Vom rechten Fasten

Zur Frage des Trinkens sagt der heilige Thomas, daß wir zu unterscheiden haben zwischen dem Fasten der Natur und dem kirchlichen Fasten. Ersteres gilt beispielsweise für die eucharistische Nüchternheit, die auch durch Getränke und sogar Wasser gebrochen wird, wonach die heiligste Eucharistie nicht mehr empfangen werden darf. (Heute gilt diese strenge Vorschrift nicht mehr. Wasser darf immer getrunken werden, andere, nicht-alkoholische Getränke nach der neueren Regelung bis 1 Stunde vor Empfang der heiligen Kommunion. Alkoholische Getränke und nährende wie Milch sind der festen Speise gleichzustellen und verlangen daher 3 Stunden Nüchternheit.) Beim kirchlichen Fasten ist dies anders. Es wird nur durch das gebrochen, was die Kirche bei seiner Einsetzung für verboten betrachtet hat. Die Kirche wollte aber nicht ein Enthalten von Getränken vorschreiben, das mehr der Erfrischung des Leibes und der Verdauung der Speisen dient als der Ernährung, auch wenn es in irgendeiner Weise nährt. Daher ist es den Fastenden erlaubt, mehrmals zu trinken. Wenn freilich jemand unmäßig trinkt, kann er sündigen und so das Verdienst des Fastens verlieren, ebenso wie derjenige, der die einmalige Sättigung unmäßig übertreibt.

Dasselbe gilt mutatis mutandis für kleinere Knabbereien, die zwar irgendwie nähren, aber in erster Linie der Verdauung wegen eingenommen werden. Sie brechen das Fasten nicht, ebenso wie die Einnahme von Medizin. Es sei denn, jemand wollte das Fasten dadurch umgehen, daß er in großen Mengen Knabbereien zu sich nimmt.

7. Wann soll die einmalige Mahlzeit beim Fasten eingenommen werden (a.7)?

Das Fasten soll, wie bereits gesagt, der Buße und der Vermeidung von Sünden dienen. Darum ist es angebracht, daß es etwas über die allgemeine Gewohnheit hinaus verlangt, ohne freilich dadurch die Natur zu sehr zu belasten. Nun ist es jedoch passende und allgemeine Gewohnheit der Menschen, um die sechste Stunde herum (12 Uhr mittags) zu essen, weil dann das Frühstück bereits verbraucht ist und eine Stärkung für die zweite Tageshälfte vonnöten ist. Damit nun der Fastende etwas von der Buße für begangene Schuld verspürt, wird die Essenszeit für die Fastenden passenderweise auf die Zeit der Non (gegen 15 Uhr) gelegt.

Diese Zeit stimmt auch mit dem Geheimnis der Passion Christi am besten überein, die zur neunten Stunde vollendet war (Mt 27,46), als er Sein Haupt neigte und Seinen Geist aufgab (Joh 19,30). Die Fastenden nämlich, die ihr Fleisch züchtigen, machen sich dem Leiden Christi gleichförmig, gemäß Gal 5,24: „Die Christus Jesus zu eigen sind, haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Begierden.“

Auf den Einwand, daß es im Alten Testament doch üblich gewesen sei, bis zum Abend zu fasten, antwortet der Aquinate, daß das Alte Testament dem Neuen zu vergleichen sei wie die Nacht zum Tag, gemäß Röm 13,12: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag hat sich genaht.“ Daher fastete man im Alten Testament bis zur Nacht, nicht aber im Neuen Testament.

Natürlich können nicht alle die neunte Stunde genau einhalten, gibt der heilige Thomas gerne zu, aber es kommt auch nicht auf die Minute an. Es genügt, daß es „um die neunte Stunde“ geschieht, was von nahezu allen leicht einzuhalten sei.

Der Aufschub von der sechsten zur neunten Stunde ist nicht so groß, daß er ernsthaften Schaden befürchten ließe. In Fällen besonderer Unzuträglichkeit infolge von Krankheit etc. ist eine Dispens möglich oder eine leichte Vorverlegung. (Später kam es in Gebrauch, das Fasten einerseits bis zur Vesper auszudehnen, die Vesper andererseits jedoch noch vor dem Mittag zu beten, weshalb das Essen dann auf die Mittagsstunde fiel. Die neueren Fastenvorschriften sehen ohnehin keine bestimmte Zeit mehr vor für die einmalige Sättigung.)

8. Gehört zum Fasten die Enthaltung von tierischer Kost (a.8)?

Wie oben gesagt wurde, soll das Fasten nach dem Willen der Kirche der Zügelung der fleischlichen Begierden dienen. Diese gehen auf das, was eine gewisse Lust im Gefühlssinn erregt, was beim Essen und der Geschlechtlichkeit der Fall ist. Daher untersagt die Kirche den Fastenden jene Speisen, die am meisten den Geschmackssinn ansprechen und die Geschlechtlichkeit erregen. Von dieser Art ist aber das Fleisch derjenigen Tiere, die auf der Erde ruhen und atmen, sowie deren Erzeugnisse wie etwa die Milchprodukte aus den Grasfressern oder die Eier der Vögel. Weil diese Dinge dem menschlichen Leib gleichförmiger sind, bereiten sie mehr Lust und tragen mehr zur Ernährung des Leibes bei, weshalb sie auch mehr zur Samenbildung beitragen, die die Geschlechtslust besonders erregt. Daher hat die Kirche festgesetzt, daß die Fastenden sich dieser Dinge besonders zu enthalten haben.

Auch der Wein trägt zwar zur Erregung der Geschlechtslust bei, seine Wirkung vergeht aber recht schnell, während die der reichhaltigen Nahrung anhält. Daher ist der Wein nicht verboten, die tierische Kost schon.