Vom rechten Fasten

von antimodernist2014

Zum Fest des hl. Thomas von Aquin und gleichzeitig ersten Freitag der Fastenzeit bringen wir hier eine Zusammenfassung der Darlegungen des Heiligen über Sinn, Umfang und rechte Weise des kirchlichen Fastens nach seiner „Summa Theologica“ (IIaIIae q.147). Wir weisen darauf hin, daß sich die Fastenvorschriften seit der Zeit des hl. Thomas mehrfach geändert und wir es daher nicht mit den für uns heute gültigen Geboten zu tun haben. Dennoch schadet es nichts, auf diese Weise in den Geist des Fastens einzudringen, der im Mittelalter sicher noch mehr präsent war als heute.

1. Ist das Fasten ein tugendhafter Akt (q.147 a.1)?

Wir nennen eine Handlung tugendhaft, wenn sie durch die Vernunft auf ein ehrenhaftes Gut ausgerichtet ist. Das aber ist beim Fasten der Fall. Das Fasten wird nämlich zu einem dreifachen Zweck unternommen: Erstens, um die Begierlichkeit des Fleisches zu unterdrücken. Daher sagt auch der Apostel in 2 Kor 6,5f: „in Fasten, in Keuschheit“, weil durch das Fasten die Keuschheit bewahrt wird. Wie nämlich der heilige Hieronymus sagt: „Ohne Ceres und Bacchus ist Venus kraftlos“, d.h. durch Enthaltung von Speise und Trank kühlt sich die Geschlechtslust ab. – Zweitens wird das Fasten dazu unternommen, daß sich der Geist freier erheben kann zur Betrachtung der erhabenen Dinge. Daher heißt es in Dan. 10,3ff, daß er (Daniel) nach drei Tagen Fasten eine Offenbarung von Gott erhielt. – Drittes Ziel ist die Buße für die Sünden, weshalb es beim Propheten Joel heißt: „Bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen, mit Fasten, Weinen und Klagen!“ (Joël 2,12)

In diesem Sinn sagt der heilige Augustinus in seiner Predigt „De oratione et ieiunio“: „Das Fasten reinigt den Geist, hebt den Sinn, unterwirft das Fleisch dem Geist, macht das Herz zerknirscht und demütig, vertreibt die Nebel der Begierlichkeit, löscht die Glut der Lüste und entzündet das Licht der Keuschheit.“ Daher ist klar, daß das Fasten ein Akt der Tugend ist.

Ein erster Einwand lautet, daß das Fasten wohl nicht immer tugendhaft ist, denn so klagt schon der Prophet Isaias: „Warum fasten wir, du siehst es aber nicht?“ (Is 58,3). Der heilige Thomas antwortet, daß eine Handlung, die an sich tugendhaft ist, durch irgendwelche damit verbundene Umstände fehlerhaft werden kann. Deshalb fährt der Prophet Isaias auch fort: „Sehet, an eurem Fasttag findet ihr ein Geschäft, all eure Unternehmen betreibt ihr! Seht, zu Streit und Hader fastet ihr und zum Schlagen mit ruchloser Faust; ihr fastet zur Zeit nicht so, daß man in Himmelshöhen euren Gebetsruf hört!“ (Is 58,3f) Dazu kommentiert der heilige Gregorius: Mit dem Geschäft ist das Vergnügen gemeint, das Schlagen entspringt dem Zorn. Umsonst aber wird der Leib durch Enthaltsamkeit gezüchtigt, wenn sich gleichzeitig der Geist in ungeordneten Regungen ergeht. Der heilige Augustinus aber sagt in seiner angeführten Predigt, daß „das Fasten die Geschwätzigkeit nicht liebt, Reichtümer für überflüssig hält, den Stolz verschmäht, die Demut empfiehlt, dem Menschen die Selbsterkenntnis beschert, daß er nämlich äußerst gering und schwach ist.“

Ein zweiter Einwand lautet, daß die Tugend immer in der Mitte liegt und das rechte Maß verlangt. Beim Fasten aber wird das rechte Maß doch unterschritten und der Natur entzogen, was ihr nötig wäre. Dazu sagt der heilige Thomas, daß die Mitte bei der Tugend nicht nach der Menge zu messen ist, sondern nach der rechten Vernunft. Die Vernunft aber sagt uns, daß aus einem bestimmten Grund ein Mensch bisweilen weniger Nahrung zu sich nehmen soll als ihm gewöhnlich zukäme, z.B. wegen einer Krankheit oder wegen besonderer körperlicher Leistungen. Umso mehr wird dies vernünftigerweise unternommen, um geistige Übel zu meiden und Güter zu erlangen. Freilich darf man das Fasten nicht so weit treiben, daß die Erhaltung der Natur nicht mehr gewährleistet ist. So sagt der heilige Hieronymus, es mache keinen Unterschied, ob man sich in langer oder kurzer Zeit tötet, und daß derjenige sein Opfer aus einem Raub darbringt, der entweder durch allzugroßen Nahrungsentzug oder durch Mangel an Essen und Schlaf in unmäßiger Weise seinem Leib schadet. Auch dann wird die rechte Vernunft verletzt, wenn ein Mensch durch übermäßiges Fasten unfähig wird, seine Pflicht zu tun. So sagt der heilige Hieronymus, daß der vernünftige Mensch seine Würde verliert, wenn er das Fasten der Liebe oder die Nachtwachen der Sammlung der Sinne vorzieht.

Das natürliche Fasten, also nur in dem Sinn genommen wie jemand fastet, bevor er etwas ißt, also als einfache Nüchternheit, besteht in einer reinen Negation. Es bedeutet einfach Nicht-essen und kann daher nicht Tugend genannt werden. Dazu ist ein vernünftiger Grund erforderlich, um dessen willen sich jemand der Speise enthält.

2. Zu welcher Tugend gehört das Fasten (a.2)?

Das Fasten ist ein Akt der Tugend der Enthaltsamkeit. Es besteht im eigentlichen Sinn darin, daß man sich von Speisen enthält. In einem metaphorischen Sinn kann man freilich sagen, das Fasten bestehe in der Enthaltung von jedwedem schädlichen Einfluß, darunter besonders die Sünden. Man kann auch sagen, das Fasten bedeute im eigentlichen Sinn die Enthaltung von allen Verlockungen, denn durch jeden damit verbundenen Fehler hört es ja auf, ein tugendhafter Akt zu sein (s.o.).

Eine tugendhafte Handlung kann ohne weiteres ihrerseits auf eine andere Tugend hingeordnet werden. Daher kann das Fasten durchaus der Religion oder der Keuschheit oder sonst einer Tugend dienstbar gemacht werden, ohne deswegen aufzuhören, ein Akt der Tugend der Enthaltsamkeit zu sein.

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