Dem Ruin entgegen

Somit kommt Hochwürden im „Fazit“ zu dem Schluß, daß „die schweren Vorwürfe des ‚Widerstandes‘ … jeglicher vernünftigen Grundlage“ entbehren. „Wie kann man von ‚Verrat‘ und ‚Kurswechsel‘ schreien, wo doch unser Generaloberer offenkundig in gleicher Weise wie der Erzbischof und in Übereinstimmung mit dessen Grundsätzen vorgegangen ist?“, so wiederum „fernab von aller Polemik und persönlicher Schuldzuweisung“ unser Autor, der sich die Frage stellt, ob es nicht „von einer großen Portion Anmaßung“ zeuge, „sich zum Richter über die Oberen aufzuwerfen und diese zu verdammen“. Die „Anhänger des ‚Widerstands’“ seien „überzeugt, die einzigen authentischen Interpreten des Denkens unseres Gründers zu sein“, und übersähen dabei, „daß die Frage der Verhandlungen mit Rom nicht in ihre Kompetenz fällt, sondern in jene des Generaloberen“. „Dieser berät sich mit den höheren Oberen und beruft im Entscheidungsfall ein Generalkapitel ein. Die Standesgnade für die richtige Entscheidung indes ist ihm allein von Gott angeboten.“

„Um ihre persönlichen Ansichten durchzusetzen, nehmen die ‚Widerstand‘-Priester es in Kauf, die Gläubigen zu verwirren und in Gewissensbisse zu stürzen, die Einheit der Bruderschaft zu torpedieren, die legitime Autorität zu verunglimpfen und persönlich – ihrer eigenen Sprechweise gemäß – als ‚praktische Anarchisten‘ zu agieren, wo jeder machen kann, was er will, ohne jegliche Anbindung an die kirchliche Hierarchie, was vom Kirchenrecht übrigens strengstens verboten ist.“ Dies alles ist, wir wiederholen es, „fernab von aller Polemik und persönlicher Schuldzuweisung“ gesprochen. „Wenn sie schon von ihren Ansichten überzeugt sind, warum warten sie nicht ab, ob sich ihre Befürchtungen tatsächlich erfüllen, z. B. ein kopfloses Abkommen abgeschlossen würde? Bislang ist doch überhaupt nichts geschehen!“ Ein netter kleiner Vergleich soll dies illustrieren: „Wenn ein Schiff in die Nähe eines Eisbergs gerät, werden dann die Seeleute bestürzt von Bord springen, bevor überhaupt eine Gefahr der Kollision besteht?“

Endlich gelangt unser Distriktoberer, wir wiederholen ein letztes Mal, „fernab von aller Polemik und persönlicher Schuldzuweisung“, zu seinem Schlußsatz, in welchem die ganze Quintessenz seiner „Analyse“ enthalten zu sein scheint: „Und warum rebellieren die Priester des ‚Widerstands‘ denn gegen die Obrigkeit, obwohl von ihnen im Gehorsam niemals je etwas Glaubens- und Sittenwidriges verlangt wurde? Dies wäre der einzige Grund, der einen Widerstand gegen die Obrigkeit legitimieren würde.“

5. Es ist nicht ganz einfach, den Knäuel ein wenig aufzudröseln, den der Hochwürdige Herr Distriktobere in diesem letzten Teil seiner Apologia geschürzt hat. Wir beginnen vielleicht am besten mit dem losen Ende, wie sich das bei derlei Knoten stets empfiehlt. Der „Gehorsam“ ist ja unvermeidlich das letzte und im Grunde einzige Argument, das stereotyp aus dem „Pius-Mainstream“ dem „Widerstand“ entgegengeschleudert wird. Daß derlei „Gehorsams“-Gefasel von vornherein etwas fragwürdig und schräg klingen muß aus dem Munde solcher, die sich ihrerseits erlauben, der immerhin höchsten Autorität auf Erden, nämlich dem Stellvertreter Christi, ungehorsam zu sein, scheinen sie zumindest im „Unterbewußtsein“ noch wahrzunehmen, weshalb sie sich eine ganz besondere und neue Auffassung von Gehorsam zugelegt haben. Ungehorsam und Widerstand ist demnach überhaupt nur noch aus Glaubens- und Sittengründen erlaubt.

Selbst auf die Gefahr, uns zu wiederholen, dürfen wir noch einmal Leo XIII. aus seiner Enzyklika „Libertas praestantissimum“ von 1888 zitieren: „Sobald das Recht zu gebieten fehlt oder ein Gebot der Vernunft, dem ewigen Gesetz oder der Autorität Gottes widerspricht, ist es legitim, ungehorsam zu sein, wir meinen den Menschen, um Gott zu gehorchen.“ Glaube und Sitten sind also keineswegs „der einzige Grund, der einen Widerstand gegen die Obrigkeit legitimieren würde“. Oder weiß es der Herr Distriktobere von Österreich heute besser als der Papst von damals? Hier wird gleich der nächste Faden im Knäuel sichtbar, nämlich die maßlose Überschätzung und Überzeichnung der „piusbruderschaftlichen“ Autoritäten. Immerhin nennt sie unser Autor „legitime Autorität“, obwohl sein Erster Generalassistent, mithin der zweithöchste Vorgesetzte unseres Analysten, vor nicht allzu langem bekannt hat, unter einer „kirchenrechtlichen Irregularität“ und einem „kanonischen Mangel“ zu leiden. Wo kommt da plötzlich die „legitime Autorität“ her?

Ja, mehr noch, Hochwürden wirft dem „Widerstand“ vor, „ohne jegliche Anbindung an die kirchliche Hierarchie“ zu handeln, was vom Kirchenrecht doch „strengstens verboten ist“! Mit dieser „kirchlichen Hierarchie“, von welcher sich der „Widerstand“ losgesagt hat, können ja wohl nur die „Pius-Oberen“ gemeint sein, obwohl diese ihrerseits „ohne jegliche Anbindung an die [in ihren Augen real existierende] kirchliche Hierarchie“ sind, „was vom Kirchenrecht übrigens strengstens verboten ist“. Somit ist also aus der irregulären und mit kanonischem Mangel behafteten, gegen das strengste Verbot des Kirchenrechts von der kirchlichen Hierarchie getrennten und dem Stellvertreter Christi ungehorsamen „Pius“-Leitung – Simsalabim! – die „legitime Autorität“ und die „kirchliche Hierarchie“ selbst geworden.

Doch damit noch nicht genug. Denn dieser „legitimen Autorität“ und „kirchlichen Hierarchie“, näherhin dem Hochwürdigsten Herrn Generalsuperior, kommt es in der heutigen Zeit einzig zu, über die Frage der Beziehungen zu Rom zu entscheiden, denn: „Die Standesgnade für die richtige Entscheidung … ist ihm allein von Gott angeboten.“ Ach ja, die „Standesgnade“, ein weiterer von den „Pius“-Apologeten usque ad nauseam (sinngemäß: bis zum Überdruß) strapazierter Topos! Es ist also heute keinem Katholiken mehr erlaubt, selbst zu entscheiden, ob er der „konziliaren Kirche“ angehören will oder nicht. Die „Standesgnade“ dafür wird von Gott ausschließlich dem Allerhochwürdigsten Generaloberen der „Piusbruderschaft“ angeboten (ob er sie auch ergreift, ist dann freilich eine andere Frage).