Vom Lehramt zum Leeramt II

Die sicher auffallendste Veränderung durch das „2. Vatikanum“ ist die radikale Hinwendung zur „Welt“. Pater de Clorivière hatte schon 1796, also kurz nach der französischen Revolution, erkannt: „In diesem finsteren Jahrhundert, das sich freilich rühmen wird, ein Jahrhundert der Aufklärung zu sein, wird es zahlreiche rein fleischliche Menschen ohne jede Kenntnis der göttlichen Dinge geben. Jene sind die Anbeter dieser Welt.“ Pater de Clorivière konnte sich sicherlich noch nicht vorstellen, daß diese Anbeter der Welt einmal die Führung in der Kirche an sich reißen und diese Anbetung der Welt als Grundzug ihrer neuen „Kirche“ festlegen würden. Dennoch ist das allein die folgerichtige Konsequenz des sog. Aggiornamento durch das Konzil. Die moderne Welt betet sich selbst an. Durch ihren vermeintlichen Fortschritt auf allen Gebieten des menschlichen Lebens, fühlt sie sich erhaben über alle vergangenen Zeiten. Die Menschheit sei aus dem Zustand der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ herausgetreten, so sagt man mit den Aufklärern – um sich selbst als Göttin auf den Altar zu erheben. Selbstverständlich muß jeder, der sich dieser Welt annähern will, auch ihren Geist annehmen, wenn er von dieser Welt akzeptiert werden will.

In seiner Audienz vom 5.3.1969 umriß Montini die Haltung seiner „Kirche“ gegenüber der Welt von heute mit folgenden Worten: „Eine dieser Weisungen (des Vat. II), die unsere Lebensweise und noch mehr unsere praktische Haltung verändert, betrifft die Sicht, die wir Katholiken von der Welt haben müssen, in der wir leben. Wie sieht die Kirche die Welt heute? Diese Sicht hat das Konzil genau dargelegt, vertieft und erweitert bis zu einer beträchtlichen Veränderung des Urteils und der Haltung, die wir gegenüber der Welt haben müssen… Diese neue Haltung muss das Kennzeichen der Kirche heute werden, die erwacht (!) und aus ihrem Herzen neue apostolische Energien schöpft… Das schließt noch einen anderen Punkt ein, den wir ebenso neu nennen können: Die Kirche lässt offen Eigenwerte der zeitlichen Wirklichkeit zu d.h. sie anerkennt, dass die Welt Güter besitzt, Unternehmen verwirklicht, Gedanken und Künste hervorbringt, verdient, dass man sie lobt etc. in ihrem Sein, in ihrem Werden, in ihrem Eigenbereich, selbst wenn dieses nicht getauft ist, d.h. wenn es profan, laizistisch, weltlich ist… Die Kirche, sagt das Konzil, anerkennt alles, was es an Gutem im sozialen Dynamismus von heute gibt.“

Die Konzilskirche hat die frühere, biblisch begründete ablehnende Haltung der wahren Kirche zur modernen Welt revidiert. „Diese – völlig neue! – Sicht hat das Konzil genau dargelegt, vertieft und erweitert bis zu einer beträchtlichen Veränderung des Urteils und der Haltung, die wir gegenüber der Welt haben müssen.“ Eine beträchtliche, ja radikale Veränderung des Urteils hat stattgefunden und diese „neue Haltung muss das Kennzeichen der Kirche heute werden, die erwacht (!) und aus ihrem Herzen neue apostolische Energien schöpft…“. In seinem Buch über das „2. Vatikanum“ erklärt Anton Holzer diese Neuorientierung eingehender und zeigt das Ziel auf:

„Das Heil für die Welt von heute bedeutet im Verständnis der «konziliaren Kirche» die Humanisierung der irdischen Verhältnisse, die Herstellung einer humaneren besseren Welt, d.h. die radikale Befreiung des Menschen von allem individuellen und sozialen Elend, die «Errichtung jener brüderlichen Gemeinschaft aller», die der integralen Berufung des Menschen entspricht (n. 3,2).
Diese Akzentverschiebung, diese utopisch-liberale Schwerpunktverlagerung wurde bereits in der Botschaft des Konzils vom 20.10.1962 präludiert, die an alle Menschen (ad universos homines) gerichtet war. Die darin angekündete Erneuerung der Kirche, die «nicht zum Herrschen, sondern zum Dienen» (n. 7) geboren sei, lasse — gemäss der christlichen Liebe: «Caritas Christi urget nos» (n. 10) — einen «glücklichen Antrieb» erwarten, «der zum Fortschritt der menschlichen Güter führe» (ex qua etiam felix procedat impulsus, quo proficiant humana bona, sc. scientiae inventa, artis technicae progressus eruditionisque latior diffusio, n. 8); das christliche Erbarmen lasse beständig auf die Rücksicht nehmen, «die noch nicht zu einer wahrhaft menschlichen Lebensweise gelangt sind» (qui… nondum ad vivendi rationem homine dignam pervenerunt, n. 9), und alles hochschätzen, «was die Menschenwürde betreffe und was zur wahren Gemeinschaft der Völker beitrage» (n. 10), «insbesondere den Frieden und die soziale Gerechtigkeit, so dass gemäss den Grundsätzen des Evangeliums das Leben des Menschen menschlicher werde» (n. 13). (Zitiert nach 5bis/ 23ff).
Das ist also die Entdeckung, die das Vaticanum II gemacht hat «im Glauben daran, dass es vom Geist des Herrn geführt wird, der den Erdkreis erfüllt», indem es auf die Zeichen der Zeit hörend und achtend, «sich bemühte, in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart oder der Absicht Gottes sind» (art. 11,1).“

Schauen wir zeitlich etwas weiter zurück und lassen wir kurz den letzten großen Antimodernisten auf dem Papstthron, den hl. Pius X., zu Wort kommen, damit unser Urteil über unser Thema eine katholische Basis zurückgewinnt. In seiner Antrittsenzyklika „E supremi apostolatus cathedra“ vom 4.10.1903 hatte Papst Pius X., die „Zeichen der Zeit“ erkennend, unter den Gründen für sein Sträuben gegen die Übernahme des Petrusamtes auch folgende Zeitdiagnose angeführt:

„… Dann schreckte Uns, um die anderen Gründe zu übergehen, auf das allerheftigste die gegenwärtige so schwere Bedrängnis des menschlichen Geschlechtes. Es ist ja allen bekannt, daß die menschliche Gesellschaft heute an einer schweren, tiefeingesessenen Krankheit leidet, wie sie die früheren Zeiten nicht gekannt haben. Tag für Tag wächst dieselbe und schleppt ihre Opfer in gänzlicher Zerrüttung dem Untergange zu. Ihr wisst, ehrwürdige Brüder, welches diese Krankheit ist. Der Abfall, die Trennung von Gott, dieser engste Bundesgenosse des Verderbens, nach dem Wort des Propheten: ‚Siehe, die sich weit von dir machen, kommen um.‘ (Ps. 72,27)…“

Nachdem der Papst seine zuversichtliche Erwartung bekundete, daß die Bischöfe ihm bei seinem Programm, „in Christus alles zu erneuern“ (Eph. 1,10) eifrig helfen würden, führte er den Gedanken noch weiter aus:

„Wollten Wir daran zweifeln, dann müssten Wir glauben, dass ihr von dem frevelhaften Kriege, der jetzt fast überall gegen Gott entbrannt ist und geschürt wird, in offenem Widerspruch zu eurer Pflicht nichts wisset oder ihn für bedeutungslos haltet. Denn fürwahr, gegen ihren Schöpfer ‚knirschen die Völker und sinnen Eitles die Nationen‘ (Ps. 2,1), so daß der Ruf der Gottesfeinde: ‚Geh weg von uns!‘ (Job 21,14) fast allgemein geworden ist. In sehr vielen hat er die Ehrfurcht vor dem lebendigen Gott gänzlich ertötet, und man kümmert sich in den Vorkehrungen des öffentlichen und privaten Lebens nicht mehr um den höchsten Herrn. Ja man spart keine Kraft und versäumt kein Mittel, um die Erinnerung an Gott und die Kenntnis von ihm gänzlich zu verwischen. Die Betrachtung dieser Zustände ruft unwillkürlich die Befürchtung wach, als hätten wir in dieser Verderbnis der Herzen die Vorboten, ja den Anfang jener Übel vor uns, welche am Ende der Zeiten zu erwarten sind, oder als weilte ‚der Sohn des Verderbens‘, von dem der Apostel spricht (2. Thess. 2,3), schon jetzt auf Erden. Wird doch überall mit solcher Verwegenheit und solchem Ungestüm versucht, die Ehrfurcht vor der Religion zu erschüttern, und die Beweisführung für die geoffenbarte Glaubenswahrheit bekämpft und auf die völlige Aufhebung jeder pflichtmäßigen Beziehung des Menschen zu Gott mit aller Kraft hingearbeitet. Anderseits — und das ist nach demselben Apostelwort das Merkmal des Antichrists — stellt der Mensch in größter Vermessenheit sich an die Stelle Gottes und erhebt sich (über alles, was Gott genannt wird). Wohl kann er den Gedanken an Gott nicht gänzlich in sich austilgen, doch treibt er die Überhebung so weit, dessen Hoheit zu verleugnen und sich selbst diese sichtbare Welt wie als Tempel zu weihen, um sich von den andern anbeten zu lassen. ‚In Gottes Tempel setzt er sich (so) und gibt sich für Gott aus.‘ (ebd. 2,4).“

Ganz anders als Montini und die Väter des „2. Vatikanums“ wird Pius X. beim Anblick der modernen Welt nicht von Jubel, sondern von Grauen erfaßt, denn er kann darin nur die Zeichen des Kommens des Antichristen erkennen, der die Menschen nach dem großen Abfall dazu bringen wird, ihn als Gott anzubeten. Der hl. Papst ist noch erfüllt von der Wahrheit des göttlichen Wortes, das den unüberwindlichen Gegensatz zwischen der „Welt“ und Gott ganz klar herausstellt. Die Kirche Jesu Christi kann sich deswegen niemals mit der Welt vereinen und den Geist dieser Welt annehmen, weil dieser Geist nicht der Geist Jesu Christi, sondern der Geist des Antichristen ist, wie uns der hl. Johannes in seinem zweiten Brief belehrt: „Liebt nicht die Welt, noch was in der Welt ist! Wenn jemand die Welt liebt, ist die Liebe zum Vater nicht in ihm. Denn alles in der Welt – die Begierde des Fleisches und die Begierde der Augen und die Prahlerei mit dem Vermögen – ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Doch die Welt vergeht samt ihrer Begierde, wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh. 2, 15-17). Und ebenso schreibt der hl. Jakobus in seinem Brief: „Ihr ehebrecherisches Geschlecht, wißt ihr nicht, daß Freundschaft mit der Welt Feindschaft gegen Gott bedeutet? Wer Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes“ (Jak. 4, 4).

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