Der englische Gruß

von antimodernist2014

1. Das Fest der Verkündigung Mariens ist zugleich das Fest des „Ave Maria“, denn den Worten, welche der heilige Erzengel Gabriel an diesem Tag an die allerseligste Jungfrau richtete, verdanken wir den „englischen Gruß“. Der heilige Thomas von Aquin lehrt uns darüber, daß dieser drei Teile enthält. Er beginnt mit dem Gruß des Engels: „Gegrüßet seist du, du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Weibern.“ Es folgen die Worte ihrer Base, der heiligen Elisabeth, welche die Mutter von Johannes dem Täufer gewesen ist: „Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.“ Die Kirche hat den Namen „Maria“ hinzugefügt, denn dieser war im ursprünglichen Gruß des Engels nicht enthalten. Dennoch entspricht seine Einfügung vollkommen den Worten des heiligen Gabriel.

2. Der heilige Thomas weist darauf hin, „daß es schon in ältester Zeit etwas sehr Großes war, wenn Engel den Menschen erschienen, und man es den Menschen zum höchsten Lobe anrechnete, wenn sie den Engeln Ehrfurcht erwiesen“, so wie es z.B. bei Abraham war. „Daß aber ein Engel einem Menschen Ehrfurcht erwies, das war etwas Unerhörtes, bis der Erzengel Gabriel die allerseligste Jungfrau grüßte, indem er ehrerbietig zu ihr sprach: ‚Gegrüßet seist du!’“ Es mag dies ein Grund für das Erschrecken der allerseligsten Jungfrau gewesen sein und zeigt, daß hier wirklich etwas ganz Neues, Unerhörtes geschah.

3. Der Grund, warum normalerweise die Menschen den Engeln Ehrfurcht zu erzeigen haben und nicht umgekehrt, liegt darin, „daß die Engel höhere Wesen als die Menschen sind“, und das in dreifacher Hinsicht: Erstens hinsichtlich ihrer Würde, denn die „Engel besitzen eine rein geistige Natur, die Menschen hingegen eine der Verwesung unterworfene“; zweitens in der Gottesnähe, denn die „Engel sind gewissermaßen Hausfreunde Gottes, da sie Ihm zur Seite stehen; die Menschen hingegen sind durch die Sünde gleichsam Gott entfremdet und von Ihm entfernt“; drittens endlich in „Hinsicht auf die Fülle des göttlichen Gnadenlichtes“, an welchem die Engel „in höchstem Maße“ teilnehmen. „Deshalb erscheinen sie auch stets von Licht umflossen. Die Menschen hingegen nehmen an jenem Gnadenlichte nur in beschränktem Maße teil, so daß sie immer mit etwas Dunkelheit erscheinen.“

4. Wenn also nun der Engel die Jungfrau grüßt, so entnehmen wir daraus, daß sie ihrerseits dem Engel in dieser dreifachen Hinsicht überlegen war. Zunächst nämlich übertraf sie die Engel durch Fülle an Gnade, was der heilige Erzengel andeutete durch die Worte: „Du bist voll der Gnade.“ Diese Gnadenfülle ist wiederum eine dreifache. Einmal besteht sie in bezug auf ihre Seele. Die Gnade wird einer Seele von Gott verliehen, um das Gute zu tun und das Böse zu meiden. Da die allerseligste Jungfrau die Gnade im höchsten Maße besaß, hat sie „die Sünde mehr gemieden als irgendein Heiliger nach Christus, und auch alle Tugenden ausgeübt“. Während sich andere Heilige mehr in der einen oder anderen Tugend auszeichnen, etwa in der Demut oder Keuschheit, und uns daher als Vorbilder für je bestimmte Tugenden vorgestellt werden, so ist die allerseligste Jungfrau vollkommen und Vorbild in allen Tugenden.

Zweitens äußerte sich die Gnadenfülle durch ihr Überströmen von der Seele auf den Leib. Die Seele der allerseligsten Jungfrau „war so von Gnade erfüllt, daß diese auf den Leib überströmte, so daß er den Sohn Gottes empfangen konnte“. Drittens ist kennzeichnend für ihre Gnadenfülle, daß diese auf alle Menschen überströmt. Wenn ein Heiliger soviel Gnade besitzt, daß sie „zum Heile vieler anderer hinreicht“, ist es schon etwas Großes. Das Höchste ist aber, so viel Gnade zu besitzen, daß sie „zum Heile aller Menschen der Welt hinreichte“. Eben das war nächst Christus bei der allerseligsten Jungfrau der Fall. „Darum kannst du von ihr in jeder Gefahr Hilfe erlangen und Beistand bei guten Werken jeglicher Art.“ Wie wir sehen, ist dieser in der Kirche von jeher geübte fromme Brauch theologisch fest begründet.

„So ist also die allerseligste Jungfrau voll der Gnade und übertrifft die Engel durch ihre Gnadenfülle. Deshalb wird sie mit Recht ‚Maria‘ genannt, was soviel bedeutet wie ‚die in sich Erleuchtete‘ und auch ‚die Erleuchterin der anderen‘, nämlich aller Menschen der Welt. Deshalb wird sie auch mit der Sonne und dem Mond verglichen.“

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