Zum Passionssonntag: Kreuzesfreunde

6. „Si quis vult, wenn jemand will, d.h. wer einen wahren, aufrichtigen Willen hat, sich also nicht bestimmen läßt durch die Natur, die Gewohnheit, die Eigenliebe oder durch menschliche Rücksichten, sondern allein durch die wirksame Gnade des Heiligen Geistes, die nicht jedermann zuteil wird: non omnibus datum es nosse mysterium. Denn eine wahre Erkenntnis des Geheimnisses des Kreuzes ist nur wenigen gegeben. Ein Mann, der den Kalvarienberg besteigt und sich vor aller Welt mit Jesus an das Kreuz heften lassen will, muß ein heldenmütiger, ein entschlossener, für Gott begeisterter Mensch sein, der der Welt und der Hölle, seinem Körper und seinem eigenen Willen trotzt, der entschlossen ist, alles zu verlassen, alles zu unternehmen und alles zu leiden für Jesus Christus. Teure Freunde des Kreuzes, wer unter euch diese Entschlossenheit nicht besitzt, geht nur auf einem Fuße, fliegt nur mit einem Flügel und ist nicht würdig, ein Freund des Kreuzes genannt zu werden, des Kreuzes, das man mit Jesus Christus corde magno et animo volenti, mit großem Herzen und willligem Mute lieben muß. Ein bloß halber Wille dieser Art könnte wie ein räudiges Schaf die ganze Herde verderben. Sollte ein solches unter euch sein, das durch die böse Pforte der Welt in euren Schafstall eingedrungen ist, so treibt es im Namen Jesu Christi, des Gekreuzigten, hinaus, wie einen Wolf, der in die Herde eingebrochen ist.“

Aber der konsequente Glaube basiert doch „zum Teil auf abstraktem schlussfolgerndem Denken und kurzschlüssigem Entscheiden“. „Wenn man sich (formalistisch) auf die Dogmatik konzentriert und dies tut, um sich im nachkonziliaren Meinungsstreit bezüglich der Gültigkeit/Ungültigkeit der Konzilspäpste zu positionieren, läuft man Gefahr, das Glaubensleben des gesamten Mystischen Leibes Christi außer Acht zu lassen, bzw. es nicht (mehr) genügend/gerecht zu gewichten. Die Päpste sind nicht die unumschränkt herrschenden Monarchen der Kirche. Sie sind die obersten/höchsten verantwortlichen DIENER der Kirche. Sie sind auch nicht das Haupt des Mystischen Leibes Christi. Die Kirche ’steht und fällt‘ nicht mit ihnen. Unzählige Gläubige (Kleriker und Laien) können rechtgläubig, ja HEILIG sein und bleiben, auch wenn die höchste Kirchenleitung ihrer Hirtensorge nicht mehr genügt, auch wenn sie [die Gläubigen] ‚im Gehorsam‘ zum Teil äußerlich etwas an sich Fragwürdiges mitpraktizieren, was und weil es ‚von oben‘ [der Hierarchie, der geistlichen Autorität] angeordnet ist. Es ist deshalb kurzschlüssig, die ‚papst- bzw. hierarchie-gehorsamen‘ Gläubigen zusammen mit den [ggf.] häretischen Päpsten (wie auch Bischöfen, und Priestern) unterschiedslos zu verurteilen und zu meiden.“ Unser Herr Jesus Christus hat Seine Kirche nun einmal auf den Felsen Petri gebaut, und einen anderen Grund kann niemand legen. Somit „steht und fällt“ die Kirche tatsächlich mit dem Papst. Ein häretischer Papst reißt die ganze Kirche in den Abgrund, und wer den „konziliaren“ Päpsten folgt, folgt dem abschüssigen Weg und gehört nicht mehr zu den Kreuzesfreunden. Aber es bedarf eben Mut, sich dem zu widersetzen, sich nicht wie die meisten „’papst- bzw. hierarchie-gehorsamen‘ Gläubigen“ bestimmen zu lassen „durch die Natur, die Gewohnheit, die Eigenliebe oder durch menschliche Rücksichten, sondern allein durch die wirksame Gnade des Heiligen Geistes, die nicht jedermann zuteil wird“.

7. „Wenn also jemand mir, dem Gekreuzigten, nachfolgen will, so rühme er sich, wie ich, nur noch seiner Armut, der Verdemütigungen und Leiden seines Kreuzes und abneget semetipsum, verleugne sich selbst. Ferne seien von der Gesellschaft der wahren Freunde des Kreuzes jene stolzen Kreuzträger, jene Weisen der Welt, jene großen Genies und starken Geister, die starrköpfig sind und aufgeblasen sind von ihrem Wissen und ihren Talenten. Ferne seien von ihnen jene großen Schwätzer, welche viel Lärm machen und keine andere Frucht hervorbringen, als Früchte der Eitelkeit. Ferne seien von ihr jene stolzen Andächtigen, die überall das ‚Was mich anbelangt‘ des stolzen Luzifer auf ihren Lippen führen und sich schmeicheln mit dem Gedanken: ‚Ich bin nicht wie die übrigen, welche nicht leiden können. Wenn man mich tadelt, entschuldige ich mich nicht, wenn man mich verdemütigt, erhebe ich mich nicht, wenn man mich angreift, verteidige ich mich nicht.‘ Hütet euch wohl, in eure Genossenschaft jene zartbesaiteten und empfindlichen Seelen aufzunehmen, welche jeden Nadelstich fürchten, beim geringsten Schmerz aufschreien und sich beklagen, welche nie das härene Gewand, das Cilicium und die Geißel oder andere Bußwerke gekostet haben und ihre Modeandachten mit einer übertünchten Empfindlichkeit und Weichlichkeit mischen.“

Aber das führt doch „zu ungerechtem Urteilen und Verurteilen“! Das konsequent praktizierte Christentum „führt zu einer Verurteilung von Klerikern und Laien nur/allein aufgrund des Nicht-Bekennens der Sedisvakanz, d.h. er spricht ihnen das Katholischsein ab, wenn sie den amtierenden Papst als ‚gültigen Papst‘ betrachten“. Nein, nicht weil jemand „den amtierenden Papst als ‚gültigen Papst’“ betrachtet, scheidet er aus der Zahl der Freunde des Kreuzes und Nachfolger des Gekreuzigten aus, sondern weil er einem Häretiker und Kreuzesfeind folgt.

8. „Tollat Crucem suam, er trage sein Kreuz. Dieser starke, seltene Mann, der wertvoller ist als alle Schätze der Erde, nehme mit Freuden sein Kreuz auf sich, umarme es mit Liebe, trage es mit Mut auf seinen Schultern… Tollat, er möge das Kreuz tragen, nicht schleppen und nicht abschütteln, nichts davon wegschneiden und es nicht verbergen. Mit erhobenen Händen möge er es tragen, ohne Ungeduld, ohne Kummer und ohne Klage, ohne freiwilliges Murren, ohne Nachgiebigkeit und natürliche Schonung, ohne Scham und ohne menschliche Rücksicht. Tollat, er setze es auf seine Stirne, indem er mit St. Paulus spricht: Mihi absit gloriari nisi in cruce Domini nostri Jesu Christi (Gal. 6,14), ferne sei es mir, mich zu rühmen außer im Kreuze unseres Herrn Jesu Christi, meines Meisters. Er trage es auf seinen Schultern nach dem Beispiele Jesu Christi, damit das Kreuz für ihn die Waffe seiner Eroberungen und das Szepter seiner Herrschaft werde, imperium principatus eius super humerum eius. Endlich pflanze er es aus Liebe in sein Herz, um daraus einen Dornbusch zu machen, der Tag und Nacht von der reinsten Liebe Gottes brenne, ohne verzehrt zu werden.“

Aber das führt doch „zu einer Pauschal-(Vor-)Verurteilung der (teilweise) neu formulierten Lehre“! „Es geschieht eine (implizite) (Mit-)Verurteilung von prinzipiell erkennbar Gutem, Wahrem, Echtem, Gott Wohlgefälligem durch die pauschale, undifferenzierte Verwerfung des neu(-artig/-formuliert) Gelehrten und Praktizierten. Ebenso ist die Folge eine Pauschal-Verurteilung der neu formulierten Disziplin (Kirchenrecht).“ „Ferne sei es mir, mich zu rühmen außer im Kreuze unseres Herrn Jesu Christi, meines Meisters“, mag auch im „neu(-artig/-formuliert) Gelehrten und Praktizierten“ noch so viel „von prinzipiell erkennbar Gutem, Wahrem, Echtem, Gott Wohlgefälligem“ sein. All das kann nichts nützen ohne die Lehre vom Kreuz, die nicht „neu formuliert“ werden muß und kann.

9. „Crucem, das Kreuz möge er tragen, denn nichts ist so notwendig, so nützlich, süß und glorreich, als für Jesus Christus zu leiden. In der Tat, teure Freunde des Kreuzes, ihr seid alle Sünder: keiner ist unter euch, der nicht die Hölle verdient hätte, ich mehr als sonst jemand. Unsere Sünden müssen in dieser oder in der andern Welt gestraft werden; büßen wir sie in dieser Welt, so brauchen wir es nicht zu tun in der anderen. … Wie glücklich sind wir doch, die ewige, verdienstlose Strafe in eine vorübergehende, verdienstvolle umwandeln zu können, wenn wir unser Kreuz mit Geduld tragen! Wie viele Sünden haben wir begangen, für die wir selbst nach einer bitteren Reue und aufrichtigen Beichte im Fegfeuer ganze Jahrhunderte Sühne leisten müßten, weil wir uns in dieser Welt mit einigen sehr leichten Bußübungen begnügt haben! Ach, zahlen wir auf gütlichem Wege in dieser Welt, indem wir gern unser Kreuz tragen. In der anderen Welt wird alles nach Strenge bis auf das letzte unnütze Wort, bis zum letzten Heller bezahlt werden müssen. Wenn wir dem Teufel einmal das Buch des Todes entreißen könnten, in dem er alle unsere Sünden mit den ihnen gebührenden Strafen aufgezeichnet hat, welch große Schuld würden wir in der Rechnung finden, und wie würden wir entzückt sein, Jahre lang hienieden leiden zu dürfen, lieber als nur einen einzigen Tag in der anderen Welt!“

Nein, dieser wahre Geist der Buße und Kreuzesliebe ist unter den heutigen Christen nicht sehr verbreitet, selbst nicht unter den „Traditionalisten“ und anderen Katholiken, die sich die Bewahrung des Glaubens und des heiligen Meßopfers auf ihre Fahnen geschrieben haben. Zu sehr sind auch sie bereits in Bequemlichkeit, Natur, Gewohnheit, Eigenliebe und Menschenfurcht versunken. „Es werden aber Tage kommen, da ihnen der Bräutigam genommen ist; dann werden sie fasten an jenem Tage“ (Mark 2,20).

10. Bemühen wir uns wenigstens, soweit es an uns ist, Freunde des Kreuzes und damit des Gekreuzigten zu sein. Erfüllen wir, so gut es uns möglich ist, die vier Kennzeichen eines wahren Jüngers Christi. Und fügen wir eines hinzu: Stellen wir uns neben den Lieblingsjünger Johannes unter das Kreuz, wo „Maria, Seine Mutter“ steht. An ihrer Seite stehen wir richtig. „Siehe da, dein Sohn! – Siehe da, deine Mutter!“