Vom Lehramt zum Leeramt III

Zudem erklärt er die These, in der kirchlichen Disziplin müsse „das, was notwendig oder nützlich ist, um die Gläubigen im Geiste zu erhalten, von dem unterschieden werden, was unnütz oder lästiger ist, als es die Freiheit der Kinder des neuen Bundes erträgt, aber mehr noch von dem, was gefährlich oder schädlich ist, da es zum Aberglauben und Materialismus führt, insofern sie angesichts der Allgemeinheit ihrer Worte auch die von der Kirche festgesetzte und gebilligte Ordnung umfaßt und der eben beschriebenen Prüfung unterwirft, so als ob die Kirche, die durch den Geist Gottes geleitet wird, eine Ordnung festsetzen könnte, die nicht nur unnütz ist und lästiger, als es die christliche Freiheit erträgt, sondern sogar gefährlich, schädlich und in Aberglauben und Materialismus führend wäre“ für „falsch, leichtfertig, Ärgernis erregend, verderblich, für fromme Ohren anstößig, gegenüber der Kirche und dem Geist Gottes, durch den sie geleitet wird, ungerecht, zumindest irrig“ (ebd. DS/DH 2678).

Und Gregor XVI. betont im selben Sinne und nachdrücklich: „…Könnte derart also die Kirche, die doch die Säule und Grundfeste der Wahrheit ist und die offenkundig ohne Unterlaß vom Hl. Geist die Unterweisung in der ganzen Wahrheit empfängt, etwas anordnen, genehmigen oder erlauben, was zum Schaden des Seelenheils und zur Verachtung oder zum Schaden eines von Christus eingesetzten Sakramentes ausschlüge? ‚Gibt es einen anmaßenderen Wahn, – sagte der hl. Augustin, – als, wenn die ganze Kirche in der ganzen Welt eine Praxis sich zu eigen macht, diese Handlungsweise anzufechten?‘… Es wäre zu langwierig,… die Aufzählung der irrigen Meinung dieser Neuerer weiterzuverfolgen… Es mag genügen, darauf hinzuweisen, daß Meinungen dieser Art aus keiner anderen vergifteten Quelle fließen und aus keinen anderen Prinzipien folgen als jenen, die durch das feierliche Urteil der Kirche schon vor langer Zeit in der mehrfach zitierten Konstitution Auctorem fidei, insbesondere in den Thesen 30, 33, 66 und 78, verurteilt wurden“ (Enzyklika „Quo graviora” vom 4. Oktober 1833 an die Bischöfe der Rheinprovinz. EPS/L n. 135-136, S. 110).

Der Domatiker J.B. Heinrich faßt diese Lehre der Kirche wie folgt zusammen: „Es ist also mindestens eine vollkommen gewisse theologische Wahrheit, daß die allgemeine Disziplin der Kirche, den Cultus eingeschlossen, niemals in irgend einem Punkte mit der Glaubens- und Sittenlehre, mit der von Gott eingesetzten Verfassung der Kirche und mit dem Seelenheile der Menschen im Widerspruche stehen kann.“

Es ist also durchaus gegen die Verheißung Christi an Seine Kirche, daß ein Papst eventuell durch eine ungeordnete Pastoral, durch eine falsche Pastoral die Gläubigen in die Apostasie führen kann. Etwas Derartiges ist auch in der ganzen Kirchengeschichte niemals vorgekommen, bis zu jenem Räuberkonzil, das man das „2. Vatikanum“ nennt. Denn wenn man die glaubenszerstörenden Änderungen der Konzilspäpste ganz einfach einmal ernst nimmt, wozu offensichtlich ein Großteil der sog. Traditionalisten nicht mehr fähig ist, bereiten sie einem nicht geringe Bauchschmerzen. Sowohl die Lehre, als auch die Disziplin, als auch die Liturgie sind in einer Weise verändert worden, daß man diese Änderungen durchaus als glaubensgefährdend, ja zur Apostasie führend bezeichnen muß. Aber wie ist das zu beurteilen? Konnte Paul VI. all das als Papst tun? Wie ist das etwa mit den für die ganze Kirche vorgeschriebenen neuen Riten Pauls VI., konnte er diese mit höchster päpstlicher Autorität der Kirche vorschreiben? An dieser Gretchenfrage scheiden sich die Geister. Denn letztlich muß sich jeder Katholik entscheiden: Entweder, wenn er den Papst als legitim anerkennt, muß er auch die von ihm geschaffenen Riten als katholisch akzeptieren, oder er muß den Papst als seines Amtes verlustig erklären, weil er diese Riten als unkatholsich verurteilt – oder er muß, wie es P. Matthias Gaudron von der FSSPX (sozusagen ein Schüler Mgr. Lefebvres) in seinem Buch „Katholischer Katechismus zur Kirchlichen Krise“ in der 62. Frage „Gehört die Promulgation eines Ritus nicht zur Unfehlbarkeit der Kirche?“ fertigbringt, einfach schreiben: „Es wird manchmal behauptet, die Einsetzung eines neuen Ritus oder die Veröffentlichung eines allgemeinen (z.B. liturgischen) Gesetzes fielen automatisch unter die Unfehlbarkeit der Kirche, so daß hier nichts Falsches oder der Kirche Schädliches enthalten sein könne. Dies ist aber nicht wahr. Es verhält sich hier ähnlich wie mit der päpstlichen Unfehlbarkeit. So wie nicht jedes Wort des Papstes unfehlbar ist, sondern die Unfehlbarkeit ihm nur dann zukommt, wenn er sie beansprucht, so ist auch nicht jedes liturgische Gesetz von sich aus unfehlbar, sondern nur dann, wenn die Kirche dieses mit ihrer ganzen Autorität erläßt und hier unfehlbar sein will” (P. Matthias Gaudron, Katholischer Katechismus zur Kirchlichen Krise. Rex Regum Verlag Jaidhof/Österreich 1997, S. 94).

Es schon wirklich sehr befremdlich, mit welcher Dreistigkeit P. Gaudron behauptet, das, was Pius VI., Gregor XVI., Pius IX., Leo XIII. usw. geschrieben haben, sei nicht wahr – so als könnte „die Kirche, die doch die Säule und Grundfeste der Wahrheit ist und die offenkundig ohne Unterlaß vom Hl. Geist die Unterweisung in der ganzen Wahrheit empfängt, etwas anordnen, genehmigen oder erlauben, was zum Schaden des Seelenheils und zur Verachtung oder zum Schaden eines von Christus eingesetzten Sakramentes ausschlüge?“

Denn das ist ja die unmittelbare und notwendige Folge davon, wenn die Kirche in allgemeinen disziplinären und liturgischen Gesetzen nicht unfehlbar ist, die Kirche kann dann etwa – laut der Ideologie der FSSPX – eine „in sich schlechte“ Messe haben, was doch zweifelsohne zum Schaden des Seelenheils und zur Verachtung oder zum Schaden eines von Christus eingesetzten Sakramentes ausschlüge, verbietet doch genau aus diesem Grund dieselbe FSSPX (wenigstens war das lange Zeit der Fall; was zur Zeit gerade für eine Auffassung vertreten wird, ist aufgrund der Wirren in der Gemeinschaft nicht sicher zu sagen) ihren Anhängern, die Neue Messe Pauls VI. zu besuchen. Was ist das aber für eine „Kirche“, die ihre Gläubigen, anstatt in den Himmel, in die Hölle führt? Die wahre Kirche, die Kirche Jesu Christi, die offenkundig ohne Unterlaß vom Hl. Geist die Unterweisung in der ganzen Wahrheit empfängt, kann sie ganz gewiß nicht sein. Die Kirche Jesu Christi ist gerade deswegen nicht nur ab und zu, wenn der Papst gerade einmal Lust und Laune verspürt, sondern immer dann unfehlbar, wenn es um den Wesensbestand der Kirche geht und das ist immer in der Verkündigung der Lehre und der Sitten, den allgemeinen disziplinären und liturgischen Gesetzen, den Heiligsprechungen und der Anerkennung der Orden der Fall. Die Kirche Jesu Christi muß hierin immer unfehlbar sein, weil sie die makellose Braut Christi ist, die etwa immer einen makellosen, heiligen Ritus der Gottesverehrung haben muß und keinen „Bastardritus“ (Mgr. Lefebvre) haben kann.

Es ist letztlich eine evidente Tatsche, an der niemand vorbeikommt: Durch Paul VI. ist das Lehramt der Kirche grundsätzlich, wesentlich verändert und zum Leeramt geworden. Darum auch die Not gewisser Traditionalisten, mit diesem neuen Leeramt richtig umzugehen. Sie müssen nämlich diesem Leeramt notwendigerweise die (d.h. ihre!) Tradition überstülpen – wobei sie jedoch in keiner Weise mehr wahrnehmen und auch nicht mehr wahrnehmen können, daß sich damit etwas Wesentliches, Entscheidendes, Grundlegendes ändert hat: Sie machen dadurch die entfernte Norm des Glaubens zur nächsten Norm des Glaubens. D.h. konkret gesprochen: sie sind immer selbst die letztentscheidende Instanz des Urteils, sie sind das Lehramt und nicht mehr ihr „Papst“ und Rom. Wie wir an anderer Stelle gezeigt haben, ist dieses Verhalten inzwischen bei vielen Traditionalisten so sehr zur Gewohnheit geworden, daß alle Argumente ins Leere gehen – wie könnte es auch anders sein bei so einem Leeramt.

Als Schluß möchten wir einen Brief in Erinnerung rufen, den Pius IX. am 28. Oktober 1870 an die Bischofskonferenz von Fulda schrieb. Der Anlaß des Briefes waren die Unruhen unter den deutschen Katholiken nach der Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogmas durch das Erste Vatikanische Konzil. Diese Unruhen wurden durch die sog. Altkatholiken verursacht, welche das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes leugneten. Wenn man den Brief liest, könnte man fast meinen, er sei an die heutigen Traditionalisten geschrieben:

„Wie alle Begünstiger der Häresie und des Schismas rühmen sie sich fälschlich, den alten katholischen Glauben bewahrt zu haben, während sie doch gerade das Hauptfundament des Glaubens und der katholischen Lehre umstürzen.
Sie anerkennen sehr wohl in der Schrift und in der Tradition die Quelle der göttlichen Offenbarung; aber sie weigern sich, das allzeit lebendige Lehramt der Kirche zu hören, obwohl es sich doch klar aus der Schrift und Tradition ergibt und von Gott eingesetzt ist als ständiger Hüter der unfehlbaren Darlegung und Erklärung der durch diese Quellen überlieferten Dogmen.
Demzufolge erheben sie sich ihrerseits selbst – mit ihrem falschen und beschränkten Wissen, unabhängig und sogar im Gegensatz zur Autorität dieses göttlicherseits eingesetzten Lehramtes, – zu Richtern über die in diesen Quellen der Offenbarung enthaltenen Dogmen.
Tun sie denn so etwas anderes, wenn sie in bezug auf ein von uns mit der Approbation des hl. Konzils definiertes Glaubensdogma leugnen, daß dies eine von Gott geoffenbarte Wahrheit ist, die eine Zustimmung katholischen Glaubens verlangt, (und zwar) ganz einfach deswegen (leugnen), weil sich dieses Dogma – ihrer Ansicht nach – nicht in der Schrift und in der Tradition findet?
Als ob es nicht eine Ordnung im Glauben gäbe, die von unserem Erlöser seiner Kirche eingestiftet und immer bewahrt worden wäre, wonach die Definition eines Dogmas selbst für sich allein schon als ein hinreichender, sehr sicherer und für alle Gläubigen geeigneter Beweis dafür gehalten werden muß, daß die definierte Lehre in der doppelten, nämlich der schriftlichen und der mündlichen, Glaubenshinterlage enthalten ist.“
(Brief „Inter gravissimas“ vom 28. Oktober 1870 an die Bischofskonferenz von Fulda.)
(Anmerkung: was Pius IX. hier direkt nur von den feierlichen Urteilen eines Konzils verurteilt, weil gerade diese damals in Frage gestellt wurden, gilt genau so von den ex-cathedra-Erklärungen der Päpste und den einmütig vorgetragenen Lehren des allgemeinen ordentlichen Lehramtes.)