Pragmatiker und Dogmatiker

von antimodernist2014

1. Als sich in den 1970er Jahren immer unabweislicher zeigte, daß die Unterminierung der Kirche durch ihre Feinde eine neue „Menschenmachwerkskirche“ hervorgebracht hatte, die sich nun an die Stelle der Kirche Christi setzte und so tat, als sei sie vom Heiligen Geist, wurde die Notwendigkeit eines katholischen Widerstands stets deutlicher und drängender. Tatsächlich erhob sich dieser weltweit auf recht breiter Basis, wobei es von Anfang an zwei Strömungen gab, die wir die „dogmatische“ und die „pragmatische“ nennen wollen.

Die dogmatische Richtung sah vor allem die theologischen Probleme, vor welche die neue und bisher nie dagewesene Situation die Katholiken stellte. Es waren im wesentlichen drei große Fragen zu beantworten, die den Glauben direkt angingen: Wie kann es sein, daß Rom eine Messe promulgiert, die offensichtlich kein katholischer Ritus mehr ist; wie konnte ein ökumenisches Konzil neue, der kirchlichen Tradition entgegengesetzte Lehren verkünden; und wie konnte es vor allem geschehen, daß der Papst dies alles nicht nur zuließ, sondern als Hauptmotor dieser antikirchlichen Umtriebe gesehen werden mußte? Die Lösung dieser Fragen war von größter Wichtigkeit, aber auch Schwierigkeit und höchster Delikatesse, berührte sie doch unmittelbar das Unfehlbarkeitsdogma und die Ekklesiologie des (I. und einzig wahren) Vatikanischen Konzils.

So machte sich ein Großteil der Katholiken in die pragmatische Richtung davon. Man ließ die Antwort auf die großen Fragen möglichst beiseite und konzentrierte sich darauf, einfach weiterzumachen, als ob es das „II. Vatikanum“ und damit die größte Katastrophe in der Kirchengeschichte nicht gegeben hätte. Vereine wurden gegründet, meist nach dem hl. Pius V. benannt, und Meßzentren, in welchen die „Messe Pius‘ V.“ weitergefeiert wurde. Es entstand die Szene der „Traditionalisten“.

2. Bald wird man auf einen französischen Erzbischof aufmerksam, der ebenfalls eine pragmatische Richtung vertritt und mit Einverständnis der kirchlichen Behörden eine Priesterbruderschaft gegründet hat und ein Seminar betreibt, in welchem er Priester ausbildet in der Art und Weise, wie er das bereits vor dem „II. Vatikanum“ erfolgreich getan hat. Dies scheint ihm der geeignete Weg, der kirchlichen „Krise“ zu begegnen. Schnell richten sich die Hoffnungen der „Traditionalisten“ auf diesen Bischof, zumal als dieser in Konflikte mit dem konziliaren Rom gerät und so den Ruf erlangt, als „zweiter Athanasius“ der gotterweckte Verteidiger des wahren Glaubens und der wahren Hl. Messe gegen die konziliaren Behörden zu sein.

In der Tat hatte Erzbischof Marcel Lefebvre seine „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ mit dem Segen der (konzils-)kirchlichen Behörden gegründet, und er hatte nichts im Sinn, als Priester im Geist der Tradition zu formen und auf diese Weise die modernistischen Bischöfe allmählich in die Knie zu zwingen. 1973 schreibt Mgr. Lefebvre voll Optimismus: „Ohne Zweifel, unser entschlossenes Sich-Stützen auf die Tradition der Kirche ruft bei einem Teil gewisser Bischöfe Zurückhaltung hervor. Denn wir erscheinen als solche, die widerspenstig sind gegenüber der konziliaren Anpassung. Indessen: die recht einzigartigen Erfolge der Bruderschaft St. Pius X. geben Probleme auf. Warum kommen die jungen Leute, die eine sehr ernsthafte Berufung haben, so zahlreich zu diesem Seminar, da die Mehrzahl der Seminare immer leerer werden! Von Jahr zu Jahr spüren wir, dass der erste Widerstand sich in Neugier und Überraschung umwandelt. Schon sind mehrere Bischöfe gekommen oder haben uns geschrieben, um von uns Priester zu erbitten. Fünf Bitten sind bei uns eingegangen, um Professoren zu entsenden fürs große Seminar und um uns Pfarreien anzubieten. Von Rom aus haben wir Indulte empfangen, die es uns erlauben, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass in der Tat unsere Bruderschaft das Recht hat, zu inkardinieren (= Priester eingliedern), obwohl sie nur diözesanen Rechtes ist. Mehr noch, wir haben durch einen Vermittler an hoher Stelle die Versicherung erhalten, dass der hl. Vater unser Apostolat segne.“

Erst als in den Jahren 1974/1975 offensichtlich wurde, daß der „Heilige Vater“ Paul VI. das Apostolat Mgr. Lefebvres keineswegs segnete, sondern vielmehr die Aufhebung seiner Bruderschaft betrieb, fand der Erzbischof jene starken Worte, die ihn als wortmächtigen Anführer im Kampf gegen das konziliare Rom erscheinen ließen: „Diese konziliare Kirche ist eine schismatische Kirche, weil sie mit der katholischen Kirche aller Zeiten bricht.“ Die berühmt gewordene Predigt von Lille festigte seinen Ruf als unerschütterlicher Kämpfer und Zeuge für die Tradition. Dabei wurde gerne übersehen, daß Seine Exzellenz diese Predigt endete mit einem Aufruf zum „Experiment der Tradition“: „Dies wäre so einfach, wenn jeder Bischof in seiner Diözese uns, den treuen Katholiken, eine Kirche zur Verfügung stellen würde und ihnen sagen würde: ‹Diese Kirche gehört euch!› Wenn ich daran denke, dass der Bischof von Lille den Mohammedanern eine Kirche zur Verfügung gestellt hat, so sehe ich nicht ein, warum es nicht eine Kirche geben sollte für die Katholiken der Tradition. Und die Frage wäre dann endgültig gelöst. Und das ist es, was ich vom hl. Vater verlangen werde, wenn er mich wohl empfangen wollte: ‹Lasset uns, sehr heiliger Vater, das Experiment der Tradition machen. Inmitten all der Experimente, die man jetzt macht, möge es doch zum mindesten das Experiment dessen geben, was man während zwei Jahrtausenden gemacht hat!›“

3. In Wahrheit also war Erzbischof Lefebvre der Pragmatiker geblieben. Ihm ging es einfach nur darum, sein „Experiment der Tradition“ fortführen zu können, sprich das ihm mehr als alles am Herzen liegende Werk seiner „Piusbruderschaft“ weiterzubetreiben, am liebsten natürlich im Einverständnis mit Rom und den „konzilskirchlichen“ Behörden, notfalls aber auch ohne und gegen diese. Ein anderes Anliegen hat er tatsächlich nie gehabt, und so brachte er es auch dem „Heiligen Vater“ gegenüber zum Ausdruck, als die oben schon angedeutete Audienz bei Paul VI. im Jahr 1976 wirklich zustande kam, und erneut, als er vom neugewählten Johannes Paul II. 1978 in Audienz empfangen wurde. Letzterer schien seinem Ansinnen günstig gesonnen, und dies führte in der Folge zu einem erheblich versöhnlicheren Ton des Erzbischofs dem konziliaren Rom gegenüber.

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