Vom rechten Fasten

Aber eigentlich, so lautet ein selbstgestellter Einwand des heiligen Thomas, haben es doch die Christen, zumindest die Frommen, Gerechten, Heiligen, gar nicht nötig zu fasten. Schließlich sagt doch Unser Herr selbst, daß die Freunde des Bräutigams nicht fasten können, solange der Bräutigam bei ihnen ist (Luk 5,34), und an einer anderen Stelle sagt er: „Siehe, ich bin bei euch bis ans Ende der Welt“ (Mt 28,20). Ist Er aber immer bei ihnen durch die geistige Einwohnung, so müssen sie auch nie fasten. Darauf antwortet der Doctor angelicus, daß es drei Auslegungen dieses Herrenwortes von den Freunden des Bräutigams gibt. Die erste stammt vom heiligen Chrysostomus, der die Jünger, die hier „Freunde des Bräutigams“ genannt werden, als noch zu schwach zum Fasten bezeichnet, weshalb sie auch mit dem „alten Gewand“ verglichen werden. Solange Christus noch bei ihnen war, waren sie eher durch eine gewisse Milde und Süßigkeit zu schonen als durch herbes Fasten zu üben. Daher sind mehr die Unvollkommenen und Anfänger vom Fasten zu dispensieren als die Fortgeschrittenen und Vollkommenen. Die zweite Auslegung gibt der heilige Hieronymus, wonach Unser Herr hier vom Fasten der alten Observanz spricht. Christus will also damit sagen, daß die Apostel nicht durch Beobachtung der alten Vorschriften des Gesetzes zu behindern sind, sondern vom neuen Gesetz der Gnade durchdrungen werden müssen. Eine dritte Möglichkeit finden wir bei Augustinus, der ein doppeltes Fasten unterscheidet. Das eine ist das Fasten der Buße und Zerknirschung, das den Vollkommenen nicht zukommt, die hier die „Freunde des Bräutigams“ genannt werden, weshalb dieselbe Stelle bei Lukas lautet: „Die Freunde des Bräutigams können nicht fasten“, während sie bei Matthäus heißt: „Die Freunde des Bräutigams können nicht trauern“ (Mt 9,15). Es gibt aber ein anderes Fasten, das mehr Freude des Geistes ist, der zum Geistlichen befreit ist. Und dieses Fasten steht den Vollkommenen an.

5. Sind die kirchlichen Fastenzeiten passend festgelegt (a.5)?

Das Fasten dient wie gesagt zwei Zwecken: dem Abbüßen von Schuld und dem Erheben des Geistes zu den erhabenen Dingen. Daher war das Fasten besonders in jenen Zeiten angesagt, in denen es notwendig war, die Menschen von Sünden zu reinigen und die Seelen der Gläubigen durch die Andacht zu Gott zu erheben. Das aber ist besonders der Fall vor der Feier der Ostergeheimnisse. Hier nämlich wird zum einen die Schuld nachgelassen durch die Taufe, die feierlich an der Ostervigil gespendet wird, wenn wir das Gedächtnis der Grablegung des Herrn begehen; denn durch die Taufe werden wir mit Christus mitbegraben auf seinen Tod, wie es im Römerbrief (6,4) heißt. Am Osterfest muß der Geist des Menschen auch besonders durch die Andacht zur ewigen Herrlichkeit erhoben werden, die Christus durch seine Auferstehung einleitete. Und deshalb hat die Kirche festgelegt, daß unmittelbar vor der Feier der Ostern gefastet wird, und aus demselben Grund auch an den Vigilien der bedeutenderen Feste, an denen wir uns auf die würdige Feier der Geheimnisse vorbereiten sollen.

Es besteht in der Kirche auch die Gewohnheit, alle Vierteljahre die heiligen Weihen zu spenden. Dies hat Christus durch die Zeichenhandlung vorgebildet, daß er mit 7 Broten 4000 Menschen speiste (Mk 8), um auf diese Weise das „Jahr des Neuen Testamentes“ anzudeuten, wie der heilige Hieronymus sagt. Zum Empfang der heiligen Weihen muß man sich aber durch Fasten vorbereiten, was nicht nur für Spender und Empfänger der Weihen gilt, sondern auch für das ganze Volk, zu dessen Nutzen die Weihen gespendet werden. Daher lesen wir im Evangelium des heiligen Lukas (6,12), daß der Herr, bevor er die Jünger erwählte, auf den Berg ging um zu beten, was der heilige Ambrosius so auslegt: „Was hast du wohl zu tun, wenn du ein geistliches Amt erlangen willst, wenn Christus vor der Aussendung der Apostel gebetet hat?“

Der Grund für die Zahl der 40tägigen Fasten ist ein dreifacher: Erstens, weil die 10 Gebote durch die 4 Bücher des heiligen Evangeliums erfüllt werden, 10 mal 4 aber 40 ergibt; oder weil wir in diesem sterblichen Leibe aus den 4 Elementen bestehen, durch dessen Begierde wir den göttlichen Geboten uns widersetzen, die im Dekalog festgelegt sind, weshalb es angemessen ist, daß wir dasselbe Fleisch vier mal zehn mal züchtigen; oder weil wir Gott dadurch gewissermaßen den Zehnten des Jahres darbringen, das aus 365 Tagen besteht, wovon die sechs Fastenwochen ungefähr den zehnten Teil ausmachen. Nach dem heiligen Augustinus ist noch ein vierter Grund hinzuzufügen. Der Schöpfer nämlich ist dreifaltig, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der unsichtbaren Schöpfung aber kommt ebenfalls die Dreizahl zu; wir sollen nämlich Gott lieben aus ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Denken (Mk 12,30). Der sichtbaren Schöpfung aber kommt die Vierzahl zu, denn sie besteht aus Warm und Kalt, Feucht und Trocken. So ergibt alles zusammen die Zahl zehn. Wird diese mit der Zahl vier vervielfacht, der Zahl des Leibes nämlich, durch dessen Dienst dies geschieht, so erhalten wir die Zahl 40.

Die vierteljährlichen Fasten (Quatember) umfassen jeweils 3 Tage aufgrund der Zahl der Monate, die jedes Quartal ausmachen, oder auch aufgrund der Zahl der heiligen Weihen, die in diesen heiligen Zeiten gespendet werden (die höheren Weihen sind gemeint).

Der heilige Augustinus unterscheidet in „De consensu Evang.“ ein „ieiunium exultationis“, ein Fasten der Freude und des Jubels, und ein „ieiunium afflicitionis“, ein Fasten der Trauer und Buße (s.o. 4.). Wäre dem Osterfest, dieser glorreichen Auferstehungsfeier Unseres Herrn, nicht ein „ieiunium exultationis“ angemessener? Darauf antwortet der heilige Thomas, daß das „ieiunium exultationis“ aus dem Antrieb des Heiligen Geistes hervorgeht, der der Geist der Freiheit ist. Daher kann es nicht unter die Vorschriften der Kirche fallen. Das von der Kirche vorgeschriebene Fasten wird eher ein „ieiunium afflictionis“ sein, das aber zu Freudentagen nicht paßt. Deshalb ist von der Kirche für die gesamte österliche Zeit wie auch für die Sonntage kein Fasten vorgesehen. Wollte jemand an diesen Tagen fasten, wäre es gegen die Gewohnheit des christlichen Volkes, die, wie der heilige Augustinus sagt, als Gesetz behandelt werden muß; oder es geschähe aufgrund eines Irrtums, so wie die Manichäer etwa meinen fasten zu müssen, weil sie sonst nicht gegen Sünden gefeit seien. In sich betrachtet ist das Fasten freilich stets und zu jeder Zeit lobenswert, wie der heilige Hieronymus sagt: „Daß wir doch allezeit fasten könnten!“

6. Ist es zum Fasten erforderlich, nur einmal zu essen (a.6)?

Das Fasten wurde von der Kirche eingerichtet, um die Begierlichkeit zu zügeln, jedoch so, daß die Natur nicht darunter leidet. Dazu aber scheint es auszureichen, sich auf eine Mahlzeit zu beschränken, durch die der Mensch sowohl seiner Natur genüge tun als auch dennoch seiner Begierlichkeit einigen Abbruch tun kann, indem er die Essenszeiten verringert. Daher ist in der maßvollen Weise der Kirche festgesetzt, daß von den Fastenden einmal des Tages gegessen werden soll.

Die Kirche hat keine Speisenmenge festgesetzt, weil sie das aufgrund der verschiedenen körperlichen Verfassungen und Bedürfnisse nicht kann. Der eine braucht mehr, der andere weniger Nahrung. Aber der Mehrzahl ist es doch möglich, der Natur durch eine einmalige Sättigung genüge zu tun.