Komm, wir spielen Kirche!

Wenn die Modernisten anfangen, von einem Mysterium zu reden, dann muß man sich in Acht nehmen und bei manchen Traditionalisten ist das inzwischen genauso. Am besten, man glaubt nichts, was man nicht selber nachgeprüft hat, das erspart einem viele peinliche Reinfälle und eine Menge Irrtümer. Das ist freilich nur ein gutgemeinter Rat, der durchaus keine der stehlinschen Prinzipien verletzen möchte.

Aber kommen wir zurück zum Text. Unser Briefschreiber erklärt uns weiterhin: „Wenn ich an die Kirche dachte, dann war es nur noch die ‚Konzilskirche‘ mit all ihrer Verblendung und all ihrem Gräuel. Es war, als gäbe es zwei Kirchen für mich, die traditionelle (unsere kleine Welt der Tradition) und die konziliare, die de facto für mich nicht mehr existierte. Aber es gibt nur eine Kirche als Braut Christi, als mystischer Leib Unseres Herrn.“

Damit wir richtig verstehen, was hier sachlich gesagt wurde, überspringen einmal die autobiographischen frömmlerischen Erinnerungen P. Stehlins und kommen zum entscheidenden Punkt, an dem der Briefschreiber zur eigentlichen Sache kommt: „Nach den Bischofsweihen waren die Umstände folgende: hemmungsloser Ökumenismus, 2 x 2 ist alles, nur nicht 4. Es war daher klar, dass für die Tradition keine Möglichkeit bestand, in Rom Gehör zu finden. Unter Benedikt XVI. änderte sich die Situation ebenfalls, 2 x 2 wird wieder 4, aber auch 5 und 6. Unter dem Gesichtspunkt der Logik ist das schlimmer, denn das ist die Aufgabe des Widerspruchsprinzips, aber Gott hat offensichtlich aus dieser Lage Gutes hervorgebracht, auf dass die Stimme der Tradition in der Kirche erneut ertöne. Mit Papst Franziskus ergibt sich wieder eine neue Situation, vielleicht die schlimmste von allen. Wem kommt daher das Recht zu, die besten Mittel auszuwählen, um das Ziel zu erreichen? Der Autorität!“

Man kann nur hoffen, daß Ihnen die Absurdität dieser Ausführung sofort aufgefallen ist. Wenn nicht, wollen wir Ihnen ein wenig dabei helfen, diese aufzuspüren. Eine Bemerkung voraus: Es kann eigentlich nur jemand solche Gedankengänge formulieren, der vollkommen von einer Ideologie befangen ist und aufgrund dessen unter Wahrnehmungsstörungen leidet. Im obigen Zitat – Sie erinnern sich? – spricht der Briefschreiber von der Kirche, und zwar von der einen sichtbaren Kirche. Sodann bekennt er, er hätte so gelebt, „als gäbe es zwei Kirchen für mich, die traditionelle (unsere kleine Welt der Tradition) und die konziliare, die de facto für mich nicht mehr existierte“, um schließlich festzustellen: „Aber es gibt nur eine Kirche als Braut Christi, als mystischer Leib Unseres Herrn.“ In dieser persönlichen Nacherzählung des Erlebten kommt zwar die Konfusion des Erzählenden angesichts der nachkonziliaren Wirklichkeit zum Ausdruck, aber es wird in keiner Weise auch nur ein Ansatz zu einer Lösung geboten – ja, eine solche Lösung wird, was man kaum fassen kann, auch gar nicht als notwendig erachtet. P. Stehlin genügt offensichtlich die theoretische Feststellung: „Aber es gibt nur eine Kirche als Braut Christi, als mystischer Leib Unseres Herrn“ – ohne sich in irgendeiner Weise Rechenschaft darüber abzulegen, wo denn nun diese Kirche heute konkret zu finden sei oder an was man sich denn in diesem allgemeinen Chaos unbedingt halten müsse, usw.

Um den eigentlichen Grund der Konfusion P. Stehlins klarer zu sehen, holen wir nochmals etwas weiter aus. P. Stehlin hat nämlich eine seltsame Art, das Gegenteil von dem zu beweisen, was er beweisen möchte. Hören wir uns zunächst seinen Gedankengang an: „In der Tat sind, dank der päpstlichen Beschlüsse, dank der Gespräche mit Rom und dank eines gewissen ‚Tauwetters‘ manche dieser tief vergrabenen Schätze wieder aufgetaucht, zum großen Wohl vieler Seelen. Und das dauerte genau bis zu dem Moment, als Rom von neuem Kompromisse und Änderungen forderte. In diesem Moment forderte die Anwendung des Prinzips von uns, uns erneut zurückzuziehen und auf bessere Zeiten zu warten.“

Mit dem Tauwetter ist hier wohl das Motu proprio „Summorum Pontificum“ und die Aufhebung der sog. Exkommunikation der damals noch vier Weihbischöfe der FSSPX durch Josef Ratzinger alias Benedikt XVI. gemeint. Aber waren diese Akte, sachlich gesehen, objektiv wirklich gut und zum großen Wohl vieler Seelen. Woher weiß das übrigens P. Stehlin so genau, hat er die Seelenschau? Die Freigabe der „alten“ Messe im Rahmen der Theologie der neuen Messe, verbunden mit der Bedingung, die Heiligkeit des Neuen Ritus anzuerkennen, ist das objektiv gesehen ein Gut oder ein Übel? Die Aufhebung einer Exkommunikation, von der man behauptet, daß sie gar nicht existiert, in gut modernistischer Manier aus psychologischen Gründen (!), ist das objektiv gesehen ein Gut oder ein Übel? Was hier P. Stehlin praktiziert, nennt man Situationsethik. In der Situationsethik wird etwas gut oder schlecht genannt, nicht weil es objektiv und der Sache nach so ist, sondern aufgrund der Umstände. Darum kann in diesem irrigen System dieselbe Sache einmal gut und einmal schlecht sein, weil sich die Umstände geändert haben. P. Stehlin hat offensichtlich im Eifer des Gefechts ganz sein drittes Prinzip – „Man darf sich nicht schlechter Mittel bedienen, um etwas Gutes zu erreichen“ oder anders formuliert: „Der Zweck heiligt nicht die Mittel“ – vergessen und verfällt deswegen genau in diese irrige Ansicht des reinen Pragmatismus. Diesen reinen Pragmatismus hat der 1. Assistent des Generaloberen P. Stehlins im Jahre 2012 ganz öffentlich als Grundlage der Verhandlungen mit Rom verkündet. Es geht also nicht mehr darum, was objektiv gut ist, was der Glaube von uns fordert, sondern es geht allein darum, was der FSSPX nützt. Das Prinzip „Der Zeck heiligt die Mittel“ zerstört auf Dauer angewandt jegliches Gespür für die Wahrheit. Aus einem solchen reinen Pragmatismus folgt deswegen notwendiger Weise die Konfusion des Denkens und damit der eigenen Position, weil man in dessen Folge die eigene Handlungsweise nicht mehr vernünftig erklären kann. Wenn P. Stehlin behauptet: „In diesem Moment forderte die Anwendung des Prinzips von uns, uns erneut zurückzuziehen und auf bessere Zeiten zu warten“, dann ist das ganz einfach falsch, denn das katholische Prinzip fordert, daß man, bevor man sich mit den Modernisten in Gespräche und Verhandlungen einläßt, sich darüber Rechenschaft ablegt, ob eine Zusammenarbeit mit den Modernisten überhaupt – also grundsätzlich, prinzipiell! – ohne Gefahr für den eigenen Glauben möglich ist.

Weil P. Stehlin die Beispiele so liebt – man kann übrigens mit nichts so einfach sophistisch argumentieren wie mit Beispielen –, hier ein Gegenbeispiel zum „großen Wohl vieler Seelen“ durch das römische Tauwetter. Kürzlich erfuhren wir folgende wahre Geschichte: Eine zunächst ungläubige Frau kam über die protestantischen Charismatiker zum „Glauben“. Von dort kam sie zur „Amtskirche“ und im Rahmen der „Amtskirche“ zu den „katholischen“ Charismatikern. Von diesen kam sie zur konservativen „Amtskirche“. Dies führte zur Frage nach der „alten“ Messe, weshalb sie mit einem Motuproprio-Priester Kontakt aufnahm. Dieser Motuproprio-Priester hatte eine Immakulatagruppe des P. Stehlin aus der FSSPX, in welche diese Frau eintritt. Der noch jüngere Motuproprio-Priester lädt die Immakulatagruppe zu einer religiösen Fortbildung ein, zu der auch die Frau mitgeht. Und wo landet sie? Bei einem charismatischen Treffen der übelsten Sorte, mit Tanz, Handlauflegung und Geisttaufen – wobei der Motuproprio-Priester begeistert mitmacht! Die Frau ist also über die Motuproprio-Messe und die Militia Immaculatae des P. Stehlin wieder zu ihrem charismatischen Ursprung zurückgekehrt – worüber sie nicht besonders erfreut war – Gott sei Dank!

Es ist eine bekannte Tatsache, der Wirklichkeit kann man nicht davonlaufen, die Wirklichkeit holt einen immer wieder ein. Man kann sich noch so energisch dagegen stemmen, sie noch so beharrlich ignorieren, es kommt unweigerlich der Augenblick, in dem einen die Tatsachen unbarmherzig auf den Boden der Realität zurückholen. – Und wirklich, so ist es auch bei P. Stehlin, wenn auch leider nicht ganz, denn wie wir gehört haben: „Nach den Bischofsweihen waren die Umstände nämlich folgende“ – Umstände nennt der Pater das! – : ein „hemmungsloser Ökumenismus“ in der „Kirche“! Die „Aufgabe des Widerspruchsprinzips“ durch Benedikt XVI. – „aber Gott hat offensichtlich aus dieser Lage Gutes hervorgebracht, auf dass die Stimme der Tradition in der Kirche erneut ertöne“. – Und: „Papst Franziskus, vielleicht der schlimmste von allen?“ Nochmals sei es betont, Umstände nennt der Pater das: hemmungsloser Ökumenismus – Aufgabe des Widerspruchsprinzips – Papst Franziskus, vielleicht der schlimmste von allen! Da ist wohl mit der Benennung der Sache etwas schief gelaufen! – bzw. P. Stehlin ist leider doch nicht ganz auf dem Boden der Realität angekommen. All das sind keine Umstände, es sind geistige Katastrophen, Häresien, Apostasien, Verhöhnung des Heiligsten, das uns Gott anvertraut hat. Aber der Briefschreiber gefällt sich nicht nur in solch euphemistischen, illusionären Benennungen. Nachdem er diese „Umstände“ aneinandergereiht hat, kommt er zu der absurden Schlußfolgerung: „Wem kommt daher das Recht zu, die besten Mittel auszuwählen, um das Ziel zu erreichen? Der Autorität!“

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