Vom rechten Fasten

Warum die Kirche das Essen von Fisch nicht verboten hat, obgleich manchen Fisch lieber ist als Fleisch, liegt daran, daß die Kirche vom Allgemeinen ausgeht, und im allgemeinen wird das Fleisch dem Fisch vorgezogen.

Auf den Einwand, daß es einige Fasten gebe, bei denen Käse und Eier erlaubt seien, warum also nicht bei der 40tägigen Fastenzeit, gibt der heilige Thomas zur Antwort: Käse und Eier sind insofern unerlaubt, als sie von Tieren stammen, die Fleisch haben. Die Enthaltung vom Fleisch ist also die erste und wichtigere. Unter allen Fasten ist aber die 40tägige Fastenzeit die feierlichste, einmal weil sie zur Nachfolge Christi abgehalten wird, dann auch weil wir durch sie darauf vorbereitet werden, die Geheimnisse unserer Erlösung andächtig zu feiern. Daher wird bei jedem Fasten die Enthaltsamkeit von Fleisch vorgeschrieben, in der 40tägigen Fastenzeit aber zusätzlich von Eiern und Milchprodukten. In bezug auf deren Enthaltung in den anderen Fasten gibt es verschiedene Gewohnheiten an den verschiedenen Orten, an die man sich halten soll. So sagt der heilige Hieronymus: „Möge jede Gegend in ihrem Sinn reich sein und die Vorschriften der Vorfahren für apostolische Gesetze ansehen.“

Anmerkungen zum heutigen Fasten

Wir dürfen hier anfügen, was Franz Spirago in seinem „Volkskatechismus“ von 1926 über das Fastengebot schreibt. Er weist darauf hin, dies sei früher „sehr streng“ gewesen, aber „von der Kirche mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse gemildert“ worden. Was würde er erst heute sagen?

Er unterscheidet dann zunächst drei Arten des Fastens: Die Enthaltung von Fleischspeisen („Abstinenz“), die einmalige tägliche Sättigung oder Abbruch („Fasten“) und das sogenannte strenge Fasten, wenn beides zugleich vorgeschrieben ist („Fasten und Abstinenz“). Erstere, die Abstinenz, ist vorgeschrieben an allen Freitagen des Jahres, zweitere besteht für die Fastenzeit, die dritte für die Freitage der Fastenzeit, die Vigilien von Weihnachten und Pfingsten, Aschermittwoch und Quatemberfreitage. „Nach dem Kirchengesetzbuch sollten auch die Samstage in der 40tägigen Fastenzeit und die Vortage vor Maria Himmelfahrt und Allerheiligen strenge Fasttage sein, doch werden sie in der Regel von den Bischöfen kraft apostolischer Vollmacht in Abbruchstage umgewandelt. (Der Gründonnerstag ist kein strenger Fasttag mehr, sondern nur ein Abbruchstag.)“

Die Kirche gebietet uns also erstens, alle Freitage kein Fleisch zu essen. „Zu dieser Faste ist jeder verpflichtet, der über 7 Jahre alt ist.“ „Wenn ein Feiertag (außerhalb der 40tägigen Fastenzeit) auf einen Fasttag fällt oder ein Fasttag auf einen Sonntag, so entfällt das Fasten.“ „In früheren Zeiten war auch am Samstage der Fleischgenuß verboten“ und bisweilen auch am Mittwoch, wie es beispielsweise Skapulierträger bis heute beobachten. Wir sollen uns zweitens „in der 40tägigen Fastenzeit nur einmal des Tages sättigen, um das 40tägige Fasten Christi teilweise nachzuahmen und dadurch die Gnade der Reue für die Osterbeichte zu erlangen“. „Die 40tägige Fastenzeit beginnt mit dem Aschermittwoch und dauert bis zum Karsamstag mittags. Nur die Sonntage in dieser Zeit sind keine Fasttage, wohl aber die Feiertage“, wobei der Aschermittwoch ebenso wie alle Freitage der Fastenzeit Fast- und Abstinenztag ist. Wir sollen drittens an den Quatembertagen fasten, „um den lieben Gott um würdige Priester zu bitten und ihm für die im verflossenen Vierteljahr verliehenen Wohltaten zu danken“, wobei „in vielen Diözesen“ nur noch der Quatemberfreitag ein strenger Fasttag (Fast und Abstinenz) ist, und drittens ist an den Vigilien einiger Feste das strenge Fasten vorgesehen, „um uns auf die Feste in würdiger Weise vorzubereiten und dadurch reichliche Gnaden von Gott zu erlangen“.

Wir sehen, wie ernst man im Jahr 1926 das Fasten immerhin noch genommen hat, wenngleich es damals schon so sehr „gemildert“ war. Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde es dann stets weiter reduziert, so blieben etwa in der 40tägigen Fastenzeit außer dem Aschermittwoch nur noch die Freitage als Fasttage, später nicht einmal mehr diese (bis auf Karfreitag), auch die Quatembertage verloren ihren verpflichtenden Charakter und die meisten Vigilien. Nach dem „neuen Kirchenrecht“ ist sogar das Abstinenzgebot für die Freitage abgeschafft (dies kann ja nun durch ein „Freitagsopfer“ ersetzt werden), es gibt überhaupt nur noch zwei vorgeschriebene Fasttage im ganzen Jahr: Aschermittwoch und Karfreitag, für welche freilich dann das „strenge Fasten“ gilt, allerdings mit so vielen Ausnahmen und Erleichterungen, daß so gut wie nichts davon bleibt.

Papst Benedikt XIV. (nicht zu verwechseln mit dem Austrags-Papst „Benedikt XVI.“!) schrieb am 30. Mai 1741: „In der Beobachtung der Fasten liegt die Zucht unserer Heerschar. Durch sie unterscheiden wir uns von den Feinden des Kreuzes Christi; durch sie wenden wir die Geißel des göttlichen Zornes von uns ab; durch sie, während des Tages von himmlischer Hilfe geschützt, stärken wir uns gegen den Fürsten der Finsternis. Wenn diese hl. Übung nachläßt, so geschieht dies zum Nachteil der Verherrlichung Gottes, zur Schmach der katholischen Religion, zur Gefährdung der christlichen Seelen. Uns kann kein Zweifel darüber obwalten, daß diese Nachlässigkeit eine Quelle von Leiden und Unheil in den öffentlichen Angelegenheiten der Völker und aller Art von Mißgeschick für den einzelnen bedeutet.“ Genau das hat sich heute grausam bewahrheitet.