Vom Lehramt zum Leeramt III

Dementsprechend erklärt Pius XI. in der Enzyklika Mortalium animos, diese traditionelle Lehre resümierend, über das Lehramt der Kirche und dessen Vollzugsweisen:

„Das Lehramt der Kirche – das durch göttlichen Ratschluß zu dem Zweck auf Erden eingerichtet ist, einerseits daß die geoffenbarten Lehren unversehrt für immer bestehen bleiben, andererseits auch besonders dazu, daß sie leicht und sicher den Menschen zur Kenntnis gebracht werden, – wird zwar durch den römischen Papst und die mit ihm in Gemeinschaft stehenden Bischöfe tagtäglich ausgeübt; aber für den Fall, daß es einmal erforderlich sein sollte, entweder den Irrtümern und Anfeindungen der Häretiker wirksamer entgegenzutreten oder Stücke der heiligen Lehre in deutlicherer und gründlicherer Erklärung dem Sinn der Gläubigen einzuprägen, umfaßt es (das kirchliche Lehramt) auch die Aufgabe, zu gelegener Zeit dazu zu schreiten, etwas in feierlich-förmlichen Riten und Dekreten definitiv vorzulegen.
Durch einen solch außerordentlichen Gebrauch des Lehramtes wird freilich nichts Erfundenes eingeführt noch etwas Neues der Gesamtheit der Lehren hinzugefügt, die in der von Gott der Kirche anvertrauten Offenbarungshinterlage wenigstens einschlußweise enthalten sind.
Vielmehr wird entweder etwas erklärt, was bislang etwa manchen noch dunkel scheinen mochte, oder es wird etwas als Gegenstand verpflichtenden Glaubens festgestellt, was zuvor bei manchen umstritten war.“

Soweit unsere kurze Wiederholung der kirchlichen Lehre zur Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes. Wer nur etwas aufmerksam den Texten der Päpste gefolgt ist, der wird sicher öfters dazu gedrängt worden sein, ein „aber“ einzuflechten, denn diese katholische Auffassung vom unfehlbaren Lehramtes der Kirche paßt freilich nicht mehr zu der durch das „2. Vatikanum“ geschaffenen Realität der Menschenmachwerkskirche. Das falsche Programm des „2. Vatikanums“, unter dem heuchlerischem Anspruch homogener Entfaltung dennoch traditionsfremde Neuerungen einzuführen, wie sie von der heutigen Zeit gefordert werden, hat das offizielle Verständnis des Lehramts in häretischer Weise verändert. Nunmehr sollte die Kirche der Welt nicht mehr die unbequeme, strenge, starre Wahrheit verkünden und den Irrtümern entgegenhalten, sondern das Lehramt sollte vielmehr auf die Welt hören und auf die „Zeichen der Zeit“ achten, um die Bedürfnisse des heutigen Menschen zu erkennen und seine Sprache sprechen zu lernen. Man glaubte nun offensichtlich vollkommen naiv und wirklichkeitsfremd (was man durchaus auch wieder bezweifeln kann, denn so naiv und wirklichkeitsfremd waren nicht die Revolutionäre, sondern nur die „konservativen Steigbügelhalter der Modernisten“, wie sie Pfr. Milch zu nennen pflegte), man könne ohne Sorge um die gesunde Lehre und um deren Homogenität einfach den Menschen von heute aus der kirchlichen Überlieferung dasjenige als Gottes Wort in der (vom Liberalismus und Modernismus geprägten) Sprache des heutigen Menschen mitteilen, was er in seinem Subjektivismus als Bedürfnis empfindet. Der hl. Paulus sah das ganz anders, da er seinen geliebten Timotheus mahnt: „Bewahre das anvertraute Gut, indem du die Neuheiten unheiliger Wörter (Vulgata; bzw. das unfromme leere Gerede; griech. Text) und die Gegenthesen der fälschlich sogenannten ,Erkenntnis (Wissenschaft)‘ vermeidest, zu der sich gewisse Leute bekannt haben und dadurch vom Glauben abgeirrt sind!“ (1 Tim 6,20; vgl. 2 Tim 2,16 und Kol 2,8).

Wie viel Neuheiten unheiliger Wörter und unfrommes leeres Gerede ist seitdem vom postkonziliaren Rom aus über das katholische Kirchenvolk in der ganzen Welt ausgegossen worden! Die Säule und Grundfeste der Wahrheit, die Lehrerin aller Völker war zum Sammelbecken aller Häresien geworden, zur Buhlerin, die fortan der Welt schmeicheln und nach dem Munde reden wollte. Infolge dieser wesentlichen Sinnänderung des Lehramtes wurde das „alte“ Lehramt seines eigentlichen Inhalts entleert und es wurde damit an sich sinnlos. Dennoch behielten die Revolutionäre dieses Amt vorerst noch bei, um damit umso effektiver ihre neuen Ideen verbreiten zu können. Paul VI. hatte durchaus gewußt, warum er die Tiara, das aufreizendste Würdezeichen der dreigliedrigen hierarchischen Hoheit des Papsttums, abgelegt und auf den Altar der Peterskirche gelegt hatte. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, daß er nunmehr keine göttliche Vollmacht mehr habe, weil er sie für seine neue Menschenmachwerkskirche auch nicht mehr brauchte – da der moderne Mensch an solch mittelalterlichen Absonderlichkeiten sowieso und zudem ganz zurecht nicht mehr glaubt. Montini wird fortan nur noch dann auf seine höchste Vollmacht zurückgreifen, wenn es der Revolution dienlich ist und er sein Zerstörungswerk vorwärtsbringen möchte. Ansonsten ist sein „Papsttum“ nur noch ein Dienst an der Menschheit.

Es läßt sich leicht verstehen, daß besonders die konservativen Katholiken infolge dieser Wesensänderung des Papstamtes erhebliche Schwierigkeiten bekamen, das nachkonziliare „Papsttum“ in ihre konservative Theologie noch irgendwie einzuordnen. Die Nachkonzilspäpste leisteten sich schließlich eine solche Menge von fundamentalen Fehlern, daß sie offensichtlich aus dem durch die kirchliche Lehre von der Unfehlbarkeit gegebenen Rahmen herausfielen. Ein Ausweg aus dem Dilemma war für sie allein noch der von den Modernisten schon vorgegebene und seit Jahrzehnten praktizierte Weg: Die Einschränkung der Unfehlbarkeit auf das absolute Minimum, d.h. auf die außerordentlichsten, feierlichsten, auffallendsten Akte des unfehlbaren Lehramtes, so daß de facto vom Lehramt nichts mehr übrigblieb. Ein unfehlbarer Akt des Lehramtes erschien plötzlich nicht nur als ein äußerst seltenes, alle Jahrhunderte einmal eintretendes Ereignis, nein, er erschien als das Schlimmste, was in der Kirche überhaupt passieren konnte. Solange nämlich dieser „Papst“ nicht in dieser außerordentlich seltenen Weise unfehlbar war, meinte man keine Probleme mit diesem „Papst“ zu haben. Hierzu nur ein einziges Beispiel aus prominentem Traditionalistenmund, wobei sich solcherart Ausführungen beliebig vermehren ließen: „…Unfehlbar?… die Unfehlbarkeit ist sehr beschränkt. Aber ich denke, es ist nicht gegen die Verheißungen unseres Herrn Jesus Christus, daß ein Papst eventuell durch eine ungeordnete Pastoral, durch eine falsche Pastoral die Gläubigen in die Apostasie führen kann… Das ist nicht unmöglich. Es ist nie gesagt worden, daß der Papst keine Dinge tun werde, die dem Wohl der Kirche entgegengesetzt sind…“ (Erzb. M. Lefebvre, Exerzitienvortrag vom 4. September 1987, in: Le Sel de la Terre, Nr. 31, Hiver 1999-2000, S. 203).

Der mitdenkende Leser wird angesichts solcher Erwägungen hoffentlich etwas ins Stocken geraten sein. Ist es wirklich gemäß der Lehre der Kirche denkbar, daß ein Papst eventuell durch eine ungeordnete Pastoral, durch eine falsche Pastoral die Gläubigen in die Apostasie führen kann? – man muß hier natürlich ergänzen: ein legitimer Papst, der die Gläubigen durch eine falsche Pastoral in die Apostasie (!) führt!

Lassen wir am besten zu dieser doch etwas abwegigen Vorstellung die Kirche selbst zu Wort kommen. Pius VI. schreibt in seiner Bulle gegen die Synode von Pistoja : „Der Satz der Synode, in dem sie erklärt, sie wünsche, daß die Ursachen beseitigt würden, durch welche die sich auf die Ordnung der Liturgie beziehenden Grundsätze teilweise in Vergessenheit geraten seien, ‚indem man ihre Riten wieder vereinfacht, sie in der Volkssprache abhält und mit lauter Stimme vorträgt‘, so als ob die von der Kirche angenommene und gebilligte gültige Ordnung der Liturgie einem Vergessen der Grundsätze, nach denen sie sich richten muß, entsprungen wäre, leichtfertig, für fromme Ohren anstößig, gegenüber der Kirche beleidigend und begünstigt die Vorwürfe der Häretiker gegen sie” (Bulle „Auctorem fidei” vom 28. August 1794. DS/DH 2633).