Scandalum Crucis

„Als der Herr auf dem Weg zum Ölberg war, wurde er furchtbar traurig, er sah voraus, daß die Jünger ihn verlassen würden. Er war nicht nur seiner selbst wegen, sondern auch um der Apostel willen so betrübt. Die Apostel waren alle gerührt, ihre Seelen waren fleckenlos. Sie fühlten sich eins mit ihrem göttlichen Meister. Als Jesus im Ölgarten angekommen war, war es neun Uhr abends. O Herr, Du Schöpfer der Menschen, wie zitterst Du doch vor Angst und Furcht! Wie fließen Deine bitteren Tränen! O könnte ich Dir doch helfen, könnte ich doch statt Deiner leiden! Als ich einst die schreckliche Todesangst Christi betrachtete, konnte ich mich nicht mehr fassen vor Mitleid und Schmerz. Da sprach mein liebster Jesus zu mir: ,Nicht nur für die gesamten Sünden der ganzen Welt habe ich am Ölberg so große Angst gelitten, o nein! Jede einzelne büßte und litt ich. Denn überfließend wie meine große Liebe sollte auch die Erlösungsgnade sein.‘ Eines der furchtbarsten Leiden Jesu war die tiefe Trauer über den Mißbrauch der Gnaden. Wenn wir nur wollten, könnten wir alle heilig werden, aber es fehlt am festen Willen und an treuer Beharrlichkeit.“

Am Ölberg leidet der göttliche Erlöser für alle Sünder aller Zeiten, aller Völker, aller Menschen. Seiner göttlichen Allwissenheit ist schließlich nichts verborgen. Er „sieht“ während Seiner Ölbergstunden jeden Menschen vor sich, und ER betet und bittet stellvertretend für ihn beim Vater um Erlösung. Wir sollen uns durch Mitleid mit diesem Leiden verbinden und den göttlichen Erlöser besonders darum bitten, die vielen Gnaden, für die ER so furchtbar hat leiden müssen, nicht zu mißbrauchen. Möge Jesus Christus um Seines bitteren Leidens willen in allen Versuchungen unseren Willen stärken und uns die Gnade der Beharrlichkeit schenken. Lassen wir uns aber von Mechthild Thaller noch ein wenig tiefer in dieses Geheimnis einführen: „Jesus erklärte sich bereit, alles anzunehmen, was ihm sein himmlischer Vater an Leiden schickt. O wunderbare Großmut, Allmacht der Liebe! Der Erlöser ist bereit, das Äußerste zu leiden, um den Sünder zu befreien! O Quelle der Liebe, ist es denn möglich, daß es noch etwas gibt, das ich nicht von Dir verlangen dürfte, da Du alles für mich leiden willst! Es gibt keine Leiden, keinen Schmerz, den Du, o Herr, nicht für uns gelitten hast. Er litt für uns alle Todesangst, auf daß wir ruhig sterben können. Den Verehrern seiner Todesangst am Ölberg verspricht die unendliche Liebe einen sanften Tod. Oft schon hat die Erfahrung die Wahrheit dieser Verheißung bestätigt.“

Im Leiden Jesu formt sich das neue Leben der Gnade, denn aus dem Leiden sind wir alle gnadenhaft geboren. Dies muß man natürlich dem neuen Leben auch ansehen. Der göttliche Lehrmeister gibt uns einige goldene Regeln für unser neues Leben aus der Gnade, eine davon heißt: „Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nicht nachfolgt, ist meiner nicht wert“ (Mt. 10,38). Mit „Kreuz“ sind hier die vielen „Kleinigkeiten“ des Alltags gemeint, die für uns so oft mühevoll, leidvoll, unangenehm, aufregend, niederdrückend, usw. sind. Dieses „Kreuz“ sollen wir gerne tragen – und zwar mit Jesus und für Jesus. Mechthild Thaller war eine hochbegnadete Kreuzträgerin, wie man aus ihren Aufzeichnungen herauslesen kann. Wie viel kann man von ihr lernen: „Als ich heute Morgen aus der Kirche kam, begegnete ich dem kreuztragenden Herrn. Ich hatte unsagbares Mitleid und beneidete Veronika um den Liebesdienst, den sie dem Herrn erweisen durfte. Der Herr tröstete mich liebevoll und sprach: ‚Sooft ein Mensch das Verlangen hat, mir in meinem Leiden ein Helfer und Tröster zu sein, rechne ich diese gute Absicht so hoch an, als ob er Simon von Cyrene oder Veronika gewesen wäre. Denn auch das kleinste Mitleid, das man meinem bitteren Leiden entgegenbringen kann, trägt große, ja tausendfältige Frucht. Wer das Kreuz auf Erden liebt, wird im Himmel die Glorie der Märtyrer besitzen.‘ Das erfreute mich, und ich fragte, ob im Himmel auch der Kreuzweg gebetet werde. ‚Der Kreuzweg wird im Himmel gefeiert und wird eine große Vermehrung der himmlischen Freuden derer sein, die ihn auf Erden oft gebetet und dieses Gebet verbreitet haben, denn das Kreuzwegbeten stammt von meiner Unbefleckten Mutter und die Kreuzwegbeter sind ihre bevorzugten Kinder.‘ Dann gab der Herr mir sein Kreuz, es ist groß und schwer, aber ich liebe es.“

Die Leidensmystik ist etwas vom tiefsten und zugleich zartesten, was unser hl. Glaube hervorgebracht hat. Viele Heilige haben sich so sehr in das Leiden Jesu versenkt, daß ihnen Gott besondere Gnaden des Mitleidens schenkte – Dann gab der Herr mir sein Kreuz, es ist groß und schwer, aber ich liebe es! Wenn wir das auch immer sagen könnten. Die Heiligen haben einen Einblick in das Leiden Jesu, der uns normalerweise nicht vergönnt ist. In ihren Visionen wird das Leben Jesu wieder lebendig, sie scheinen ganz in dieses Geheimnis hineingenommen.

Auch dafür noch ein Beispiel aus dem Tagebuch der Vertrauten der Engel: „Jetzt ist es still auf Kalvaria, das Volk hat sich verlaufen, nur mehr die Freunde Christi sind auf dem Leidensberg. Unsere liebe Frau hat wunde Augen, sie hat so viel geweint, ihr Antlitz ist so bleich wie das des toten Sohnes auf ihrem Schoß. Magdalena liegt auf ihren Knien und ihr Haupt liegt auf den Füßen Jesu. Maria nimmt mit zarter Hand die Dornenkrone vom Haupt des Herrn, ganz behutsam, wie um möglichst wenig Schmerz zu verursachen, zieht sie die Dornen heraus. Dann küßt die Schmerzensmutter die geliebten, nun gebrochenen Augen und den bleichen Mund, der ihr in Bethlehem so liebestrahlend entgegengelächelt hat. Dann reinigt sie mit einem in Wasser getauchten Schwamm die Wunden Jesu von Blut. Beim Anblick der schrecklich durchbohrten Hände schließt Maria einen Augenblick die tränenvollen Augen. Das Gelenk der linken Hand ist vollständig zerrissen, ebenso die Fingergelenke. Die rechte Hand, die stets nur zum Segen erhoben wurde, ist blau und fast ohne Haut. Die linke Seite längs der Rippen hinab ist auch vollständig ohne Haut. Auf der rechten Seite die weit klaffende Wunde. Der Speer drang hier so heftig ein, daß seine Spitze auf der linken Seite durchstach. Die Zeit von halb 6 bis halb 7 Uhr am Karfreitag gebe ich stets unserer schmerzhaften Mutter. Da leiste ich ihr Gesellschaft in ihrer Verlassenheit. Zum Schluß danke ich dem Herrn für die Treue, die ihm die ‚Heiligen unter dem Kreuz‘ erwiesen haben. Wenn dann unsere Liebe Frau vom Begräbnis heimkommt, dann warte ich schon auf sie und lege ihr in die reinsten mütterlichen Hände diejenigen, die meine Seele lieb hat. Statt des toten Sohnes gebe ich ihr das Teuerste, was ich habe. Ich danke Dir, Herr Jesu Christ, daß Du für mich gestorben bist. O laß Dein Blut und Deine Pein an mir doch nicht verloren sein! Amen.“

Das Kreuz des göttlichen Erlösers auf Golgotha ist für jeden Menschen eine große, ganz persönliche, sein ganzes Dasein treffende Herausforderung. Er kann diese göttliche Herausforderung annehmen oder sie zurückweisen. Der hl. Paulus klagt in seinem Philipperbrief: „Denn viele wandeln – ich habe von ihnen oft zu euch gesprochen und sage es jetzt unter Tränen – als Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18). Vielen wird das Kreuz zum Ärgernis, zur Torheit, zum Anstoß und zum Gericht werden, denn: „Dann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen. Da werden alle Stämme der Erde wehklagen. Sie werden den Menschensohn auf den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit kommen sehen“ (Mt 24, 30). Und beim hl. Johannes wird erklärt: „Das Gericht besteht aber darin: Das Licht ist in die Welt gekommen. Die Menschen aber hatten die Finsternis lieber als das Licht; denn ihre Werke waren böse“ (Joh 3, 19). Wer böse Werke tut, der scheut das Licht und liebt die Finsternis, damit seine Werke nicht offenbar werden. Darum soll sich jeder Mensch ehrlichen Herzens prüfen, wie es im Lukasevangelium so eindringlich heißt und im folgenden Gleichnisbild uns nahegebracht wird: „Die Leuchte des Leibes ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so ist dein ganzer Leib im Licht. Ist es aber krank, so ist dein Leib in Finsternis. Prüfe also, ob nicht etwa das Licht in dir Finsternis ist!“ (Lk 11, 34f). Ja, jeder muß immer wieder prüfen, ob nicht etwa das Licht in dir Finsternis ist. Am leichtesten gelingt diese Prüfung angesichts des Kreuzes, angesichts der gekreuzigten Liebe unseres göttlichen Erlösers und Herrn Jesus Christus. Wie schwer fiel es aber schon den hl. Aposteln zu begreifen, daß Jesus leiden müsse! „Von da an begann Jesus seinen Jüngern klarzumachen, er müsse nach Jerusalem gehen, vieles von seiten der Ältesten, Hohenpriester und Schriftgelehrten erleiden, getötet, und am dritten Tag auferweckt werden. Da nahm Petrus ihn beiseite, machte ihm Vorhaltungen und sagte: ‚Das möge Gott verhüten, Herr! Das darf dir nicht widerfahren!‘ Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: ‚Weg mit dir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis. Du folgst nicht den Gedanken Gottes, sondern denen der Menschen‘“ (Mt 16, 21ff).

Wenn es Petrus auch nur gut meint, so trifft ihn dennoch ein scharfer Verweis des göttlichen Lehrmeisters, denn wehe dem Menschen, der am Kreuz Ärgernis nimmt! Mit dem Ärgernis am Kreuz kommt nämlich die Finsternis ins Herz – wie der hl. Paulus sagt: „Das Wort vom Kreuz gilt freilich denen, die verlorengehen, als Torheit, uns aber, die gerettet werden, als Gottes Kraft“ (1 Kor 1,18). Schon vom ersten Augenblick des Christentums an gab es Menschen der Finsternis, die das Kreuz Christi nicht annehmen wollten. So wollte etwa die sog. Irrlehre der Gnosis keinen Gott dulden, der unter so furchtbaren Schmerzen ohnmächtig am Kreuz stirbt, weil sie an die Menschwerdung Gottes nicht glaubten. Für sie hatte Jesus nur einen Scheinleib angenommen, ist ja die ganze materielle Welt vom Bösen. Als Gott konnte er deshalb natürlich auch nicht leiden oder ohnmächtig den Schergen ausgeliefert werden. Die Gnostiker wollten das Ärgernis des Kreuzes beseitigen und begriffen nicht, daß sie damit auch die Wirklichkeit der Erlösung zerstörten. Ein Beispiel dafür ist Basilides, einer der führenden Gnostiker des zweiten Jahrhunderts: „Wie aber der ungezeugte und unnennbare Vater ihre Verderbtheit sah, sandte er seinen eingeborenen Nous (Verstand), der Christus genannt wird, um die, welche an ihn glauben würden, von der Herrschaft jener zu befreien, die die Welt gemacht haben. Er erschien auch ihren Völkern auf Erden als Mensch und vollendete die Kräfte. Aber er hat nicht gelitten, sondern ein gewisser Simon von Zyrene, den man zwang, für ihn das Kreuz zu tragen. Dieser wurde irrtümlich und unwissentlich gekreuzigt, nachdem er von ihm verwandelt war, so daß er für Jesus gehalten wurde. Jesus aber nahm die Gestalt des Simon an und lachte sie aus, indem er dabeistand, Er war ja die unkörperliche Kraft und der Nous des ungezeugten Vaters, deswegen konnte er sich nach Belieben verwandeln und stieg so wieder zu dem hinauf, der ihn gesandt hatte, indem er derer spottete, die ihn nicht halten konnten, und unsichtbar für alle war. Befreit also sind, die dies wissen, von den Schöpferfürsten der Welt. Nicht den Gekreuzigten darf man bekennen, sondern den, der anscheinend gekreuzigt wurde, Jesus hieß und vom Vater gesandt wurde, um durch diese Veranstaltung die Werke derer zu zerstören, die die Welt gemacht haben. Wer also noch den Gekreuzigten bekennt, der ist ein Sklave und unter der Gewalt jener, welche die Körperwelt gemacht haben; die anderen aber sind ihrer Macht ledig, sie wissen, wie es der ungezeugte Vater geordnet hat“ (Nach Irenäus, Adversus haereses, I, 24, 4; übersetzt v. E. Klebba).