Scandalum Crucis

von antimodernist2014

Die hl. Liturgie nähert sich ihrem jährlichen Höhepunkt, der Karwoche mit den drei heiligen Tagen. Diese Woche bildet das Crescendo des liturgischen Dramas, in dem wir in geheimnisvoller, sakramentaler Weise mit dem Erlösungsgeschehen vor beinahe 2000 Jahren verbunden werden. Zunächst ist natürlich jede hl. Messe für sich eine sakramentale Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Jesu und damit auch des ganzen Geschehens unserer Erlösung. Dennoch werden durch die einzelnen liturgischen Feiern die Stationen dieser Erlösung jeweils gesondert gefeiert und es wird somit jedem ermöglicht, sich betend und mitfeiernd immer tiefer in die Geheimnisse des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu zu versenken und die im Erlösungsgeheimnis verborgenen Gnaden sich anzueignen.

Damit das möglichst vollkommen gelingt, müssen wir uns ganz einfach nur der uralten Liturgie der hl. Kirche anvertrauen. Ihre Texte entfalten uns einen Gedankenreichtum, den man ein ganzes Leben lang wieder und wieder erwägen kann und soll. Es gilt doch für die hl. Liturgie dasselbe, was schon Moses, dem Ordner des Alten Bundes und seines Gottesdienstes, gesagt worden war: „Schau her, und tu alles nach dem Bilde, das dir auf dem Berge gezeigt wurde!“ Dieser Berg ist für die hl. Kirche Golgotha. In dem Augenblick nämlich, als auf dem Berg Golgotha die hl. Kirche aus der Seite ihres sterbenden Erlösers, des zweiten und ewigen Adam, als neue Eva, als Mutter aller Lebendigen, ins irdische Dasein trat, wurde sie Zeugin und Mitwirkerin der einzigen und wahren Liturgie, die Christus im Angesicht des Himmels und der Erde selbst als ewiger Hohepriester des Neuen Bundes blutig feierte. Die hl. Kirche wurde Zeugin und Mitopferin des einen und allein Gott wohlgefälligen Opfers, das der eingeborene und menschgewordene Sohn Gottes seinem himmlischen Vater am Kreuz für die Sünden der Welt darbrachte.

Die Form aber, die wunderbare und unbegreifliche Art und Weise, wie sie dieses einmalige und für immer genugtuende Opfer des einen und ewigen Hohepriesters auch in der Zukunft jedem der sich folgenden Geschlechter der Menschen gegenwärtig machen und in ihrer Mitte darbringen sollte, damit alle Nachlaß ihrer Sünden und das Heil der Sohnesannahme fänden – dieses Urmodell der einen großen Liturgie, des gewaltigen Gotteswerkes, in dem der Vater durch das Opfer des Sohnes die Erlösung der Menschheit bewirkte, hatte Christus schon am Vorabend des blutigen Opfervollzuges seinen Aposteln im Abendmahlsaal übergeben. Durch sie, die ersten Liturgen und Priester der Kirche Jesu Christi, wurde diese einzigartige und wunderbare Opferliturgie allen künftigen Priestern als göttliches Mysterium übergeben und nach Form und Inhalt treuestens überliefert. Seither lebt das „Bild“, das der hl. Kirche „auf dem Berge Golgotha gezeigt wurde“, ein Bild von unbezweifelbarer Wirklichkeit und machtvollster gnadenhafter Wirkkraft, als Mysterium, Sakrament, Opfer, oder wie immer man es nennen mag, in ihrer Liturgie fort. Diese Liturgie ist das unaufhörliche Gotteswerk zum Heil der Welt, ist der tägliche ununterbrochene Gottesdienst der erlösten Menschen. Je mehr wir uns von dieser himmlischen Liturgie ergreifen und innerlich formen lassen, desto mehr wird die Wirklichkeit der Gnade unsere Seelen wunderbar verwandeln und durch diese Verwandlung wird das Ziel dieses makellosen Opfers erreicht.

Jahrhundertelang hat diese hl. Liturgie Menschen und Völker geformt. Jahrhundertelang hat sie wunderbare Werke der Kultur entstehen lassen, weil sie die Geister vollkommen erfüllte und himmelwärts bewegte. Erst mit der Neuzeit verliert sich diese weltbezwingende Macht mehr und mehr. Das Siegeszeichen des hl. Kreuzes wird für den modernen Menschen wieder zum Ärgernis. Das Scandalum Crucis, das Ärgernis des Kreuzes offenbart in einer ganz besonderen Weise die tiefsten Gedanken des Menschen, es zeigt unmittelbar, ob sie aus Gott sind oder nicht. Hatte doch schon der hl. Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther geschrieben: „Wir aber verkünden Christus als Gekreuzigten: Für die Juden ein Ärgernis, für die Heiden eine Torheit; für die Berufenen aber, ob Juden oder Heiden, Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn Gottes ‚Torheit‘ ist weiser als die Menschen, und stärker als die Menschen ist Gottes ‚Schwachheit‘“ (1 Kor 1, 23-25).

„Scandalum Crucis“ – Das Ärgernis des Kreuzes

Für die ersten Christen war die Botschaft vom Kreuzestod und der Auferstehung des göttlichen Erlösers eine Freudenbotschaft und Trostbotschaft, denn durch diesen Tod hat Jesus Christus alle Sünden der Welt gesühnt und durch Seine glorreiche Auferstehung das neue Leben in Gott verkündet. Alle, die an Jesus Christus glauben und nach diesem Glauben leben, werden das ewige Leben erlangen, das Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben (vgl. 1 Kor 2,9). Darum fordert der hl. Paulus die Christen auf: „Wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns als Opfergabe hingegeben hat, Gott zum lieblichen Wohlgeruch“ (Eph 5,2). Und der hl. Apostel Johannes schreibt an die sieben Gemeinden in Asien: „Gnade euch und Friede von dem, der ist und der war und der kommen wird, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, und von Jesus Christus, dem treuen Zeugen, dem Erstgeborenen von den Toten, dem Herrscher über die Könige der Erde, der uns geliebt und uns durch sein Blut von unseren Sünden erlöst und uns zu einem Königreich, zu Priestern für Gott, seinen Vater, gemacht hat – ihm sei Ehre und Macht in alle Ewigkeit. Amen“ (Off 1,4-6).

Die Liebe Jesu, des göttlichen Erlösers, die sich vollkommen am Kreuz offenbart, hat langsam und unter einer Unzahl von Mühen und Opfern die Welt erobert und verwandelt. Millionen von Märtyrern haben für diese gekreuzigte Liebe ihr Leben hingegeben und damit Zeugnis für die Macht der Gnade und für ihren Glauben abgelegt, daß dieser Jesus, der am Kreuz gestorben und am dritten Tag von den Toten auferstanden ist, der Sohn Gottes ist und der einzige Weg zum ewigen Heil des Himmels. Die Offenbarung der gekreuzigten Liebe hat das christliche Morgen- und Abendland geboren.

Wie schwer fällt es uns jedoch, dieses Geheimnis des Kreuzes zu verstehen und noch schwerer fällt es uns, es recht zu leben. Wie kalt bleibt unser Herz angesichts der furchtbaren Leiden unseres göttlichen Erlösers. Lassen wir uns darum durch die Gedanken einer Mystikerin das Tor zum Geheimnis des Kreuzes einen Spalt weit auftun. Gott schenkt zuweilen besonders begnadeten Menschen tiefere Einsichten in die Geheimnisse unseres hl. Glaubens, die sie zum Wohl der Seelen weitergeben sollen. Die wahre Mystik interpretiert uns den hl. Glauben und das hl. Evangelium und hilft uns, lebendig mit unserem göttlichen Herrn verbunden zu sein. Werfen wir also einen kurzen Blick in die Tagebuchaufzeichnungen von Mechthild Thaller-Schönwerth, die man auch die Vertraute der Engel nannte. Irmgard Hausmann hat die Aufzeichnungen dieser außerordentlichen, aber ganz verborgen lebenden Frau veröffentlicht.

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