Vom Lehramt zum Leeramt II

Zwischen der Welt und der Kirche besteht nach der Heiligen Schrift und der ganzen Lehre der Tradition ein unaufhebbarer Gegensatz. Und dieser Gegensatz ist durch die neuzeitliche Entwicklung seit der Renaissance, Reformation und Revolution nicht geringer, sondern nur noch verschärft worden. Aus diesem Grund hatte Pius IX. in seinem Syllabus von 1864 in der These 80 die moderne Forderung verworfen: „Der Papst muß und kann sich mit dem Fortschritt, mit dem Liberalismus und mit der neuen Zivilisation versöhnen und abfinden.“ Dieser von Pius IX. als irrig verworfener Satz umschreibt dagegen ganz präzise die Forderung des „2. Vatikanums“ und das Ziel der Konzilskirche. Der Konzilsgeist ist nichts anderes als der Geist der Humanität. Die neue „Kirche“ begibt sich nunmehr auf die Suche nach dem Reich des Menschen, nach einer humaneren Welt, in der die Rechte und die Würde des Menschen auf Kosten der Rechte Gottes und Seiner Herrschaft gepredigt und gefördert werden.

In seiner Rede zum Konzilsschluß am 7.12.1965 erklärte Paul VI. – eigentlich zum Erstaunen jedes Katholiken:

„Die Kirche des Konzils hat sich sehr mit dem Menschen befasst… wie er leibt und lebt; mit dem Menschen, der sich nicht nur für wert erachtet, dass alle Bemühung auf ihn allein sozusagen als Mittelpunkt gerichtet wird, sondern der sich auch nicht scheut zu behaupten, er sei Prinzip und Grund aller Wirklichkeit… der laizistische und profane Humanismus… hat das Konzil herausgefordert. Die Religion d.h. der Kult Gottes, der Mensch werden wollte, und die Religion — als solche muss sie nämlich angesehen werden — d.h. der Kult des Menschen, der Gott werden will, sind zusammengetroffen. Und was ist geschehen? Gab es einen Streit, einen Kampf, einen Bannfluch? Gewiß, das hätte geschehen können, aber es geschah durchaus nicht. Vorbild und Norm des Konzilsgeistes war jene alte Erzählung vom barmherzigen Samaritan. Denn eine grenzenlose Sympathie mit den Menschen hat das Konzil völlig durchdrungen. Die ganze Aufmerksamkeit des Konzils hat sich den Nöten der Menschen zugewandt, die umso beschwerlicher sind, je mehr der Sohn dieser Erde wächst. Zumindest dieses Lob sollt ihr dem Konzil zuerkennen, ihr Humanisten dieses unseres Zeitalters, die ihr die Wahrheiten leugnet, welche die Natur der Dinge übersteigen, und ebenso unsere neue Humanitätsbemühung anerkennen: denn auch wir, ja wir mehr als alle anderen, haben einen Kult des Menschen…“ (AAS 58, 1966, p. 55f).

Es ist wirklich unglaublich aber wahr, auf dem „2. Vatikanum“ sind die „Religion d.h. der Kult Gottes, der Mensch werden wollte, und die Religion — als solche muss sie nämlich angesehen werden — d.h. der Kult des Menschen, der Gott werden will, … zusammengetroffen. Und was ist geschehen? Gab es einen Streit, einen Kampf, einen Bannfluch? Gewiss, das hätte geschehen können, aber es geschah durchaus nicht!“

Wenn kein Zusammenstoß mehr erfolgte, wie es doch eigentlich notwendig sein müßte – denn „welche Übereinstimmung herrscht zwischen Christus und Belial? Was hat der Gläubige mit dem Ungläubigen zu schaffen?“ (2 Kor 6, 15) – was geschah dann? Lassen wir die „alte Erzählung vom barmherzigen Samaritan“, mit der Montini in blasphemischer Weise die Heilige Schrift gegen sich selbst interpretiert, getrost als Erklärung des Geschehenen beiseite und hören wir uns anderweitig um, damit wir gut verstehen, was während des „2. Vatikanums“ wirklich passiert ist. Schon im vorletzten Jahrhundert „prophezeite“ der vom katholischen Glauben abgefallene Abbé Roca in seinem Buch «Glorieux Centenaire» (p. III) unter Anspielung auf Lk. 22,32: „Der Bekehrte des Vatikan wird — gemäß Christus — seinen Brüdern kein neues Evangelium zu offenbaren haben; er wird nicht die Christenheit noch die Welt insgesamt auf Wege stoßen müssen, die anders wären als die, welchen die Völker unter der geheimen Eingebung des Geistes gefolgt sind; er wird sie vielmehr einfach in dieser modernen Kultur bestätigen müssen, deren evangelische Prinzipien, deren wesentlich christliche Ideen und Werke ohne unser Wissen die Prinzipien, Ideen und Werke der erneuerten Nationen wurden, ehe Rom auch nur im Traum daran dachte, sie zu propagieren. Der Papst wird sich damit begnügen, die Arbeit des Geistes Christi oder des Christ-Geistes im öffentlichen Geist zu bestätigen und zu verherrlichen, und dank seiner persönlichen Unfehlbarkeit wird er kanonisch urbi et orbi erklären, dass die gegenwärtige Kultur die legitime Tochter des Hl. Evangeliums der sozialen Erlösung ist“ (zitiert nach: 56/34).

Abbé Roca war zweifelsohne bestinformiert, als er diese „Prophezeiung“ machte, und Montini erfüllte sie, wie wir sahen, auf dem „2. Vatikanum“ buchstäblich. Er hat den Ungeist der modernen Welt angenommen und gab der Religion des Menschen sein Placet. Dieser neuen Religion der Humanität fehlten jetzt nur noch die Riten. Wie wird man also möglichst ohne Aufruhr neue Riten schaffen und der ganzen katholischen Welt aufoktroyieren können? Nun, auch hier war die Lösung einfach: Man brauchte nur einen Revolutionär an die Spitze der Kirche bringen. Aber schauen wir, ehe wir auf diese Riten zu sprechen kommen, noch ein klein wenig zurück. Schon am 27. März 1960 hatte Msgr. Montini in einer Rede in Turin erklärt: „… Wird der moderne Mensch nicht eines Tages mit dem Fortschritt seiner wissenschaftlichen Studien, die es ihm ermöglichen werden, die Gesetze und Realitäten zu erkennen, die sich hinter dem stummen Antlitz der Materie verbergen, sein Ohr der wunderbaren Stimme des Geistes leihen, der in ihr pulsiert? Sollte dies nicht die Religion von morgen sein? Einstein selbst hat die Spontanität der Religion des Universums geahnt. Oder sollte dies nicht vielleicht meine Religion von heute sein?“

Man ist womöglich überrascht, aber diese Ansicht Montinis, daß irgendein pseudomystischer Pantheismus die neue Religion von heute sei, mag zwar für einen Katholiken etwas befremdlich sein, sie offenbart jedoch viel mehr über die nachkonziliaren Reformen der Sakramentsriten, als man zunächst vermuten mag. Die Hinwendung zur Welt und ihren neu zu entdeckenden Werten hat letztlich in diesem irrigen Glauben von der Spontanität der Religion des Universums ihre Wurzeln. Der neue Gott, das muß man ganz klar sehen und festhalten – das ist die Welt und der Mensch! Entsprechend heißt es im Artikel 3 von „Gaudium et Spes“: „Die Heilige Synode bekennt die hohe Berufung des Menschen… und bietet der Menschheit (!) die aufrichtige Mitarbeit der Kirche an zur Errichtung jener brüderlichen Gemeinschaft aller, die dieser Berufung entspricht.“

Wer sich nur ein wenig mit den Bestrebungen der Einewelt-Ideologen befaßt hat, der weiß sofort, wes Geistes Kind dieser Gedanke nur sein kann. Eine Kirche, die sich anbietet, der Menschheit zu dienen – was das auch immer konkret sein mag, denn man dient nicht einem Abstraktum, sondern immer konkreten Mächten – kann nicht mehr die Kirche Jesu Christi sein, die von Gott nicht dazu gegründet worden ist, der Menschheit und der Welt zu dienen, sondern dem Dreifaltigen Gott alle Ehre zu erweisen und die Menschen zu Jesus Christus zu bekehren, „denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir das Heil erlangen sollen“ (Apg. 4 12).

Dieser Kult des Menschen konnte natürlich nicht auf einmal eingeführt werden, man mußte die Gläubigen allmählich an die „neue“ Sichtweise der Welt und ihres Gottes gewöhnen. Schon vor fast zwei Jahrhunderten sah die „Zeitschrift für Freimaurerei“ (Altenburg 1823, Bd. 1, Heft 1, S. 97f) in dieser weit verbreiteten Unfähigkeit, „sich zu der sublimen Idee der Menschheit erheben zu können“, den „Grund, den Kult der Menschheit den Augen der Profanen zu entziehen, bis die Zeit kommen wird, wo vom Osten bis Westen, vom Mittag bis zur Mitternacht die hohe Idee der Menschheit beherzigt, ihr Kult allgemein verbreitet sein wird, und alle Menschen in eine Herde vereinigt sein werden“.

Jetzt, mit dem „2. Vatikanum“, war diese Zeit gekommen, „wo vom Osten bis Westen, vom Mittag bis zur Mitternacht die hohe Idee der Menschheit beherzigt, ihr Kult allgemein verbreitet sein wird“, und es wird sicher nicht mehr allzu lange dauern, bis „alle Menschen in eine Herde vereinigt sein werden“. Denn das Hindernis gegen den alles umfassenden Weltstaat des Antichristen, das von Gott aufgerichtet wurde, sein Kommen aufzuhalten, war die einzig wahre Kirche Jesus Christi. Dieses Hindernis war nun beseitigt worden! Die neue „Kirche“ stellt sich dem Kommen des Antichristen nicht mehr entgegen, sie fördert vielmehr durch ihren Dienst an der Menschheit sein Kommen.

Ein wesentlicher Teil der Formung der katholischen Welt ist die Liturgie. Zur effektiven Verbreitung des Kults des Menschen war es darum notwendig, den wahren Kult der Kirche Jesu Christi so abzuändern, daß der Paradigmenwechsel nicht sogleich bemerkt wurde. Montini hat auch diese Aufgabe mit Bravour bestanden. Zusammen mit seinen Helfern hat er „im Auftrag des Konzils“ alle (!) sakramentalen Riten erneuern lassen – d.h. etwas genauer ausgedrückt: neu erfinden lassen – und fast die ganze katholische Welt schaute zu und ließ dies geschehen! Nunmehr war der Kult der neu geschaffenen „Kirche“ der Ort, an dem die lebendige Gemeinde zusammenkommt, um als pilgerndes Volk Gottes den Gott der Humanität und des Fortschritts zu verehren. Keiner der im Auftrag Montinis neu geschaffenen Riten hat irgendein Vorbild in der Tradition oder gar irgendeinen über Jahrhunderte in der Kirche gebrauchten Vorläufer.

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