Dem Ruin entgegen

Um diese Aufstellung zu belegen, zeichnet unser Autor in einer kleinen „Chronologie der Ereignisse von 1987/88“ einige der Haken nach, welche „der Erzbischof“ in dieser Zeit geschlagen hat. Er beginnt mit den Aussagen „des Erzbischofs“ vom September 1987, als dieser, von Verhandlungen mit Kardinal Ratzinger enttäuscht, sich in Priesterexerzitien dazu verstieg, vom apostatischen Rom zu wettern, das „den Glauben verloren“ habe: „Es ist die Wahrheit. Rom befindet sich in der Apostasie. Man kann in diese Welt kein Vertrauen mehr haben, sie hat die Kirche verlassen, sie haben die Kirche verlassen. Das ist sicher, sicher …“ Nur einen Monat später war er mit diesen Apostaten, die „die Kirche verlassen“ haben, zu einem „Dialog“ bereit, nachdem ihm nämlich jenes Rom, das „den Glauben verloren“ hat, das versöhnliche Angebot einer „Visitation“ gemacht hatte. Nun ließ er die Gläubigen beten, daß es zu einer Lösung komme, die es ermöglichen würde, „unter der Autorität des Obersten Hirten“ das „Experiment der Tradition“ zu machen. Zwar seien „diese beiden Richtungen, die gegeneinander stehen“ – die „Tradition“ und die „Apostasie“ sind hier gemeint – „sehr schwer auf einen Nenner zu bringen“, doch „wenn Rom die Absicht hat, uns eine wirkliche Autonomie zu geben, so wie wir sie jetzt schon haben, jedoch mit der Unterwerfung, wären wir einverstanden“, denn: „Wir haben immer gewünscht, dem Heiligen Vater unterworfen zu sein.“

Im November legte „der Erzbischof“ in Briefform ein „Projekt zur Wiedereingliederung und Normalisierung unserer Beziehungen zu Rom“ vor, um „unseren Beitrag zur Erneuerung der Kirche zu leisten“. Darin heißt es: Wir „wollten nie mit dem Nachfolger Petri brechen und den Heiligen Stuhl nie als vakant ansehen, trotz der Prüfungen, die uns das eingetragen hat“. Auf der Basis dieses „Projekts“ wurde dann das berühmte Protokoll vom 5. Mai 1988 zwischen „dem Erzbischof“ und Kardinal Ratzinger verfaßt und unterzeichnet, das „der Erzbischof“ anderntags „widerrief“. Er tat dies allerdings, wie uns Hochwürden glaubhaft versichert, nicht etwa, „weil er zur Überzeugung gekommen wäre, das Protokoll sei inakzeptabel“; vielmehr sprach er noch im gleichen Brief seines Widerrufs von „einer wirklichen Genugtuung“, welche er beim Unterschreiben des Protokolls empfunden habe, und bezeichnete auch später noch seinen Seminaristen gegenüber das Protokoll als „an sich annehmbar“. Seine Unterschrift, erklärt uns P. Frey, habe „der Erzbischof“ widerrufen, „weil gewisse Umstände ihm schwere Bedenken eingaben: Der Termin für die Bischofsweihen wurde von Rom immer wieder hinausgeschoben, und man hatte ihm zu verstehen gegeben, daß fortan in St. Nicolas in Paris sonntags auch eine neue Messe gelesen werden sollte“.

Nachdem auch ein letzter Versuch, „legal“ an seine Bischöfe zu gelangen, gescheitert war, „sieht er sich vor der Gewissensverpflichtung, zur heroischen Tat der ‚Überlebensaktion‘ zu schreiten, vier Bischöfe zu weihen, um das Weiterbestehen des Werkes der Tradition zu garantieren“. Doch auch „nach der ungerechten und nichtigen Exkommunikation und dem definitiven Scheitern der Verhandlungen sieht der Erzbischof nicht eine grundsätzliche Unmöglichkeit für ein Abkommen mit Rom, das er ja immer gewünscht hat, falls die Umstände es erlauben“. „Für ihn war und ist das entscheidende Kriterium für ein Abkommen stets, daß die Bruderschaft ’sich genügend schützen könne‘, die Garantien bekäme, ihre Sendung ungehindert weiterzuführen.“ Zum Beweis dafür zitiert unser Autor eine Aussage „des Erzbischofs“ vom März 1989: „Nach dem Unterzeichnen des Protokolls hätte ich sehr wohl ein definitives Abkommen unterschrieben, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, uns wirksam gegen den Modernismus von Rom und der Bischöfe zu verteidigen.“

4. Das alles ist fein beobachtet, und wir können dem Hochwürdigen Herrn Distriktoberen in dieser seiner Analyse nur zustimmen. Wir haben selbst schon mehrfach auf den Pragmatismus „des Erzbischofs“ hingewiesen, der im „Widerstand“ meist geflissentlich übersehen wird. Tatsächlich war Mgr. Lefebvre nicht der harte, prinzipientreue Glaubenskämpfer, als der er in diesen Kreisen gerne verklärt wird. Er hatte, wie wir festgestellt haben, seine ganz eigene Idee, wie der „Kirchenkrise“ zu begegnen sei, nämlich letztlich durch die Gründung und Ausbreitung seiner „Piusbruderschaft“. Gerne hätte er mit der Anerkennung oder doch Duldung Roms sein „Experiment der Tradition“ als eine Art edler Wettbewerb durchgeführt, da ihm eine solche Taktik am günstigsten für sein Vorhaben erschien. Dafür war er auch bereit, theologische Positionen (etwa die Frage nach der Gültigkeit der „konziliar erneuerten“ Weihen) und widerspenstige Priester aus den eigenen Reihen zu opfern, also gewissermaßen „über Leichen“ zu gehen. Notfalls jedoch war er durchaus in der Lage, Rom zu düpieren und in offene Rebellion überzugehen, wenn er nämlich den Fortbestand oder die freie Wirkungsmöglichkeit seines Werkes in Gefahr sah. Das änderte jedoch nichts an seinem grundsätzlichen und anhaltenden Bestreben, seine Bruderschaft durch konzilsrömische Gutheißung zu „legalisieren“.

Es wäre vielleicht doch gut, wenn beide Seiten, „Pius-Mainstream“ und „Widerstand“, sich über diese Grundhaltung „des Erzbischofs“ einmal Rechenschaft geben würden und nicht stets nur töricht und fruchtlos darüber streiten, was denn wohl „der Erzbischof“ heute tun würde oder wie er gehandelt hätte und wer daher nun das wahre Erbe „des Erzbischofs“ angetreten hat. Stattdessen könnte man sich dann die Frage stellen, ob denn „der Erzbischof“ mit seiner Haltung überhaupt richtig gelegen ist oder nicht, um sie gegebenenfalls zu korrigieren.

Auch unser Autor als linientreuer „Lefebvrist“ denkt natürlich nicht im Traum daran, so eine ketzerische Überlegung überhaupt nur in Erwägung zu ziehen. Stattdessen dient ihm sein kleiner kirchenhistorischer Exkurs zur Darlegung der pragmatischen, „von klaren Prinzipien geleitete(n) Vorgehensweise des Erzbischofs“ zum Beleg dafür, daß der gegenwärtige „Pius“-Generalobere, Mgr. Fellay, „folgerichtig und absolut im Sinne unseres Gründers“ gehandelt habe, als er „in den vergangenen Jahren die Angebote von Rom nicht grundsätzlich zurückwies, sondern gewissenhaft prüfte“. Im Frühjahr 2012 habe es so ausgesehen, „daß der Papst die Bruderschaft bedingungslos anerkennen und in der Gewährung der Freiheiten, insbesondere der Unabhängigkeit von den Bischöfen, bis zum äußersten gehen wolle“. „Als dies dann offensichtlich nicht der Fall war und von uns die bedingungslose Anerkennung der neuen Messe und des Vatikanums II als integraler Bestandteil der Tradition verlangt wurde, war Schlußpunkt! Die Verhandlungen waren gescheitert, wie es unter Erzbischof Lefebvre der Fall war.“