Vom Lehramt zum Leeramt III

Darum sagt Pius XI. in seiner Enzyklika Mortalium animos:

„Der Eingeborene Sohn Gottes hat, als er seinen Sendboten den Befehl gab, alle Völker zu lehren, gleichzeitig alle Menschen verpflichtet, den Dingen und Tatsachen Glauben zu schenken, die ihnen durch die von Gott vorherbestimmten Zeugen (Apg 10,41) verkündet wurden, und er hat dieses Gebot mit folgender Sanktion versehen: Wer glaubt und sich taufen läßt, der wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. (Mk 16,16).
Dieses Doppelgebot Christi aber, das Gebot der Lehrverkündigung und das Glaubensgebot, das um der Erreichung unseres Heiles willen erfüllt werden muß, ist keinesfalls verständlich, wenn die Kirche die Lehre des Evangeliums nicht ganz rein und deutlich vorlegt und bei dieser Glaubensvorlage nicht von jeglicher Gefahr des Irrtums frei ist.“

Diese Gedanken sollte heute jeder Traditionalist gründlich erwägen. Denn die allermeisten von ihnen bilden sich durchaus ein, daß sie ganz gut auch ohne den Papst, neben dem Papst oder sogar gegen den Papst katholisch sein können – solange der Papst keine unfehlbare Lehre verkündet, was er nach ihrer Ideologie aber nur höchst selten zuwege bringt. – Wir haben an anderer Stelle schon darauf verwiesen.

Das Vaticanum (I) lehrt in seiner Dogmatischen Konstitution Dei Filius vom 24. April 1870: „Mit göttlichem und katholischem Glauben muß all das geglaubt werden, was im geschriebenen oder überlieferten Wort Gottes enthalten ist und von der Kirche in feierlichem Urteil oder in ihrer allgemeinen und ordentlichen Lehrverkündigung als göttlich geoffenbart zu glauben vorgelegt wird“ (DS 3011).

Aber nicht nur die unfehlbaren Lehren des kirchlichen Lehramtes verpflichten den Katholiken zum Gehorsam, auch dem sog. authentischen Lehramt gegenüber ist der Katholik Gehorsam schuldig. Julius Beßmer S.J. konnte in seinem Buch, Theologie und Philosophie des Modernismus, aus dem Jahre 1912 noch schreiben – man kann es heute kaum noch fassen: „Jeder Katholik weiß, daß er den Lehrentscheidungen des Apostolischen Stuhles, auch wenn sie nur von der Kongregation des Heiligen Offiziums oder von der Indexkongeregation und der heiligen Kongregation für die Sakramente ausgehen, sich mit innerer Zustimmung zu unterwerfen hat.“

Das weiß nun wirklich heute fast kein Katholik mehr! Kein Modernist und auch fast kein Traditionalist ist heutzutage dazu noch bereit. Die allermeisten von den Letzteren haben sich im Gegenteil so daran gewöhnt, das höchste Lehramt ihrem privatem Urteil zu unterwerfen – weil es gerade und sowieso nicht unfehlbar spricht –, daß sie den eigentlichen Sinn dieses Lehramtes, nächste Norm und Richtschnur unseres Glaubens zu sein, völlig aus den Augen verloren haben. Pius XII. hatte noch in seiner Enzyklika „Humani generis“ vom 12. Aug. 1950 gegen die Modernisten angemahnt:

„Das Lehramt wird von ihnen selbst als ein Hemmschuh des Fortschritts und ein Hindernis für die Wissenschaft dargestellt, von manchen Nichtkatholiken aber schon als ungerechtfertigte Zügelung betrachtet, durch die manche gebildetere Theologen von der Erneuerung ihrer Disziplin abgehalten würden. Und obwohl dieses heilige Lehramt in Glaubens- und Sittenfragen für einen jeden Theologen die nächste und allgemeine Norm der Wahrheit sein muß (denn ihm hat Christus, der Herr, die ganze Glaubenshinterlassenschaft – nämlich die Heilige Schrift und die göttliche ‚Überlieferung‘ – anvertraut, um sie zu bewahren, zu beschützen und auszulegen), wird dennoch manchmal die Pflicht, durch die die Gläubigen gehalten sind, auch jene Irrtümer zu meiden, die sich mehr oder weniger einer Häresie nähern, und deshalb ‚auch die Konstitutionen und Dekrete zu beachten, in denen solche verkehrten Auffassungen vom Heiligen Stuhl verworfen und verboten wurden‘ (Vgl. 3045), nicht zur Kenntnis genommen, so als ob es sie nicht gäbe.“ (DH 3884)
„… Man darf auch nicht meinen, das, was in den Enzykliken vorgelegt wird, erfordere an sich keine Zustimmung, weil die Päpste in ihnen nicht die höchste Vollmacht ihres Lehramtes ausüben. Dies wird nämlich vom ordentlichen Lehramt gelehrt; auch von ihm gilt jenes Wort: ‚Wer euch hört, hört mich‘ [ Lk 10,16 ]; und meistens gehört das, was in Enzykliken vorgelegt und eingeschärft wird, schon anderweitig zur katholischen Lehre.“ (DH 3885)

Vertiefen wir unser Wissen über das kirchliche Lehramt noch etwas weiter. Für den Bereich der Lehre sagt das (I.) Vatikanische Konzil: „Den Nachfolgern des Petrus wurde der Heilige Geist … (im Unterschied zu den Aposteln, die noch Empfänger neuer Offenbarung waren) nicht verheißen, damit sie durch seine Offenbarung eine neue Lehre ans Licht brächten, sondern damit sie mit seinem Beistand die durch die Apostel überlieferte Offenbarung bzw. die Hinterlassenschaft des Glaubens heilig bewahrten und getreu auslegten. Ihre apostolische Lehre haben ja alle ehrwürdigen Väter angenommen und die heiligen rechtgläubigen Lehrer verehrt und befolgt; denn sie wußten voll und ganz, daß dieser Stuhl des heiligen Petrus von jedem Irrtum immer unberührt bleibt, gemäß dem an den Fürsten seiner Jünger ergangenen göttlichen Versprechen unseres Herrn und Erlösers: ‚Ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht versage: und du, wenn du einmal bekehrt bist, stärke deine Brüder‘ [Lk 22,32]” (DS 3070). „Diese Gnadengabe der Wahrheit und des nie versagenden Glaubens wurde also dem Petrus und seinen Nachfolgern auf diesem Stuhle von Gott verliehen, damit sie ihr erhabenes Amt zum Heile aller ausübten, damit die gesamte Herde Christi durch sie von der giftigen Speise des Irrtums ferngehalten und mit der Nahrung der himmlischen Lehre ernährt werde, damit durch Aufhebung ‚jeder‘ Gelegenheit zur Spaltung die ganze Kirche einig erhalten werde und, auf ihr Fundament gestützt, sicher gegen die Pforten der Unterwelt bestehe” (DS 3071). Und Papst Leo XIII. erklärte in seiner Kirchenenzyklika „Satis cognitum”, unmittelbar nachdem er von der Primatialvollmacht des Papstes, die Kirche zu lenken und zu regieren, gesprochen hat: „Weil alle Christen durch die Gemeinschaft des einen, unveränderlichen Glaubens mit einander verbunden sein müssen, hat Christus der Herr durch die Kraft seines Gebetes für Petrus auch erlangt, daß er in der Ausübung seines Amtes nie Schiffbruch im Glauben litte. ‚Ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht wanke‘. (Lk 22,32) Überdies trug er ihm auf, sooft es die Umstände forderten, seinen Brüdern Belehrung und Stärke zukommen zu lassen: ‚Bestärke deine Brüder!‘ Nach dem Willen Christi sollte er also zugleich Fundament der Kirche und Stütze des Glaubens sein…” (DS 3070).