Pragmatiker und Dogmatiker

Diese überaus schwerwiegenden Zugeständnisse, die nichts anderes bedeuten als eine völlige Annahme der „konziliaren Kirche“ und ihrer Einrichtungen, wurden freilich von ihm nie umgesetzt. Sie wurden es aber von einem Teil seiner Anhängerschaft, welcher sich der „Konzilskirche“ als „Ecclesia Dei“ eingliedern ließ. Erzbischof Lefebvre seinerseits machte einen Rückzieher, nicht freilich aus theologischen Gründen, weil er etwa eingesehen hätte, daß er hier zu weit gegangen war. Vielmehr zeigte er sich noch in seinem „Widerrufs“-Brief vom 6. Mai sehr zufrieden mit dem unterzeichneten Protokoll. Was ihm Probleme bereitete, war die Erkenntnis, daß Rom ihm vor allem seinen Bischof bzw. seine Bischöfe nicht geben wollte. So schrieb er am 20. Mai an Johannes Paul II.: „Während hinsichtlich einer möglichen Lösung des Problems der Bruderschaft eine gewisse Hoffnung aufgekommen war, erhob sich nach der Unterzeichnung des Protokolls eine ernste Schwierigkeit anläßlich des der Bruderschaft zugestandenen Episkopats für die Nachfolge in meiner bischöflichen Funktion.“ Er bestand nunmehr darauf, „daß unser Werk für sein Fortbestehen und seine Entfaltung mehrerer Bischöfe bedarf“ und legte ultimativ den 30. Juni für sein Vorhaben fest. Am 2. Juni schrieb er nochmals an den „Heiligen Vater“: „Deshalb haben wir um mehrere aus der Tradition ausgewählte Bischöfe und um unsere Majorität unter den Mitgliedern der römischen Kommission gebeten, um uns vor jedem Kompromiß zu schützen. Angesichts der Weigerung, unsere Bitten zu berücksichtigen, und der offenkundigen Tatsache, daß das Ziel dieser Wiederversöhnung für den Heiligen Stuhl keineswegs das gleiche ist wie für uns, halten wir es für besser, auf Zeiten zu warten, die für die Rückkehr Roms zur Tradition günstiger sind. Wir werden uns daher selbst die Mittel schaffen, das Werk fortzusetzen, das uns die Vorsehung anvertraut hat, und sind auf Grund des Briefes Seiner Eminenz des Kardinals Ratzinger vom 30. Mai sicher, daß die Bischofskonsekration nicht dem Willen des Heiligen Stuhles widerspricht, da uns eine solche für den 15. August zugestanden wurde.“

5. Wie wir sehen, hatte sich an seiner Haltung tatsächlich nichts geändert. Nach wie vor war es ihm ganz pragmatisch um sein Werk der „Piusbruderschaft“ zu tun und um nichts anderes. Gerne hätte er mit dem Segen des „konziliaren“ Vatikan dessen Zukunft gesichert, notfalls ging es aber auch ohne diesen, wobei man sich allen Evidenzen zum Trotz den Segen des „Heiligen Stuhls“ trotzdem einbilden konnte, genau wie 15 Jahre zuvor, als er meinte, die Versicherung zu haben, „dass der hl. Vater unser Apostolat segne“. Und ebenso wie 1975 sah er in seinem Handeln keinen eigentlichen Bruch mit dem „konziliaren“ Rom und beabsichtigte auch keinen solchen. Darum äußerte er sich am 15. Juni 1988 in einer Pressekonferenz zu den bevorstehenden Bischofsweihen wie folgt: „Die für die Bruderschaft geweihten Bischöfe werden der Bruderschaft zur Verfügung stehen. Sie werden der Bruderschaft zu Diensten sein, das ist alles. Derjenige, der, wenn ich gegangen bin, in der Hauptsache die Verantwortung haben wird für die Beziehungen mit Rom, wird der Generalobere der Bruderschaft sein, P. Schmidberger, welcher noch sechs Jahre im Amt sein wird. Er ist derjenige, welcher von jetzt an eventuelle Kontakte mit Rom unterhalten wird, um die Diskussionen fortzuführen, wenn die Gespräche weitergehen oder der Kontakt erhalten bleibt, was freilich für einige Zeit unwahrscheinlich ist. Denn im ‚Osservatore Romano‘ werden große Schlagzeilen erscheinen: ‚Erzbischof Lefebvre im Schisma‘, ‚Exkommunikation‘ … Daher wird es für einige Jahre, vielleicht zwei Jahre, drei Jahre, ich weiß es nicht, eine Trennung geben.“ Ein paar Jahre länger hat es dann doch gedauert, wie die Geschichte zeigt.

Mgr. Lefebvre ging also nur von einer vorübergehenden Mißstimmung aus, die aus seiner Sicht zum Fortbestand seiner Bruderschaft leider unvermeidbar war, sich aber mit der Zeit wieder legen würde. Er hat Recht behalten, auch wenn es nicht mehr P. Schmidberger war, der zum Zeitpunkt des Wiederbeginns der Verhandlungen mit Rom das Generalat innehatte, sondern der 1988 zum Bischof geweihte Bernard Fellay. Man hatte in Rom keine Eile, zumal erst einmal abzuwarten war, wie sich die „Bewegung der Tradition“ nach dem Ableben Erzbischof Lefebvres weiter entwickelte. Wie sich zeigte, eignete ihr eine gewisse Stabilität, jedoch die großen Erfolge und Eroberungen der Anfangszeit blieben aus, weshalb denn auch keine Gefahr mehr für die „Konzilskirche“ von dieser Bewegung ausging, die sich zunehmend in ihren eigenen Kreisen drehte und darin aufging. Allerdings mußte umgekehrt auch die „Tradition“ einsehen, daß sich die „konziliare“ Kirche inzwischen soweit gefestigt hatte, daß an eine Umkehr der Verhältnisse nicht mehr zu denken war. So blieb es beim status quo, in welchem „Konzilskirche“ und „Traditionalisten“ nebeneinander her lebten, sich bisweilen gegenseitig ein „Buh!“ zuriefen, im übrigen aber zufrieden waren, in ihren Kreisen vom anderen nicht gestört zu werden. Ansonsten meinte die „Tradition“ weiterhin, mit der Ausbildung von Priestern nach Lehrbüchern aus den 1950er Jahren und dem Festhalten an der 1962er Liturgie genug zu tun für die „Rettung der Kirche“.

6. Erst 1997 begannen auf inoffizieller Ebene wieder die Kontakte, die dann freilich rasch zu konkreten Bemühungen voranschritten und schon im Jahr 2000 wieder eine versöhnliche Atmosphäre schufen, die sich plakativ in der Romwallfahrt der „Piusbrüder“ zum „heiligen Jahr“ bekundete. In der brüchigen Endphase des Pontifikats Johannes Pauls II. war freilich nicht mehr viel zu erwarten. Umso mehr richteten sich alle Hoffnungen nach dem Pontifikatswechsel auf den „Hoffnungsschimmer“ Ratzinger alias Benedikt XVI. Tatsächlich machte dieser bekanntlich einige wichtige Schritte auf unsere „Traditionalisten“ zu. Er hatte dafür seine ganz eigenen, besonderen Gründe, welche uns hier nicht weiter zu beschäftigen brauchen. Fakt ist, daß die „Traditionalisten“ im Jahr 2012 um ein Haar ihr Abkommen mit dem „konziliaren“ Rom geschlossen hätten, wenn nicht einige Umstände eingetreten wären, die dies gegen ihren Willen verhindert haben. Vielleicht hatte freilich auch Ratzinger inzwischen eingesehen, daß mit einem bunten Chaos-Haufen etwas verwilderter „Pragmatiker“, die von Theologie und Kirchlichkeit – und obendrein von Kirchenpolitik und Diplomatie – nicht einmal mehr so viel verstanden wie durchschnittliche Modernisten, kein Staat zu machen war. Es fehlte eben eine charismatische Führungs- und Integrationsfigur wie einst Erzbischof Lefebvre.

Da die Oberen der „Piusbruderschaft“ für die Rettung ihrer Gemeinschaft vor dem restlosen Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit keinen anderen Plan hatten als den, welchen sie schon seit fünfzehn Jahren verfolgten, nämlich um beinahe jeden Preis den Anschluß an das konziliare Rom zu suchen, blieb ihnen auch nichts anderes übrig, als auf diesem Weg fortzufahren. Dies rief nun erneut einen „Widerstand“ auf den Plan, und die Geschichte begann, sich zu wiederholen. Denn abermals teilte sich der Widerstand alsbald in zwei Strömungen: eine pragmatische und eine dogmatische. Die pragmatische fing sogleich damit an, ein Netz von Meßzentren aufzubauen und mit großem Einsatz von vor allem vielen Flugkilometern zu betreuen. Die geringe Zahl der vorhandenen Priester, die sich anfangs an einer Hand abzählen ließen, machte man durch desto größeren Seeleneifer wett und übernahm kurzerhand nicht nur die weltweite Seelsorge, sondern ging auch daran, ein Seminar für den Priesternachwuchs einzurichten. Auch an dem offensichtlich etwas mißglückten Versuch, eine Neuauflage der „Piusbruderschaft“ zu gründen, ließ man es nicht fehlen. Da blieb natürlich nicht viel Zeit für dogmatische Überlegungen, zumal man all seinen theologischen Witz benötigte, um gegen die „Sedisvakantisten“ zu streiten. Denn diese waren, wie schon vor über dreißig Jahren, die Konkurrenz und damit die eigentliche Bedrohung, die es auszuschalten galt.

7. Der Start des „Widerstands“ war somit denkbar ungünstig, zumal auch ihm eine charismatische Führungsgestalt mangelt und er obendrein nicht einmal eine einheitliche Organisationsstruktur besitzt. Dies mag freilich im letzten auch ein Vorteil sein, wenn man bedenkt, daß es gerade die Struktur der „Piusbruderschaft“ ist, welche heute durch deren inneren Ruin den geistigen Zusammenbruch praktisch der gesamten „Bewegung der Tradition“ herbeigeführt hat. Dennoch können wir bereits heute voraussagen, wie es mit dem „Widerstand“ enden muß, wenn es ihm nicht gelingt, das Geleise des bloßen Pragmatismus zu verlassen und sich dem Dogmatismus zu öffnen, welchen er bislang unbesehen ablehnt und verteufelt. Nur ein Miteinander der pragmatischen mit der dogmatischen Seite kann eine Zukunft haben, wobei der Dogmatik die Führung zukommen muß, wie denn allgemein der Wille den Verstand benötigt, der ihm die Richtung weist. Dazu aber müßte man erst einmal bereit sein, die dogmatische Richtung aus ihrem anrüchigen „Sedisvakantisten“-Eck zu befreien und sie einfach wieder als Katholiken wahrzunehmen, die sich die so notwendigen Gedanken machen, welche erst Grundlage für ein sinn- und wirkungsvolles Handeln darstellen können. Wird man also aus der Geschichte lernen, oder wird man wieder dieselben Fehler machen? Noch wäre Gelegenheit, doch scheinen die Weichen schon wieder gestellt. Leider in die falsche Richtung.

Mit freundlicher Genehmigung vom Blog zelozelavi.wordpress.com