Komm, wir spielen Kirche!

von antimodernist2014

Es ist wirklich nicht ganz einfach, sich als Katholik in dieser Zeit der Verfinsterung der Kirche zurechtzufinden. Denn sobald die sichtbaren Strukturen der Kirche mehr und mehr wegbrechen, tappt der Katholik zunehmend im Dunkeln. Kardinal Pie, einer der größten Apostel des Christkönigs, erwog am 8. November 1859 bei einem Vortrag in Nantes die Konsequenzen des Triumphs der Revolution und faßt seine Gedanken so zusammen: „Man wird den Glauben fast nicht mehr auf Erden finden, was heißt, daß er beinahe gänzlich aus sämtlichen irdischen Institutionen verschwunden sein wird…. Die Kirche, als Gemeinschaft zweifellos immer noch sichtbar, wird immer mehr auf rein individuelle und familiäre Dimensionen reduziert werden“ (Kardinal Pie, „Oeuvres“ [„Werke“], Ed. Oudin, 1873, 4. Auflage, Band 3, S. 522).

Die allermeisten Traditionalisten wollen dies nicht wahrhaben und beginnen deswegen, Kirche zu spielen. Anstatt der Realität der papstlosen Zeit nüchtern zu begegnen, versuchen sie sich in einen sicheren Hafen einer Ersatzinstitution zu flüchten, von der sie eigentlich wissen müßten, daß es sie so gar nicht mehr geben kann. Einen solchen Versuch beschreibt der auf der Homepage der FSSPX veröffentlichte Brief von P. Karl Stehlin vom 6. Februar 2014. Dieser Brief ist ein, in einem sehr persönlichen Ton gehaltenes Schreiben „An den ehrwürdigen Pater Antoine, den ehrwürdigen Pater Jean und die ganze Gemeinschaft der ehrwürdigen Kapuziner-Brüder“. Warum man ein so persönlich gehaltenes Schreiben im Internet veröffentlichen muß, das ist gleich zu Beginn unserer Überlegungen eines jener offenen Geheimnisse, hinter das wir hier nicht weiter blicken wollen. Wir wollen jedoch der Sache an sich etwas tiefer auf den Grund gehen, da der Brief ein Paradebeispiel dafür ist, wie man in gewissen Kreisen der Tradition mit „der Sache“, womit der Glaube gemeint ist, umgeht.

Nach einer floskelreichen Einleitung meint P. Stehlin, die Kapuziner von Morgon (Frankreich) wegen der Predigt Pater Jeans vom dritten Sonntag nach Erscheinung an fünf Prinzipien erinnern zu müssen, die es im Kampf gegen die „Widerständler“ zu beachten gelte.

Das erste Prinzip, auf das der Pater zu sprechen kommt, ist das des Gehorsams. Er stellt dieses Prinzip selbstverständlich an den Anfang seiner Erwägungen, weil das Argument des Gehorsams eine Schlüsselrolle in seinem Kampf gegen die „Widerständler“ einnimmt, wobei er, wie immer in seinen Ausführungen, gelegen oder ungelegen auch auf P. Maximilian Kolbe und seine Militia Immaculatae zu sprechen kommt. Weil es Pater Stehlin gar nicht darum geht, das Wesen des wahren Gehorsams tiefer darzulegen, führt er sofort, ohne auch nur einen einzigen Gedanken über die Rechtmäßigkeit einer Autorität in dieser zugegebenermaßen schwierigen Zeit zu verlieren, an: „dass für den hl. Maximilian das einzige sichere Merkmal für die Stimme der Immaculata die Stimme der Oberen ist“. Immerhin ergänzt der Pater diese Aussage noch durch den Zusatz: „Und der hl. Maximilian (und vor ihm der hl. Thomas) haben uns gesagt, dass wir nur dann, wenn die Oberen von uns etwas verlangen würden, was unmoralisch oder gegen den Glauben gerichtet ist, wir Gott mehr gehorchen müssen und uns weigern müssen, seinen menschlichen Werkzeugen zu gehorchen, um sodann zu folgern: Wenn ich aber einen rechtmäßigen Oberen (siehe Prinzip 2) vor mir habe, schulde ich ihm unbedingten Gehorsam und erfülle so ganz sicher den Willen der Immaculata.“

Bei dieser Aussage ist bezeichnender Weise ein Wort falsch, bzw. zumindest zweideutig und zu einer Fehlinterpretation verleitend: Es muß nicht heißen unbedingten Gehorsam, sondern vollkommenen Gehorsam. Denn es ist durchaus nicht so, daß der vollkommen Gehorchende einfach alles, was der Obere befiehlt, blind ausführen muß, auch wenn es nicht direkt gegen Glaube und Sitte verstößt. Das Leben ist doch etwas differenzierter und vielschichtiger, ebenso auch der Gehorsam. Es hat Obere gegeben, die eine Gemeinschaft ruiniert haben, nicht deswegen, weil sie gegen Glaube und Sitte gefehlt haben, sondern ganz einfach deswegen, weil sie unfähig waren. P. Stehlin denkt aber gar nicht daran, die Sache differenzierter zu sehen, dann könnte er nämlich sein Argumentationsziel nicht mehr erreichen. Er könnte zu dem Thema Gehorsam etwa einen berühmten Brief des hl. Ignatius anführen, der über die Schwierigkeiten der Untergebenen handelt, wenn ein Oberer unfähig sein Amt verwaltet. Das soll es ja sogar bei den Jesuiten zur Zeit des hl. Ignatius gegeben haben. Nein, nachdem der Pater ein wenig über die vielen praktischen Schwierigkeiten zu gehorchen und den daraus fließenden Segen fabuliert hat, betont er nochmals: „Aber das Prinzip ist streng: so lange sich eine Geste, Anordnung oder Bitte nicht gegen den Glauben und die Sitten richtet, ist unbedingter Gehorsam zu leisten!“ Also nochmals unbedingter Gehorsam – möglichst blind und ohne viel nachzudenken, also genau so, wie der hl. Thomas den wahren Gehorsam ganz sicher nicht verstanden haben wollte und natürlich auch nicht die hl. Kirche – aber nur so kann P. Stehlin zu dem gewünschten Ergebnis kommen: Seinen Oberen muß man unbedingten Gehorsam leisten – und zwar bei all ihren kirchenpolitischen Eiertänzen, denn darum geht es letztlich konkret.

Das zweite Prinzip, das auf den Gehorsam folgt, ist die Autorität. Das hört sich folgendermaßen an: „Ein weiteres Prinzip ist das der Autorität an sich, das einzige Prinzip, das uns vor der protestantischen Gewissensfreiheit bewahrt. Die gesamte Tradition hält sich an dieses Prinzip, ohne das alles zusammenbräche, denn die Pflicht, die gewöhnliche Autorität zurückzuweisen, um den Glauben zu bewahren, schließt die Pflicht ein, sich der außerordentlichen, ersetzenden Autorität der Rechtsprechung zu unterwerfen.“ Es zeigt sich nun sofort, daß der Briefschreiber sich vielleicht doch etwas weitgehendere Gedanken über den Gehorsam gegenüber der legitimen Autorität in der Kirche hätte machen sollen, denn dann wäre ihm dieser Fauxpas nicht passiert. In seinem Satzgefüge ist nämlich nur der erste Satz vernünftig und richtig, die anderen Sätze sind entweder einfach nur Behauptungen oder unsinnige Benennungen oder Irrlehren.

An welches Prinzip der Autorität hält sich die gesamte Tradition? Mir ist keines bekannt, im Gegenteil, gerade darüber gibt es doch sehr konträre Ansichten – außer für Pater Stehlin wäre die FSSPX die gesamte Tradition, was nun wirklich für die Kirche verheerend wäre. Es ist nicht wenig verwunderlich, wie man in einem Satz von der Pflicht, „die gewöhnliche Autorität zurückzuweisen, um den Glauben zu bewahren“, zu der Schlußfolgerung kommen kann, man müsse nunmehr „sich der außerordentlichen, ersetzenden Autorität der Rechtsprechung … unterwerfen“. Was denn nun genau eine „Autorität der Rechtsprechung“ sei, das lassen wir einmal auf sich beruhen. Aber was ist mit einer „außerordentlichen, ersetzenden Autorität“ genau gemeint? Wie ist diese genau zu sehen? Wer ersetzt hier was oder wen und mit genau welchem Recht? Woher und inwieweit kann diese Autorität legitimiert werden und sein? Welche Vollmachten kommen ihr zu und woher hat sie diese und wie weit reichen sie? Wie und wodurch verliert sie diese wieder? Vielleicht gibt es sogar zwischen der „gewöhnlichen Autorität“ und der „außerordentlichen, ersetzenden Autorität“ einen wesentlichen Unterschied, den man immer bedenken muß, will man nicht in die Irre gehen?

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