Prinzipien-Streit

von antimodernist2014

1. Im Dunstkreis der „Piusbruderschaft“ ist ein Prinzipien-Streit entstanden, der tief in die Psyche der „Traditionalisten“ verschiedener Couleur blicken läßt. Begonnen hat das Ganze Ende Januar mit einer Predigt des Kapuziner-Paters Jean aus dem französischen Morgon, der wohl dem Kreis des „inneren“ oder „versöhnlichen Widerstands“ zuzurechnen ist. Denn gleich zu Beginn seiner Predigt betont er ausdrücklich seine friedliche Absicht, um sofort danach eine Spaltung in der „Bewegung der Tradition“ festzustellen. Diese Spaltung, so unser Pater, beruhe nicht auf persönlichen Gründen, sondern auf Prinzipien. Sie schließe nicht aus, daß man freundlich miteinander umgehe und beide Seiten freundschaftlich untereinander verbunden blieben und verkehrten; so habe er erst unlängst in einem Priorat der „Piusbruderschaft“ gepredigt und werde bald bei den Dominikanern von Avrillé, die sich unlängst als „Widerstand“ geoutet haben, Vorträge halten. „Soweit es an euch liegt, bleibt in Frieden mit allen“, zitiert der Herr Pater den hl. Paulus.

Sodann entwickelt er den Plan seiner Predigt in drei Teilen. Im ersten Teil weist er nach, daß wir Menschen mit Prinzipien sein müssen, im zweiten will er zeigen, daß wir deswegen „Traditionalisten“ sind, weil wir Menschen mit Prinzipien sind, und im dritten Teil soll eine Anwendung auf die aktuelle Situation in der „Tradition“ geschehen, welche aufzeigt, daß es auch hier um Prinzipien geht.

2. Den ersten Teil brauchen wir nicht zu behandeln, es ist für uns ohnehin klar, daß der heutige Kampf um Prinzipien tobt, und zwar um ganz wesentliche Prinzipien, von welchen letztlich alles abhängt. Interessanter wird es für uns im zweiten Teil, wo der Prediger darlegt, daß beim Widerstand gegen die konziliare Hierarchie Prinzipien in Frage stehen. „Wir sind nicht gegen den Papst, wir sind nicht gegen die Bischöfe. Im Gegenteil, wir beten für sie.“ Natürlich, es soll ja friedlich zugehen. „Aber wir sind gegen ihre falschen Prinzipien.“ Aha. Hier würde ein Dom Sarda y Salvany beispielsweise fragen, wie man gegen falsche Prinzipien kämpfen will, wenn man nicht gegen jene kämpft, die sie verbreiten. Aber weiter im Text.

Der fromme Mönch gibt uns ein Beispiel, um zu verstehen, worum es geht. „Das I. Vatikanische Konzil hat ein Prinzip aufgestellt: ‚Alles hienieden ist auf die Verherrlichung Gottes hingeordnet.‘ Dies ist ein dogmatisches Prinzip, es findet sich in der Heiligen Schrift, das I. Vatikanum hat nichts erfunden, indem es dies erklärt. … Das Vatikanum I hat uns lediglich ein Prinzip ins Gedächtnis gerufen, welches naturgegeben ist: Alles hienieden wurde von Gott zu Seiner Ehre geschaffen. Das II. Vatikanum stellt ein anderes Prinzip auf: ‚Alles hier auf Erden ist auf den Menschen hingeordnet.‘ Das findet sich in jedem Buchstaben des Vatikanums II. Man hat ein anderes Prinzip aufgestellt.“ Darum habe man auch den Altar in der Kirche umgedreht, von Gott zum Menschen.

3. Das ist alles ganz richtig und gut dargestellt. Doch nun kommen wir zum dritten Teil. Abermals beteuert unser guter Pater, daß er in aller Friedfertigkeit und ohne jeden „bitteren Eifer“ spricht. Dann kommt er auf die Spaltung in der „Welt der Tradition“ zu sprechen, welche eine Spaltung der Geister sei und nicht eine Frage der Abspaltung gewisser Priester oder Gemeinschaften, wie der Prediger betont. Es gehe eben auch hier um Prinzipien, näherhin um ein Prinzip, welches Erzbischof Lefebvre uns hinterlassen habe, an welchem darum die einen festhalten wollten, während andere es verlassen hätten. „Es ist das Prinzip, daß man kein praktisches oder kanonisches Abkommen mit den römischen Autoritäten unterzeichnen kann, wenn man nicht zuvor in der Lehre übereinstimmt, wenn wir nicht dieselben Wahrheiten bekennen.“ Er nennt das Beispiel der Unionsverhandlungen zwischen Rom und den orthodoxen Gemeinschaften. Dabei habe Rom gerne Zugeständnisse in der Liturgie und Disziplin gemacht, nie aber in der Lehre.

Darin also liege das aktuelle Problem. Mgr. Lefebvre habe von 1975 bis 1988 versucht, mit Rom zu verhandeln. Er habe es auf der Ebene der Doktrin und auf der praktischen Ebene versucht, sei in seinem Bestreben, mit der kirchlichen Hierarchie in Gemeinschaft zu sein, schließlich sogar zu weit gegangen, was er selbst in bezug auf das „Protokoll“ vom 5. Mai 1988 zugegeben habe. Dann aber, mit den Bischofsweihen, habe er diese Versuche aufgegeben und jenes klare Prinzip aufgestellt, nachzulesen in Fideliter 66: Sollte es wieder zu Verhandlungen kommen, so werde er seine Bedingungen stellen: „die Lehre, die Enzykliken der Päpste. Sind Sie einverstanden damit oder nicht? Wenn nicht, hat es keinen Sinn weiterzureden.“

Dieses Prinzip sei noch 2006 vom Generalkapitel der „Piusbruderschaft“ und 2008 von deren Generaloberem festgehalten worden, 2011 habe es angefangen zu bröckeln, seit 2012 sei es von den Oberen der Bruderschaft praktisch aufgegeben. Darin also liege das Problem. Freilich könne dieser Streit in Ruhe und Frieden, ohne gegenseitige Verurteilungen, geführt werden, denn noch gehe es ja nur um die Prinzipien, solange kein Abkommen unterzeichnet sei. Aber immerhin hätten alle Revolutionen mit Prinzipien begonnen. Die Predigt schließt, wie es sich gehört, mit einem frommen Blick auf die Muttergottes.

4. Diese einem Kapuzinermönch so gut anstehende Friedfertigkeit konnte natürlich einigen anderen nicht gefallen, und so folgte alsbald ein „Offener Brief“ an Père Jean, welcher uns Einblicke in die Gemütslage des „äußeren“ oder „streitenden Widerstands“ gibt. Dieser lobt zwar die Predigt des Paters in seinem ersten Teil, wirft ihm jedoch seinerseits vor, ein irriges und sehr gefährliches Prinzip zu vertreten, nämlich daß man um Prinzipien keinen Krieg zu führen brauche. „Man führt keinen Krieg, bis die Untat geschehen ist. Vorher nicht.“ Dabei würde der Herr Pater sein falsches Prinzip, daß man um Prinzipien nicht streiten müsse, in seiner Predigt selbst widerlegen, indem er darauf hinweist, daß alle Revolutionen mit Prinzipien begonnen hätten. Seit dem Generalkapitel 2012 sei in der „Piusbruderschaft“ ein falsches Prinzip etabliert worden, und darum sei offener Kampf angesagt.

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