Pragmatiker und Dogmatiker

Bei Priesterexerzitien im Jahr 1980 relativierte er etwa seine eigenen Aussagen von der schismatischen „konziliaren Kirche“: „Ich sage nicht, daß man nicht von den Aussagen einen Satz herausnehmen und dann einem anderen gegenüber stellen kann, daß man ihn aus dem Kontext entfernen und dann auf diese Weise tun kann, als hätte ich Dinge gesagt, die ich nicht gemeint habe. Ich war bisweilen imstande, recht starke Worte zu äußern, beispielsweise daß das Konzil mehr oder weniger schismatisch war. In einem gewissen Sinn ist das wahr, denn es war ein gewisser Bruch mit der Tradition. Daher kann man sagen, daß in diesem Sinn, wonach das Konzil sich in einem Bruch mit der Tradition befindet, es in einem gewissen Maße schismatisch ist. Aber als ich das gesagt habe, wollte ich damit nicht sagen, daß das Konzil wahrhaft, definitiv zutiefst schismatisch ist. Man muß es zusammen sehen mit allem, was ich sage. Das Konzil ist schismatisch in dem Maße, wie es mit der Vergangenheit bricht, das ist wahr. Aber damit soll dennoch nicht gesagt sein, daß es im präzisen, theologischen Sinn des Wortes schismatisch sei. Wenn man freilich die Begriffe in diesem Sinn auffaßt, kann man sagen: ‚Sieh da! Wenn das Konzil schismatisch ist, dann ist der Papst, der das Konzil unterzeichnet hat, schismatisch und alle Bischöfe, die das Konzil unterzeichnet haben, sind schismatisch, also hat man kein Recht mehr, mit ihnen zusammen zu sein.‘ Das sind falsche Gedankengänge. Das ist Wahnsinn, das hat keinen Sinn!“

Um seine Romtreue unter Beweis zu stellen, ließ er es sich insbesondere angelegen sein, all diejenigen zu bekämpfen und aus seiner Bruderschaft zu entfernen, welche der dogmatischen Richtung des Widerstands anhingen und daher allem voran die Papstfrage stellten. Ohnehin befand er sich mit seiner „Piusbruderschaft“ dank ihrer pragmatischen Ausrichtung in einem nicht zu unterschätzenden Vorteil. Erstens war da die Stärke einer weltweiten Organisation, welche inzwischen entstanden war, mit Seminaren, Prioraten, Meßzentren etc., zweitens die „gemäßigte“ Position, die den Zulauf von allen Seiten beförderte, drittens der gezielt ausgeübte Druck – der durchaus auch sehr handfest sein konnte, wenn es etwa um die Besitznahme gewisser Meßzentren oder die Übernahme von Vereinen ging – gegen die dogmatische Richtung, die endlich als „Sedisvakantismus“ ins abseitige Eck gedrängt wurde.

So entstand die pragmatische „Pius“-Position als „ausgewogene Mitte“ zwischen „Sedisvakantismus“ und Modernismus. D.h. wir anerkennen den Papst als solchen, widersetzen uns aber seinen Weisungen in Richtung Ökumenismus und Religionsfreiheit, wir anerkennen das „II. Vatikanum“, aber als „Pastoralkonzil“ im „Licht der Tradition“ gesehen, wir anerkennen den „Novus Ordo“ als grundsätzlich gültig, aber gefährlich. Wie wir sehen, ist dies eine ganz und gar praktische Haltung, die in Kurzfassung lautet: Wir anerkennen Papst, Konzil und „Novus Ordo“ in der Theorie, in der Praxis gehen sie uns nichts an und sind uns völlig gleichgültig. Die dagegen von der dogmatischen Richtung eingebrachten sehr schwerwiegenden Einwände wurden mit Sophismen und bisweilen sogar Gewaltmitteln abgetan. Für die Masse der „Traditionalisten“ genügte das allemal, zumal sie ja bei der „Piusbruderschaft“ alles fanden, was sie vermißten: Priester, Sakramente, Hl. Messe, Katechismus. Bis Mitte der 1980er Jahre war es auf diese Weise gelungen, die unumstrittene Oberhoheit über die „Traditionalisten“-Szene zu erlangen und die dogmatische Richtung zu einem Schattendasein in „sedisvakantistischer“, anrüchiger Düsternis zu verdammen. Sie wurde schließlich kaum mehr wahr- und jedenfalls nicht ernstgenommen.

4. Wie gefährlich es war, die gesamte „Bewegung der Tradition“ nur noch auf den Sand der Pragmatik zu bauen, zeigte sich deutlich gegen Ende der 1980er Jahre, als Erzbischof Lefebvre wegen seines vorgerückten Alters die Zukunft seines Werks in Gefahr sah. Damit es weiterhin wie bisher funktionierte, schien wenigstens ein Bischof vonnöten, welcher die Weihen und Firmungen spenden konnte. In gewohnter Manier versuchte Mgr. Lefebvre einen Trick mit doppeltem Boden. Er strebte einerseits eine römische Anerkennung seiner Bruderschaft und des künftigen Bischofs an, die aber andererseits keinerlei Einbußen für deren praktische Tätigkeit, namentlich ihre völlige Unabhängigkeit von allen kirchlichen Behörden, bedeuten durfte. Darum machte er einerseits erhebliche Zugeständnisse in der Theorie, bestand aber in der Praxis auf der Freiheit, seinen Bischof bzw. seine Bischöfe – denn inzwischen hatte er erkannt, daß er mehr als einen benötigte – selbst auszuwählen und zu weihen, sowie auf der Notwendigkeit jener zu errichtenden römischen Kommission, welche zum größten Teil aus den eigenen Leuten bestehen und sie vor jeder Einflußnahme der Ortsbischöfe schützen sollte.

So unterschrieb er am 5. Mai 1988, ausgerechnet dem Fest des hl. Pius V., jenes berühmte „Protokoll“ mit Kardinal Ratzinger, in welchem er versprach, „der katholischen Kirche und dem Bischof von Rom, ihrem Obersten Hirten, dem Stellvertreter Christi, dem Nachfolger des hl. Petrus und seinem Primat als Oberhaupt der Gesamtheit der Bischöfe immer treu zu sein“; „die in Nummer 25 der Dogmatischen Konstitution ‚Lumen Gentium‘ des Zweiten Vatikanischen Konzils enthaltene Lehre über das kirchliche Lehramt und die ihm geschuldete Zustimmung anzunehmen“; hinsichtlich „gewisser vom Zweiten Vatikanischen Konzil gelehrter Punkte oder gewisser nach dem Konzil erfolgter Reformen der Liturgie und des Kultes, die uns mit der Tradition schwer vereinbar erscheinen“, bei „deren Studium und einem Vorbringen beim Heiligen Stuhl eine positive Haltung einzunehmen und jede Polemik zu vermeiden“; „außerdem, die Gültigkeit des Meßopfers und der Sakramente anzuerkennen, die mit der Intention, das zu tun, was die Kirche tut, und nach den Riten zelebriert werden, die in den von den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. promulgierten offiziellen Ausgaben des römischen Meßbuches und den Ritualen für die Sakramente enthalten sind“; sowie schließlich „die allgemeine Disziplin der Kirche und die kirchlichen Gesetze zu achten, insbesondere jene des von Papst Johannes Paul II. promulgierten Kirchlichen Gesetzbuches, unbeschadet der der Bruderschaft durch ein besonderes Gesetz eingeräumten Sonderdisziplin“.