Drohende Unfehlbarkeit

von antimodernist2014

1. Gleichsam wie die Blumen im Frühling sprießen derzeit die Stilblüten und Kuriositäten hervor, mit welchen die Herren Abbés von der „Piusbruderschaft“ bemüht sind, sich auf die bevorstehenden „Heiligsprechungen“ zweier Konzilspäpste, unter ihnen vor allem der in „Traditionalisten“-Kreisen nicht eben beliebte Karol Wojtyla alias Johannes Paul II., einzustellen. Immerhin, für sie geht es ja auch um etwas. Es geht um nicht weniger als die Rettung der eigenen Existenzgrundlage in Gestalt der Ideologie des „Recognize & Resist“ (R&R), wie es die Amerikaner so schön und kompakt in eine griffige Formel gebracht haben: Anerkenne und widerstehe! Man ist also einerseits entschlossen, den weißgekleideten Mann in Rom um jeden Preis als Papst anzuerkennen, mag es kosten was es wolle, und andererseits die eigene Unabhängigkeit und Ungebundenheit zu wahren, an die man sich inzwischen schon so schön gewöhnt hat, nämlich zu tun, was man will, mag der Papst seinerseits sagen, was er will, weshalb man sich die Freiheit nimmt, dem „Heiligen Vater“ permanent ins Angesicht hinein zu widerstehen.

In dieser ihrer „elliptischen“ Position besteht die Besonderheit, die „differentia specifica“ der „Piusbruderschaft“, wodurch sie sich von anderen Gruppierungen unterscheidet. Denn würde sie einfach nur das „Recognize“ behaupten und ernstnehmen, so wäre nicht einzusehen, wieso sie nicht längst in den „Ecclesia Dei“-Gemeinschaften aufgegangen ist und beispielsweise mit ihrer „Schwester“, der „Petrusbruderschaft“ fusioniert. Würde sie andererseits das „Resist“ wirklich konsequent zu Ende denken, so müßte sie das „Recognize“ aufgeben und geriete gar unter die – Gott bewahre! – „Sedisvakantisten“! Um also ihr „Profil zu schärfen“ und sich gleichzeitig wohltuend als die „Mitte“ zwischen zwei „Extremen“ zu positionieren, halten die „Piusbrüder“ verzweifelt an ihren beiden „Säulen“ fest: Anerkenne UND Widerstehe! Daß sich diese beiden Pole gegenseitig aufheben und sie somit eigentlich gar keinen Halt mehr haben, kann ihnen freilich nicht in den Sinn kommen. Zu sehr haben sie sich schon daran gewöhnt, sich in Ideologien zu bewegen und als eigentlichen Fixpunkt ihres Denkens nur noch sich selbst bzw. ihre „Piusbruderschaft“ und deren Wohlergehen vor Augen zu haben.

2. Nun gibt es einen kritischen Punkt, an welchem die Seifenblase ihrer „R&R“-Ideologie zu platzen droht: die Unfehlbarkeit des Papstes. Denn ganz wesentlich für ihre Rechtfertigung, dem von ihnen theoretisch anerkannten Papst praktisch in allen Dingen und alleweg ungehorsam sein zu dürfen, ist natürlich dessen Fehlbarkeit. Man gehorcht nicht oder widersteht, weil der Papst etwas Falsches, etwas „gegen den Glauben“ sagt oder tut oder verlangt. So die Begründung. Wäre der Papst nun aber auf einmal unfehlbar, so gäbe es keine Ausflucht mehr. Man müßte entweder gehorchen, oder aber man müßte – o unvorstellbarer Graus! – zu dem Schluß kommen, daß der Papst gar nicht der Papst ist und wäre dann – wovor uns der Himmel behüte! – „Sedisvakantist“ geworden! Darum ist die Angst der „Pius“-Patres vor der Unfehlbarkeit des Papstes gerade so groß wie die vor dem „Sedisvakantismus“.

So werden die konziliaren Heiligsprechungen zur unüberwindlichen Klippe, zum zweischneidigen Schwert, welches statt dem bequemen „sowohl als auch“ ein unerbittliches „entweder – oder“ zu verlangen scheint. Denn Heiligsprechungen gehören nun einmal nach einhelliger Ansicht aller Theologen zu den unfehlbaren Akten des Papstes. Wie entkommt man also diesem Dilemma?

3. Abbé Benoît Storez FSSPX meint in seinem Bulletin „Le Belvédère“ vom März 2014 immerhin, das Hindernis der Unfehlbarkeit sei nicht „unüberwindlich“. Das tröstet uns ungemein. Die einfachste Lösung, und die hat man tatsächlich vor einem guten Jahrzehnt bereits allen Ernstes gemeint gefunden zu haben, besteht natürlich darin, die Unfehlbarkeit der Heiligsprechungen generell zu leugnen. Wir haben darüber bereits an anderer Stelle ausführlich gehandelt und brauchen hier nicht weiter darauf einzugehen, zumal dieser gescheiterte Versuch selbst von den „Pius“-Theologen – jedenfalls von den seriöseren unter ihnen – inzwischen aufgegeben ist.

Als nächster Ausweg bietet sich eine Strategie an, der obendrein die Aura besonderer Geistigkeit und übernatürlicher Haltung eignet: das Gebet zu Gott, Er möge den Skandal der geplanten Heiligsprechungen verhindern. Zu solch heiligem Tun hat etwa der „Pius“-Distriktobere von Frankreich seine Gläubigen aufgerufen. Das klingt sehr fromm, bemäntelt jedoch nur schwach das eigentliche Anliegen, nämlich die eigene Ideologie vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Geholfen hat es bisher nicht, und es wird auch diesmal nicht helfen. Zumal das Kind längst in den Brunnen gefallen ist und die bevorstehenden Unheilig-Sprechungen ja nicht die ersten ihrer Art sind.

4. Somit bedarf es weiterer Anstrengungen der Geistesakrobatik, um aus der Zwickmühle herauszukommen und das so kunstvoll ersonnene „R&R“-Luftschloß nicht an der Wahrheit zerschellen zu lassen. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. So verfiel der Vorzeige-Theologe des deutschen „Pius“-Distrikts, P. Gaudron, auf den glänzenden Einfall, daß Heiligsprechungen im Grunde gar nichts anderes aussagen wollten als nur das Faktum, daß die betreffende Person schließlich irgendwann und irgendwie im Himmel angelangt sei – auf welchen Umwegen auch immer, und sollte es Jahrhunderte im Fegefeuer gekostet haben. Heiligkeit im landläufigen Sinn sei damit nicht verbunden, weshalb er denn auch gleich eine Zahl von höchst unheiligen „Heiligen“ anzuführen wußte, die wir gleichwohl einer gewissen Verehrung für würdig hielten, da sie ja nun mal Selige des Himmels seien. In dieser Lesart wäre wohl auch der berühmte „Engel Aloisius“ von Ludwig Thoma ein Heiliger.

5. Der mit dem deutschen Vorzeige-Theologen nicht zu verwechselnde französische „Pius“-Priester Abbé Gaudray hat offensichtlich die Sache etwas eingehender studiert und ist denn auch entschieden anderer Auffassung. Nicht nur stellt er ganz zweifelsfrei fest, daß Heiligsprechungen unfehlbar sind und sein müssen, sondern unterstreicht auch mit Innozenz III. die Bedingungen, welche die Streitende Kirche auf Erden von einer von ihr als heilig zu verehrenden Person verlangt: ein außerordentliches Hervorragen in der Tugend während ihres Erdenlebens und die Verherrlichung durch Wunder nach ihrem Tod. „Beide Bedingungen sind undispensierbar“, betont der Papst und Abbé Gaudray mit ihm, und er erläutert auch mit dem Dictionnaire de Théologie Catholique, was Innozenz III. unter dem außerordentlichen Hervorragen in der Tugend versteht, nämlich den „heroischen Tugendgrad“: „einen Grad der Vollkommenheit von solcher Art, daß er weit über die übliche Weise hinausgeht, in welcher die anderen Menschen, selbst die Gerechten, die Tugend üben“.

Seiten: 1 2