Dem Ruin entgegen

Demnach besitzen einfache Priester und Laien wie z.B. Familienväter neuerdings keine Standesgnade mehr, um zu erkennen, was für sie und die ihnen anvertrauten Seelen das Richtige ist? Nur der Generalobere der „Piusbruderschaft“ hätte die Kompetenz, das zu entscheiden? Und es berührt Glauben und Sitten in keiner Weise und geht die Priester und Gläubigen der Bruderschaft gar nichts an, wenn Seine Exzellenz die Bruderschaft an das „konziliare“ Rom anschließt (um nicht das allzu „polemische“ Wort „verkauft“ zu verwenden)? Wer hat denn beispielsweise mit seinen Spenden, seinen Mühen und Arbeiten die Kapellen, Priorate und Gemeinden aufgebaut, die nun womöglich den „konziliaren“ Bischöfen ausgeliefert werden? Wer hat sich denn extra der „Piusbruderschaft“ angeschlossen, um gerade nicht in der „konziliaren“ Kirche auf- und unterzugehen, weil dies eben sehr wohl eine unmittelbare Gefahr für Glauben und Sitten ist, wie unzählige Beispiele belegen? Und nun sollen alle brav wie die Lemminge hinter dem „Pius“-Generaloberen herlaufen und sich blind in den Abgrund stürzen, weil nur er die Kompetenz und die „Standesgnade“ dazu besitzt, jene Schalmeientöne hervorzubringen wie weiland der Rattenfänger zu Hameln, dem alles Getier blindlings folgt? Der Hochwürdigste Herr Generalobere handelt ja nicht für sich allein, auch nicht allein für seine Bruderschaft, sondern gewissermaßen im Namen aller, die sich als „Bewegung der Tradition“ um die Bruderschaft herum angeschlossen haben. Und trotzdem dürften diese alle, obwohl sie keineswegs irgendeiner „legitimen Autorität“ des Generaloberen unterstehen, nichts anderes tun als brav zu nicken und blöde hinterher zu trotten? Wie viele tapfere Katholiken der „Tradition“ befanden sich schon im Widerstand gegen die „konziliare Kirche“, als der Hochwürdigste Generalobere – mit Verlaub – noch im Sandkasten spielte, und nun sollten sie sich von ihm allein sagen lassen, ob sie das überhaupt dürfen? Wir fragen uns, auf welcher Seite hier tatsächlich die Überheblichkeit und die „Anmaßung“ liegt!

Wir wären schon ein gutes Stück weiter, wenn nur endlich einmal der unsägliche, horrende Unsinn vom „unbedingten Gehorsam“ gegen die „außerordentlichen, ersetzenden Autoritäten“ der „Piusbruderschaft“, wie es ein anderer „höherer Oberer“ der „Pius“-Gesellschaft unlängst nannte, aus der Welt geschafft wäre. Wir wiederholen daher noch einmal, was wir an anderer Stelle schon mehrfach unterstrichen haben: Die „Oberen“ der „Piusbruderschaft“ besitzen keine kirchliche Jurisdiktion. Wer sich ihnen anschließt, tut dies ganz freiwillig und untersteht nicht ihrer Rechtsprechung. Solange er sich ihnen angeschlossen hat, hält er sich an die „Spielregeln“, er kann sich jedoch jederzeit wieder lösen, ohne damit im geringsten einen „Ungehorsam“ zu begehen. Erst recht verliert er damit keinen kirchenrechtlichen Status, den er vielleicht zuvor besessen hätte. Nach dem Buchstaben des Kirchenrechts sind alle Kleriker der „Piusbruderschaft“ „clerici vagi“ (svw. streunende Kleriker) und suspendiert. Daran ändert sich nichts, ob man sich dazugehörig erklärt oder nicht.

Besonders lächerlich ist, wie nicht anders zu erwarten, das Bild unseres Autors vom Schiff und dem Eisberg geraten. Wenn sich die hochwürdigen Herren „Pius“-Apologeten an Metaphern üben, ist ein Lacherfolg meist bereits vorprogrammiert und kommt in der Regel nichts als Unsinn heraus. Wenn wir schon im albernen Bild bleiben und im Schiff die „Piusbruderschaft“ erblicken und im Eisberg das „konziliare“ Rom, dann wäre doch vor allem nicht nachzuvollziehen, wieso Kapitän und Offiziere unbedingt an den Eisberg heranfahren wollen, wenngleich sie doch wissen müssen, wie gefährlich das ist, anstatt ihn möglichst weiträumig zu umschiffen. Und wenn das Schiff bereits Schlagseite bekommen hat, weil der Rumpf längst unter der Wasseroberfläche vom Eisberg aufgeschlitzt worden ist und volläuft, und die Seeleute daran gehen, die Rettungsboote zu Wasser zu lassen, werden sie dann zurecht von der Schiffsleitung getadelt (oder gar mit Prozessen überzogen und über Bord geworfen), weil doch „überhaupt nichts geschehen“ sei, nur weil das Schiff noch nicht vollends untergegangen ist?

6. Damit kommen wir wieder zum Hauptargument unseres diensteifrigen Distriktoberen zurück, denn er will uns ja, wie wir gesehen haben, weismachen, daß eben „überhaupt nichts geschehen“ sei, sondern die „Piusbruderschaft“ treu und brav auf dem unveränderten, verläßlichen Kurs „des“ teuren und verdienten Erzbischofs weiterdampft (der ja übrigens auch beinahe das Schiff an den Eisberg gerammt hätte). Ist das wirklich so? Gewiß, Erzbischof Lefebvre war ein Pragmatiker, wie wir ebenfalls schon gesehen haben. Aber nicht nur. Mgr. Lefebvre hatte, wie der damalige Abbé Sanborn richtig festgestellt hat, „zwei Gesichter“: „Der Verlauf der Verhandlungen mit dem modernistischen Vatikan zeigt in evidenter Weise, daß es in Monseigneur Lefebvre zwei entgegengesetzte Aspekte gab, von denen ein jeder in der Lage war, seine klare und kontradiktorische Theorie und ebensolche Handlungsweise zu diktieren. Auf der einen Seite gab es den Glauben von Monseigneur. Ich kannte ihn seit vielen Jahren und kann bezeugen, daß er von ganzem Herzen zutiefst katholisch war, anti-liberal, anti-modernistisch. Er verabscheute die Erneuerungen des II. Vatikanums und sehnte sich, wie wir, nach einer Rückkehr zum katholischen Glauben.“ Auf der anderen Seite jedoch „gab es die Diplomatie des Erzbischofs“. „Er glaubte fest daran, und dachte, wohl ausgebildet in dieser Kunst dank seiner Tätigkeit als Apostolischer Delegat, die Probleme der Kirche mit dem Mittel der Diplomatie lösen zu können.“ „Befreit von diplomatischen Bedenken, leuchtete sein Glaube auf, entflammt durch die Kraft seiner Seele. Seine Äußerungen, die er in diesen Augenblicken der nicht-diplomatischen Gemütslage und ohne Berechnung machte, waren ausgezeichnet. Sie waren genau das, was die Kirche brauchte: eine einfache Darlegung der Wahrheit ohne Mehrdeutigkeit, eine direkte Anklage der Modernisten, ein starkes Programm der positiven Aktion gegen sie durch das Mittel der Formung und Weihe traditioneller Priester. In diesem Aspekt liegt die ganze Größe von Monseigneur Lefebvre. Wenn hingegen die Diplomatie seine Gedanken und Handlungen bestimmte, trat eine ganz andere Person zutage. Mit der Bereitschaft, schmachvolle Kapitulationen hinzunehmen, um sein Ziel zu erlangen, warf er den Modernisten zweideutige Zusagen zum Fraße vor in der Hoffnung, sie würden damit zufrieden sein und ihm einen Platz an der modernistischen Tafel einräumen.“