Dem Ruin entgegen

Der hier genannte erste, nicht-diplomatische Aspekt des tief gläubigen, anti-modernistischen und anti-liberalen wahren Kirchenmannes Lefebvre fehlt seinen Nachfolgern völlig. Darum mangelt ihnen auch die Kraft, mit welcher dieser unbeirrbar seinen Weg verfolgte. Er kannte keine Selbstzweifel, Minderwertigkeitskomplexe oder Inferioritätsgefühle. Souverän trat er dem „konziliaren“ Rom entgegen und ließ sich auch durch schwerste Kirchenstrafen wie Suspension und Exkommunikation in keiner Weise einschüchtern. Im Gegenteil verstand er gerade die scharfen Auseinandersetzungen ganz zu seinem Vorteil auszunutzen. Die „Suspension“ von 1975 führte über Lille und Friedrichshafen zu einem ersten Höhepunkt seiner Popularität, die Bischofsweihen mit der „Exkommunikation“ von 1988 machten ihn endgültig zur weltweiten Ikone des „traditionalistischen“ Widerstands. Selbst ein Ratzinger alias Benedikt XVI. mußte dies eingestehen und ihm posthum die Reverenz erweisen, als er „den Erzbischof“ anläßlich der Audienz, die er zu Beginn seines Pontifikates dem Generaloberen der „Piusbrüder“ gewährte, einen „großen Mann der universalen Kirche“ nannte. Dieses Lob aus „päpstlichem“ Mund wird von der „Piusbruderschaft“ bis heute gerne zitiert, ja man schmückt sich geradezu damit, wobei die Armen in ihrem dummen eitlen Stolz den Seitenhieb nicht wahrnehmen, welchen Ratzinger hier ganz nebenbei der gegenwärtigen „Pius“-Führung verpaßte, nämlich in der gedanklichen Fortsetzung: Lefebvre war ein „großer Mann der universalen Kirche“, und wer oder was seid dagegen ihr?

Nein, mit „großen Männern der universalen Kirche“ vom Kaliber eines Mgr. Lefebvre hatte er es nicht zu tun, das hat dieser schlaue Fuchs aus Bayern ohne Zweifel sofort bemerkt, zumal er lange und intensiv genug mit „dem Erzbischof“ zu tun gehabt hatte. Mit einem Bischof Fellay, der stets darunter litt, kein „richtiger“ Bischof zu sein, der eilfertigst beteuert hatte „Wenn der Papst ruft, komme ich gelaufen“, mit diesem Mann konnte er gefahrlos sein Katz-und-Maus-Spiel betreiben. Eine „Piusbruderschaft“, die dem „konziliaren“ Rom liebedienerisch hinterherhechelte und gierig bettelnd nach einem dürren Knochen der „Anerkennung“ lechzte, war kein ernstzunehmender Gegner. So war Rom der unbestrittene Spielführer, der zu jeder Zeit das Heft in der Hand hatte, die Bedingungen stellte und die Verhandlungen schließlich auf Eis legte. Und die „Piusbrüder“ konnten aus ihrer Niederlage kein Kapital schlagen, im Gegenteil. Da sie seit eineinhalb Jahrzehnten nur noch alles auf die eine Karte „Anschluß an Rom“ gesetzt und keinen „Plan B“ in der Tasche hatten, blieb ihnen nichts übrig, als weiter hungrig nach Rom zu schielen und mit hündischer Ergebenheit um ein wenig Aufmerksamkeit zu winseln. Man „prüfte“ nicht „gewissenhaft“ irgendwelche römischen Angebote, sondern sehnte sich verzweifelt nach konzilsrömischer Huld gemäß dem Psalmwort: „Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hand ihres Herrn, wie die Augen der Magd auf die Hand ihrer Gebieterin, also sind unsere Augen gerichtet auf Jehova [hier besser: den „Heiligen Vater“], unseren Gott, bis er uns gnädig ist“ (Ps. 123,2).

„Der Erzbischof“ war stets als der eigentliche Sieger aus den Scharmützeln mit dem konziliaren Rom hervorgegangen. Die Fellay-Bruderschaft stand nun belämmert da wie eine verschmähte Geliebte. „Rom hat uns getäuscht“, klagte bitter und verletzt der arme Bischof Fellay, der zuvor noch dem Papst weinerlich versichert hatte, „trotz des starken Widerstands in der Bruderschaft und zum Preis großer Unruhen“ nicht nachzulassen, „weiterhin alle Anstrengungen zu machen, diesen Weg fortzusetzen“ (vgl. Cor unum Nr. 104). Er nahm also den „Widerstand“ von vornherein billigend in Kauf, um sich hinter dem Rücken und auf Kosten seiner „Traditionalisten“ kriecherisch in Rom lieb Kind zu machen (soviel zur „Standesgnade“).

So schäbig, erbärmlich und jämmerlich hat „der Erzbischof“ nie gehandelt. Bei allem Pragmatismus und allen Zugeständnissen war er sich doch stets bewußt, daß man den „Neurömern“ nicht trauen durfte und sich absichern mußte. Deswegen bestand er 1988 auf den von ihm ausgewählten Kandidaten für das Bischofsamt und auf der römischen Kommission, welche die „Tradition“ schützen sollte, und brach alle Verhandlungen ab, als er sah, daß ihm diese Forderungen nicht gewährt wurden. Das famose „Generalkapitel“ der „Piusbrüder“ von 2012 verzichtete in seinen kläglichen „sechs Bedingungen“ praktisch zur Gänze auf diese Absicherungen und ließe sich daher besser „Generalkapitulation“ benennen. Die römische Kommission taucht lediglich unter den ohnehin zu vernachlässigenden „wünschenswerten“ Bedingungen auf, und die dritte „sine qua non“-Bedingung verlangt nur noch die „Zusage von mindestens einem Bischof“ – ohne hinzuzusetzen, wer diesen mageren „einen Bischof“ auswählen wird. Damit wäre „der Erzbischof“ auf keinen Fall zufrieden gewesen, wie sein Beispiel beweist.

7. In unserem Fazit kommen wir somit zu dem Schluß, daß „die schweren Vorwürfe des ‚Widerstandes’“ keineswegs „jeglicher vernünftigen Grundlage“ entbehren und daß sie, ihrem eigenen „Lefebvrismus“ zum Trotz, zurecht „von ‚Verrat‘ und ‚Kurswechsel’“ sprechen, da der „Pius“-Generalobere offenkundig nicht „in gleicher Weise wie der Erzbischof und in Übereinstimmung mit dessen Grundsätzen vorgegangen ist“. Von der Frage, inwieweit es überhaupt zulässig und sinnvoll ist, mit dem „konziliaren“ Rom zu verhandeln, wollen wir dabei ganz absehen. Führen also nicht tatsächlich die Herren Oberen der „Piusbruderschaft“ diese „dem Ruin entgegen“?

Das Schlußwort sei dem heiligen Johannes vom Kreuz überlassen, welcher in seinen geistlichen Ratschlägen (Nr. 12) erklärt: „Und wenn auf diese oder eine andere Weise der Orden in einen solchen Zustand geriete, daß in den Kapiteln, Versammlungen und bei anderen Gelegenheiten die gewichtigsten seiner Mitglieder nicht zu sagen wagten, was im Namen der Liebe oder Gerechtigkeit zu sagen ist – sei es durch Schwäche, Kleinmut oder durch die Furcht, den Oberen zu erzürnen und daher ohne Amt zu bleiben (was offenkundige Ehrsucht ist) – dann möge man den Orden für verloren und vollkommen erledigt halten.“