Vom rechten Fasten

Auf den Einwand, das Fasten sei doch eher ein Akt der Tugend der Tapferkeit angesichts all der Beschwerlichkeiten und Kämpfe, denen man sich dabei mutig zu unterziehen hat, antwortet der Aquinate, daß die Tapferkeit sich im eigentlichen Sinn nicht auf das Ertragen jedweder Schwierigkeit bezieht, sondern auf die Tapferkeit in der Todesgefahr. Beim Fasten aber geht es in erster Linie um das Ertragen lästiger Empfindungen des sinnlichen Begehrens, die aber der Tugend der Mäßigkeit oder Enthaltsamkeit unterliegen.

3. Ist das Fasten geboten (a.3)?

Wie es den weltlichen Regierenden zukommt, Gesetze und Vorschriften zu erlassen zur Auslegung des Naturrechts in bezug auf das Gemeinwohl in zeitlichen Dingen, so kommt es den Autoritäten der Kirche zu, festzusetzen und vorzuschreiben, was dem Allgemeinwohl der Gläubigen dient im Hinblick auf die geistlichen Güter. Nun haben wir jedoch festgestellt, daß das Fasten dienlich ist zum Abtragen und Verhindern von Schuld sowie zur Erhebung der Seele zu geistigen Dingen. Jeder einzelne ist schon von der Natur her verpflichtet, das Fasten insoweit in Anwendung zu bringen, als es ihm zu den genannten Zwecken notwendig ist. Daher fällt das Fasten allgemein unter das Naturrecht. Aber die genaue Festlegung der Zeit und der Art des Fastens nach Übereinkunft und Nutzen des christlichen Volkes fällt unter das positive Recht und ist von den kirchlichen Autoritäten festzusetzen. Dies nennen wir das kirchliche Fasten, das andere das natürliche.

Auch wenn vielleicht der einzelne das Fasten nicht so nötig hat, so ist es doch so, daß die Mehrheit der Menschen dessen bedarf, denn „in vielem fehlen wir alle“ (Jak 3,2) und „das Fleisch begehrt auf wider den Geist“ (Gal 5,17). Daher war es angemessen, daß die Kirche ein allgemein von allen zu beobachtendes Fasten vorschrieb, das sich nicht auf das bezieht, was der einzelne nötig hat, sondern was allgemein notwendig ist.

Ein allgemeines Gesetz verpflichtet nicht alle in der gleichen Weise, sondern je nachdem, was notwendig ist im Hinblick auf den Zweck, den der Gesetzgeber im Auge hatte. Verachtet jemand durch seine Übertretung des Gebotes die Autorität des Gesetzgebers oder übertritt er das Gebot in einer Weise, daß dessen Sinn verfehlt wird, so begeht er eine schwere Sünde. Hält sich aber jemand aus einem vernünftigen Grund nicht an das Gebot, besonders in einem solchen Fall, wo auch der Gesetzgeber selbst, falls er denn anwesend wäre, eine Ausnahme machen würde, so begeht er keine schwere Sünde. Daher begehen nicht alle, die sich an das kirchliche Fasten nicht halten, eine Todsünde.

Auf den sogar durch Augustinus-Zitate gestützten Einwand, das Fastengebot lege eine unnötige Beschränkung der Freiheit auf, antwortet der heilige Thomas als Augustinuskenner, daß die Zitate im Hinblick auf solche Gebote zu verstehen sind, die weder auf Konzilien beschlossen noch durch allgemeinen Gebrauch der Kirche approbiert sind. Das kirchliche Fasten wurde aber sehr wohl von Konzilien abgesegnet und durch den allgemeinen Gebrauch der gesamten Kirche approbiert. Es ist keineswegs gegen die Freiheit des christlichen Volkes gerichtet, sondern vielmehr gerade nützlich, die Knechtschaft der Sünde zu verhindern, die der geistigen Freiheit entgegengesetzt ist, gemäß Gal 5,13: „Ja, ihr seid zur Freiheit gerufen, Brüder; nur laßt die Freiheit nicht zum Anreiz werden für das Fleisch!“

4. Sind alle zum kirchlichen Fasten verpflichtet (a.4)?

Allgemeine Gesetze werden erlassen entsprechend ihrem Nutzen für die Allgemeinheit. Daher zielt der Gesetzgeber dabei immer auf das, was allgemein und auf die Mehrheit zutrifft. Ergibt sich für jemanden ein besonderer Umstand, der ein Einhalten der Vorschrift verhindert, so besteht auch keine Absicht des Gesetzgebers, ihn unter diesen Umständen zu verpflichten. Hier muß freilich eine Unterscheidung angebracht werden. Ist nämlich der Grund unmittelbar ersichtlich, so kann ein Mensch sich selbst erlaubterweise von der Einhaltung des Gebots dispensieren (z.B. ein Kranker, der wieder zu Kräften kommen muß), dies zumal wenn diesbezüglich schon eine erprobte Gewohnheit besteht oder der Gesetzgeber selbst nicht gut angehbar ist. Ist die Sache jedoch zweifelhaft, so hat man sich an den entsprechenden Oberen zu wenden, der die Gewalt zur Dispens hat (in den meisten Fällen der zuständige Pfarrer). In diesem Sinn ist also das kirchliche Fasten zu beobachten, das alle im allgemeinen verpflichtet, aber Ausnahmen bei besonderen Hinderungsgründen zuläßt.

Ein offensichtlicher Grund für eine Ausnahme besteht bei Kindern, die schon wegen der Schwäche ihrer Natur oftmals Nahrung brauchen und nicht viel auf einmal zu sich nehmen können, die außerdem noch im Wachstum sind und daher tüchtig essen müssen. Daher sind Kinder in der Wachstumsphase, die gewöhnlich bis zum Ende des „dritten Siebenjahres“ (21 Jahre) dauert, nicht zum Fasten verpflichtet. Freilich ist es angemessen, daß sie sich dennoch bereits vorher im Fasten üben, mehr oder weniger, in einer ihrem Alter entsprechenden Weise. Manchmal jedoch, wenn besondere Wirren oder Gefahr drohen, wird zum Zeichen verschärfter Buße auch den Kindern das Fasten vorgeschrieben, bisweilen sogar dem Vieh, wie wir bei Jonas lesen: „Menschen und Vieh, Rinder und Schafe sollen nichts genießen; sie sollen weder auf die Weide gehen noch Wasser trinken!“ (Jon 3,7)

(An die „Senioren“ scheint man im Mittelalter noch nicht gedacht zu haben; sie waren offensichtlich, sofern sie bis ins Alter überlebt hatten, so robust, daß für sie keine Ausnahme vom Fasten notwendig war. Heute gilt bekanntlich, daß das Fasten nur bis zum Beginn des 60. Lebensjahrs verpflichtet.)

In bezug auf Reisende und Arbeiter muß man unterscheiden: Kann die Reise oder die anstrengende Arbeit bequem verschoben oder doch wenigstens weitgehend gemäßigt werden, ohne Schaden für das körperliche Wohl oder den äußeren Stand, der für die Erhaltung des körperlichen und geistigen Lebens erforderlich ist, so ist deswegen das kirchliche Fasten nicht zu unterlassen. Zwingt jedoch die Notwendigkeit zur sofortigen Reise oder zu anstrengender Arbeit, um entweder das körperliche Leben zu erhalten oder wegen einem Erfordernis des geistigen Lebens, die ein gleichzeitiges Beobachten des kirchlichen Fastens nicht zulassen, so ist man nicht zum Fasten verpflichtet; denn es kann nicht Sinn der kirchlichen Vorschrift sein, andere fromme oder notwendigere Dinge zu verhindern. Freilich scheint es notwendig, sich in solchen Fällen an die zuständige Autorität um Dispens zu wenden, wenn nicht schon eine entsprechende Gewohnheit besteht, die sozusagen stillschweigend genehmigt ist.

Arme, die genug haben, um sich einmal sattzuessen, sind ihrer Armut wegen nicht vom Fasten ausgenommen. Anders bei solchen, die sich ihren Lebensunterhalt erbetteln müssen und nicht genug auf einmal haben, um davon satt zu werden.