Einwände aus der Kirchengeschichte ausgiebig geprüft und ihre Unhaltbarkeit aufgezeigt. Wer also nach dem Vatikanum (I) zu diesen Argumenten greift, der begeht einen grundsätzlichen methodischen Fehler, denn er interpretiert nicht mehr die Kirchengeschichte mit Hilfe des Dogmas, sondern umgekehrt das Dogma anhand der Kirchengeschichte. Zu einem solchen Vorgehen bemerkt der große deutsche Dogmatiker Heinrich:

„So wenig eine philosophische Wahrheit, eben so wenig kann eine geschichtliche Tatsache mit einem katholischen Dogma im Widerspruche stehen. Alle jene angeblichen Fälle häretischer Kathedralentscheidungen, welche je von den Gegnern des Papsttums und seines infallibeln Lehramtes vorgebracht wurden, sind demnach falsch und unbegründet. Dieses steht für den Gläubigen von vornherein mit Glaubensgewißheit fest; es läßt sich aber auch wissenschaftlich nachweisen und ist längst mit genügender historischer Gewißheit nachgewiesen. Sollte aber selbst eine historische Schwierigkeit wegen Mangels an Quellen, Unkenntnis der näheren Umstände oder aus irgend einem anderen wissenschaftlichen Defecte je zu einer Zeit nicht vollkommen lösbar sein, so könnte dieses weder die Glaubensgewißheit, noch die vernünftige Glaubwürdigkeit unserer dogmatischen Wahrheit beeinträchtigen. Der historischen Wissenschaft aber die Entscheidung über die päpstliche Unfehlbarkeit zusprechen, ist vollendete Leugnung der Unfehlbarkeit der Kirche und der ganzen übernatürlichen Ordnung, purer Naturalismus und Rationalismus.“
(J.B. Heinrich, Dogmatik Band II, S. 421)

Obwohl also der historischen Wissenschaft keinerlei Entscheidung über ein Dogma zusteht, begegnet man unter vielen Traditionalisten, wie gesagt, immer wieder genau jenen Beispielen aus der Kirchengeschichte, welche von den Historikern schon lange als unhaltbar zurückgewiesen wurden. Dieses Festhalten an solcherart unbrauchbaren Beispielen läßt sich nur durch ein gemeinsames Interesse erklären, das die Häretiker vor dem Vatikanum (I) mit dieser Art von Traditionalisten verbindet. Dieses gemeinsame Interesse wollen wir etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Kirchengeschichte oder Lügengeschichten – Irrende Päpste?

Nicht wenige Traditionalisten verweisen in ihren Argumentationen dafür, daß ihr liberaler, modernistischer, ökumenischer, synkretistischer „Papst“ durch all seine von Amts wegen verkündeten und verbreiteten Irrtümer dennoch sein Amt nicht verloren hat, auf frühere Fälle von angeblich irrenden Päpsten. Ohne daß sie es merken, übernehmen sie dabei die Kirchengeschichtsschreibung der Häretiker und verfälschen das Dogma von der Unfehlbarkeit der Kirche – oder anders ausgedrückt: Sie interpretieren mithilfe von ihren kirchengeschichtlichen Beispielen das Dogma in unzulässiger Weise um. Konstruieren sie doch die Möglichkeit eines irrenden Papst, den es gemäß der Lehre der Kirche und deswegen natürlich auch in der Wirklichkeit niemals gegeben hat und auch nicht geben kann. J.B. Heinrich bemerkt in seiner Dogmatik:

„Was nun die angeblichen Irrthümer und Häresien der Päpste betrifft, so haben die Magdeburger Centuriatoren deren, von der Verleugnung Petri angefangen, eine große Menge angeführt, die teilweise von den Gallicanern und Jansenisten reproducirt wurden. Allmählich haben die Gegner und Bezweifler der päpstlichen Unfehlbarkeit dieselben, wenige – namentlich den Fall des Liberius, des Vigilius und des Honorius – ausgenommen, fallen lassen, bis man in neuester Zeit sich nicht schämte, eine Anzahl der längst von den Gallicanern aufgegebenen Einwände wieder aufzunehmen und einige, noch frivolere, hinzuzufügen.“
(J.B. Heinrich, Dogmatik Band II, S. 421)

Schon die Protestanten haben also – angefangen von der Verleugnung Petri, die natürlich auch P. Franz Schmidberger in seinem Vortrag 2005 in Fulda nicht vergessen hat! – eine Reihe von angeblichen Irrtümern der Päpste zusammengetragen. Aber ihre Argumente konnten offensichtlich keiner sachlichen Prüfung standhalten, so daß man sich auf die wenigen Fälle des Liberius, Vigilius und Honorius beschränken mußte. Erst in der neuesten Zeit – das war für Heinrich die Zeit vor dem (ersten) Vatikanischen Konzil – haben die späteren „Altkatholiken“ eine ganze Reihe „neuere“, wie Heinrich sagt, noch frivolere, „Argumente“ zusammengetragen (man wird hierbei unwillkürlich an den Vortrag von Gregorius Hesse erinnert), die von den Protestanten, Gallikanern und Jansenisten längst als unhaltbar aufgegeben worden waren.

Es ist wirklich auffallend, daß man genau diese falschen kirchengeschichtlichen Argumente wieder und wieder bei vielen sog. Traditionalisten findet. Während jedoch vor dem Vatikanum (I) diese Beispiele von den Irrlehrern als Argumente gegen die Unfehlbarkeit des Papstes angeführt wurden, werden von diesen Traditionalisten dieselben Argumente dazu gebraucht, den Gläubigen einzureden, ein „Papst“ könne durchaus in vielerlei Irrtümer fallen – selbst im Rahmen seiner ordentlichen lehramtlichen Tätigkeit – ohne sein Amt zu verlieren. Wobei man meistens den Begriff „Irrtum“ möglichst im Unklaren läßt und es größtenteils vermeidet (was freilich nicht immer gelingt), von Häresie zu sprechen. Da waren die Protestanten, Gallikaner, Jansenisten und Altkatholiken in ihrer Argumentation durchaus noch folgerichtiger. Sie schlossen nämlich aus der Tatsache der in ihrem Amt in Glaubensfragen irrenden Päpsten, daß es entweder überhaupt keinen päpstlichen Primat gebe, wie die Protestanten, oder daß eigentlich nicht der Papst, sondern nur die Kirche unfehlbar sei, wie die Gallikaner, oder daß der Papst überhaupt nicht unfehlbar sei, wie die Altkatholiken.

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