Die letzte Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter

von antimodernist2014

Die alte Marianne saß in einem Altenheim auf ihrem Zimmer und betete den Rosenkranz. Erst seit einigen Wochen hatte das alte Mütterchen dieses Zimmer für sich alleine. Ihre Mitbewohnerin war gestorben. Heller, freundlicher Sonnenschein blickte durch das kleine Fensterchen in die niedere Stube herein. Tiefe Stille lag in dem Raum, nur dann und wann war ein leises Klirren des alten, großen Rosenkranzes in der zitternden Hand des alten Mütterchens zu hören. Als sie das Gebet beendet hatte, blickte sie zu dem Bild der Schmerzhaften Muttergottes auf, das unter dem Kruzifix in der Ecke des Stübchens seinen Platz hatte.Wieder faltete sie die Hände, den Blick fest und andächtig auf das einfache Bild gerichtet, welches Maria mit dem Leichnam des Heilands auf dem Schoß darstellte. Mit zitternder Stimme begann sie zu singen: „Christi Mutter stand mit Schmerzen, bei dem Kreuz und weint von Herzen, als ihr lieber Sohn da hing…“ Auswendig sang sie das ganze Lied, es kam wahrlich von Herzen. Sie hörte nicht, wie auf dem Gang ein paar Bewohner des Altenheims angefangen hatten zu lachen und zueinander sagten: „Die alte Marianne singt wieder einmal.“ Eine Schwester, die diese Worte gehört hatte, wies die Beieinanderstehenden darauf hin, daß dieses Lied noch lange nicht so viel Lärm machen würde, als wenn man auf dem Gang und in den Zimmern überlaut sprechen oder sogar Händel haben würde. Marianne war inzwischen bei der letzten Strophe des Liedes angekommen: „Gib, daß mich sein Kreuz bewache, daß sein Tod mich lebend mache, mich erwärm’ sein Gnadenlicht; daß die Seele frei mög’ fahren, zu den sel’gen Himmelsscharen, wenn mein Aug im Tode bricht!“

So endete das Lied, das einst der große Büßer im fernen Italien in flammender Liebe verfaßt hatte. „O, liebe Schmerzhafte Muttergottes, hilf doch“, sagte die alte Marianne zu dem Bild, „daß der Joseph wieder zum Glauben kommt!“ Das war ihr stetes Gebet, ihre immerwährende Sorge: der Joseph, ihr einziges Enkelkind. Sie hatte nur einen Sohn gehabt. Er war in die Stadt gegangen, hatte dort bald eine Stelle als Hausmeister in einer Kanzlei erhalten und hatte zuletzt eine „gute“ Heirat gemacht. Seine alte Mutter sah er nur noch selten. Er schämte sich ihrer, aber noch mehr schämte sich seine Frau, eine Dame aus der Stadt, die den Kopf gar nicht hoch genug tragen konnte und viel mit „Bildung“ um sich warf. Die beiden hatten ein Kind, den Joseph, das Sorgenkind der alten Marianne. Seine Eltern waren inzwischen gestorben, zuerst die Mutter, dann, als Joseph etwa sechzehn Jahre alt war, auch der Vater. Als den Vater sein Leiden bereits ans Bett fesselte, war Marianne zu ihm in die Stadt gegangen und hatte sich dabei auch um Joseph angenommen. Gerne schloß sich der Junge seiner alten Großmutter an, plauderte mit ihr und betete mit ihr den Rosenkranz. Nach dem Tod des Vaters, kam er an eine Studienanstalt und später auf die Universität. Er wurde ein angesehener Arzt und zuletzt sogar Professor an der Hochschule, wo er die jungen Studenten zu unterrichten hatte. Sein Großmütterchen sah er nur noch höchst selten, und während der spärlichen Besuche war die frühere Vertrautheit nicht mehr vorhanden. Sein Inneres hatte sich verändert. Wie so viele vorzügliche und fromme Studenten hatte er sein Studium begonnen und ist schließlich verdorben und glaubenslos aus demselben in die Welt hinausgetreten. Wiederholt hatte er bei seiner Großmutter über den Glauben und das Beten gespottet. Sie mußte erkennen, daß ihrem Enkel nur ein Wunder helfen konnte, damit es mit ihm wieder besser wird. Sie betete, und sie verstand zu beten. Ganz besonders wendete sie sich an die allerseligste Jungfrau, die Schmerzensmutter.

Die Tür zu ihrem Zimmer öffnete sich, und die Schwester betrat mit einem Brief in der Hand die Stube. „Der Postbote hat diesen Brief eben abgegeben“, sprach sie freundlich, „warten Sie nur ab, Sie machen noch eine Erbschaft.“ Die alte Marianne lachte und meinte zu der Schwester: „Dafür bin ich zu alt. Ach, Schwester, könnten Sie mir bitte den Brief vorlesen. Ich bringe die Buchstaben nicht mehr zusammen, besonders die handgeschriebenen. Von wem ist denn der Brief?“ Die Schwester öffnete den Umschlag und schaute nach der Unterschrift, dann meinte sie: „Unterschrieben ist der Brief mit: Deine tiefbetrübte Base Hildegard.“ Die alte Marianne seufzte: „Ach, die Hildegard. Ja, die ist ein weitäufiges Bäschen von mir. Sie war im Dienst und hat dann geheiratet. Jetzt wohnt sie im Hessischen. Ich habe seit vielen Jahren nichts mehr von ihr gehört. Nun wird sie wohl in Not sein. Leute denken immer an einen, wenn sie in Not sind. Schade, daß ich ihr nichts geben kann. Wie geht’s ihr denn?“ Die Schwester las den ganzen Brief vor. Hildegard berichtete, daß sie nun sechs kleine Kinder zu versorgen hätte; ihr Mann würde nicht genug verdienen, auch würde er manchmal etwas mehr brauchen, als eigentlich nötig wäre; sie könnte aber ansonsten schon zufrieden sein; ihr Mann hätte sie noch nie geschlagen und würde auch sehr an den Kindern hängen. Nun könnte sie aber, die Hildegard, selbst einen guten Verdienst erhalten, denn sie hätte eine Arbeitstelle gefunden. In der Woche würde sie acht bis zehn Mark verdienen, und nebenbei könnte vielleicht auch ein abgelegtes Kleid oder auch etwas für die Kinder dabei herauskommen. Aber sie sollte halt jemanden haben, der bei den Kindern bleiben und für sie kochen würde. Nach dieser Einleitung folgte Hildegards Bitte: Die Base Marianne möge doch dieses gute Werk tun, zu ihnen zu kommen und bei ihnen zu bleiben. Gewiß würde sie gut aufgenommen werden, die Kinder seien ordentlich und die Arbeit werde nicht zu viel sein.

„Das wäre eine weite Reise“, meinte die alte Marianne, „und ich bin doch nicht mehr so rüstig. Aber ich sollte es doch tun.“ Die Schwester schaute besorgt das alte Mütterchen an. „Großmutter“, meinte sie, „Sie sind siebzig Jahre alt. Es wird Ihnen zu viel zugemutet. Hier haben Sie ihr kleines Stübchen, um nichts brauchen Sie sich kümmern, Sie brauchen nichts arbeiten und den ganzen Tag können Sie beten und singen. Wir alle haben Sie sehr gern. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich würde hier bleiben. Sie wissen nicht, wie es Ihnen bei den jungen Verwandten ergehen mag. Am Anfang wird man Sie schon gerne aufnehmen und auch dankbar sein, aber wenn Sie einmal recht schwach und krank werden, und nichts mehr tun können, was dann? Großmutter, Sie haben doch schon genug gearbeitet in Ihrem Leben. Bleiben Sie bei uns!“

Die alte Marianne blickte ernst zum Bild des Gekreuzigten. Dann sprach sie: „Schwester, Sie meinen es gar zu gut mit mir. Aber wenn ich auf der Welt noch etwas Gutes tun kann, warum soll ich dann hier in diesem Stübchen sitzen bleiben und mich pflegen lassen? Die paar Jahre, die mir der liebe Gott vielleicht noch gibt, werden bald vorbei sein, ob ich es besser habe oder schlechter, und dann kann ich ausruhen, lange genug. Der gekreuzigte Heiland hat auch keine Ruhe gewollt auf dieser Erde. Die armen kleinen sechs Kinder! Was kann ich ihnen noch tun, was ihnen alles sagen! Und wenn die Verwandten unter der Woche so viel verdienen können, wenn ich bei ihnen bin, wäre es da nicht eine Sünde, wenn ich hier sitzen bleiben und nicht helfen würde? Der liebe Gott würde es mir gewiß schwer übel nehmen. Krank bin ich ja nicht, und wenn es auch langsam geht, ich werde schon fertig werden. Ich will gehen in Gottes Namen.“

„Vergeltsgott, Großmutter, für die gute Lehre, die Sie mir gegeben haben“, sagte fast ein bißchen beschämt die Schwester, „und für das gute Beispiel. Sie kommen gewiß einmal recht hoch in den Himmel hinauf.“

Etwa zehn Tage später begab sich Großmutter Marianne wirklich auf die Reise zu ihren Verwandten. Sie hatte vor der Abreise noch ein paar Tage das Bett hüten müssen. Bald aber fühlte sie sich kräftig genug und erklärte, nun gehen zu wollen. Nur eines erbat sie sich aus in der neuen Heimat, daß sie, wie sie es Zeit ihres Lebens getan hatte, auch künftig jedes Jahr einen oder einige Tage auf Wallfahrt an einen Gnadenort der Schmerzhaften Muttergottes gehen darf. Das wurde ihr zugesagt. So reiste sie ab und kam glücklich an.

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