Scandalum Crucis

Diese gnostische Sicht Jesu findet sich übrigens auch im Koran wieder. In der Sure 4,156 heißt es: Jesus sei nicht am Kreuz gestorben, sondern ein anderer „wurde ihm ähnlich gemacht“, während er zum Himmel erhoben wurde. Da der Islam keine Erbsündenlehre kennt, besteht natürlich auch keine Notwendigkeit einer Erlösung durch den Tod Jesu.

Ein anderer Grund, Ärgernis am Kreuz zu nehmen, war zur Zeit des Urchristentums in den ersten Jahrhunderten, die Sittenverderbnis des Heidentums. Für die Heiden war das Christentum eine stillschweigende Anklage, die sie nicht dulden wollten. Darum verfolgt das Heidentum die Christen drei Jahrhunderte lang auf blutigste Weise.

Klemens von Alexandrien hat in seiner „Mahnrede an die Heiden“ („Protreptikos“) mit großer Schärfe herausgestellt, daß der Unterschied zwischen den pantheisierenden Naturkulten der Heiden und dem christlichen Gottesdienst des Schöpfergottes mit seinen sittlichen Geboten seinen eigentlichen Grund in einem ganz verschiedenartigen, ja gegensätzlichen Existenzverhalten des Menschen hat. Für Klemens stehen die Heiden bei weitem nicht auf gleicher Existenzebene mit den Christen, so daß sich ihnen gegenüber rein sachlich argumentieren und diskutieren ließe. Er konnte sich deswegen nur mit einer „Mahnrede“ an die Heiden wenden, mit der er die geistig Schlafenden und Betäubten beschwören möchte, um sie zur nüchternen Wachheit aufzuschrecken. Er ruft ihnen zu: „Ihr Unvernünftigen seid Leuten ähnlich, die Mandragora (Ala run) oder ein anderes Gift zu sich genommen haben. Gott verleihe euch, daß ihr aus diesem Taumelschlaf wieder erwacht und Gott erkennt“ (Clemens von Alexandria, Mahnrede an die Heiden. Übersetzt v. C. Stählin 1934, S. 178.).

Klemens kann sich in seiner Rede nicht mit verschleierten Hinweisen begnügen, sondern er muß mit aller Deutlichkeit die seelischen Wurzeln der phantastischen Göttergeschichten aufdecken. Diesen Göttergeschichten setzt er das Licht der Wahrheit (des göttlichen „Logos“) entgegen, das von oben kommt, Nüchternheit schafft und dem Nüchternen leuchtet, während die Göttergeschichten nur belebt und am Leben erhalten werden durch „die schwärmenden Dichter, die bereits völlig trunkenen, mit Epheu bekränzten, die in bacchischer Raserei völlig von Sinnen gekommen sind“ (S. 72).

Unverblümt erklärt Klemens den Heiden: „Ich werde euch das Verborgene ganz offen nennen, ohne mich zu scheuen, das zu sagen, was anzubeten ihr euch nicht scheut. Die ‚Schaumgeborene‘ also, ,die auf Kypros Geborene‘, die Geliebte des Kinyras — ich meine die Aphrodite, die Philomedes heißt, weil sie aus der Medea entsprang, nämlich aus jenen abgeschnittenen Zeugungsgliedern des Uranos, den wollüstigen, die noch, nachdem sie abgeschnitten waren, die Wogen vergewaltigten —, was für eine würdige Frucht der wollüstigen Glieder habt ihr an ihr! In den feierlichen Gebräuchen zu Ehren dieser Meereslust wird als Zeichen der Zeugung ein Salzkorn und ein Phallos denen übergeben, welche in die unkeusche Kunst eingeweiht werden; die Mysten aber bringen ihr eine Münze dar, wie ein Liebhaber einer Dirne. — Die Mysterien der Deo aber sind die Liebesverbindung des Zeus mit seiner Mutter Demeter und der Zorn seiner Mutter oder Gattin — ich weiß nicht, wie ich sie fortan nennen soll — Deo, die wegen ihres Zornes den Namen Brimo erhalten haben soll, und Anrufen des Zeus und Gallentrank und Herausreißen von Herzen und unsagbares Tun. Die gleichen Gebräuche vollziehen die Phryger zu Ehren des Attis und der Kybele und der Korybanten. Es wird aber erzählt, daß Zeus einem Widder die Hoden abgerissen und der Deo mitten in den Schoß geworfen habe, indem er so zum Schein Buße für seine Vergewaltigung leistete, indem er fälschlicherweise vorgab, sich selbst entmannt zu haben … Soll ich auch noch das übrige erzählen? Demeter gebiert ein Kind, Kore wächst heran, und eben der Zeus, der sie erzeugte, verbindet sich wieder mit Pherephatta, seiner eigenen Tochter, wie zuvor mit der Mutter Deo, ohne mehr an den früheren Frevel zu denken — Vater und Verführer des Mädchens ist Zeus! Und zwar verbindet er sich mit ihr in Gestalt einer Schlange, wobei sich zeigte, was er wirklich war. Bei den sabazischen Mysterien ist das Symbol für die Mysten ,Der Gott im Busen‘; das aber ist eine Schlange, die denen, die eingeweiht werden, durch den Busen gezogen wird, ein Beweis für die Unkeuschheit des Zeus. Auch Pherephatta gebiert ein Kind, und zwar mit Stiergestalt“ (S. 85 f.).

Zählt Eros (der Gott der Liebe) auch zu den ältesten Göttern, so haben ihn doch nur krankhafte Zügellosigkeit und „zuchtlose Begierde zur Gottheit gemacht“ (S. 117). Eure Götter — sagt Klemens seinen Lesern — „sind die Urbilder für eure eigene Wollust, das sind die göttlichen Lehren der Zuchtlosigkeit, das der Unterricht der zusammen mit euch hurenden Götter ,denn was einer will, das glaubt er auch immer‘, wie der Athenische Redner sagt. Was habt ihr aber auch sonst für Bilder! Kleine Panfiguren und nackte Mädchen und trunkene Satyrn und aufgerichtet Zeugungsglieder, die auf den Gemälden schamlos dargestellt und wegen der Zuchtlosigkeit zu verurteilen sind. Ferner schämt ihr euch nicht, ganz offen vor allem Volk gemalte Darstellungen der ärgsten Zügellosigkeit zu betrachten, haltet sie vielmehr noch in Ehren, wenn sie aufgestellt sind, begreiflicherweise, da es ja die Bilder eurer Götter sind; und in euren Häusern habt ihr Denkmäler der Schamlosigkeit den Göttern geweiht, indem ihr die Stellungen der Philainis (einer Dirne) in gleicher Weise abbilden laßt wie die Arbeiten des Herakles. Wir verkündigen, daß man nicht daran denken darf, solch schändliche Dinge zu tun oder auch nur anzusehen oder anzuhören. Eure Ohren haben Unzucht, eure Augen Hurerei getrieben und, was das Unerhörteste ist, schon vor der Umarmung haben eure Blicke die Ehe gebrochen“ (S. 137).

Wenn die Gedankenwelt des Menschen ganz von der Wollust der Geschlechtsgier angefüllt ist, gleichgültig ob er ihr nur in der Phantasie oder in der Wirklichkeit nachkommt, dann ist er nicht mehr fähig, eine christlich sakramentale Einehe zu führen – schon vor der Umarmung haben eure Blicke die Ehe gebrochen.

Nach einer eingehenden Schilderung der heidnischen Mysterien faßt Klemens in wuchtigen Sätzen die Greuel des Heidentums nochmals zusammen: „Das sind die Mysterien der Gottlosen; gottlos nenne ich aber mit Recht die, welche den wahrhaft seienden Gott nicht kennen, dagegen ein von den Titanen zerrissenes Kind (= Dionysos) und ein trauerndes Weib und Glieder, die man in der Tat vor Scham nicht nennen kann, schamlos verehren, so daß sie in doppelter Gottlosigkeit befangen sind, einmal weil sie von Gott nichts wissen, den wahrhaft seienden Gott nicht kennen; der zweite Irrtum aber ist der, daß sie die nicht Seienden für seiend halten und sie Götter nennen, sie, die nicht wirklich sind, vielmehr überhaupt nicht sind, sondern nur den Namen erhalten haben“ (S. 92).

Bedenkt man diese Schilderung, so muß man einsehen: Zwischen den Naturkulten, die den Sexus divinisieren und dabei jede ethische Haltung beiseite schieben, und der Auffassung der Bibel von der Geschlechtlichkeit, welche Teil einer Schöpfungsordnung bildet, besteht eine Kluft, wie sie größer nicht gedacht werden kann. Es kann deswegen zwischen den beiden einander ausschließenden Gegensätzen keinen Kompromiß geben. Daraus wird der unerbittliche Kampf des Heidentums gegen das Christentum verständlich. Der Heide war nicht bereit, sein Leben zu ändern, sein unsittliches Treiben aufzugeben. Für ihn war deswegen die Religion des Kreuzes ein ständiges Ärgernis, das er zu beseitigen wünschte. Das Joch der Liebe Christi erschien ihm viel zu drückend und die Bürde der göttlichen Gebote unerträglich schwer, darum hat er beides entrüstet von sich gewiesen.

Publius Cornelius Tacitus (um 58-120 n.Chr.), römischer Historiker und Senator beschrieb die Zeit der Verfolgung: „Und so wurden zuerst die Personen verhaftet, die sich als Christen bekannten … und sie wurden nicht nur des Verbrechens der Brandstiftung, sondern auch des Hasses gegen das Menschengeschlecht für schuldig gefunden. Und mit den Todgeweihten trieb man noch seinen Spott: man hüllte sie in Tierhäute und ließ sie von Hunden zerfleischen, oder sie wurden ans Kreuz geschlagen und für den Flammentod bestimmt, nach Tagesschluss als Beleuchtung für die Nacht verbrannt.“ Und der Apologet Minucius Felix (spätes 2./frühes 3. Jh. n.Chr.) berichtet darüber, wie die Heiden über die Christen dachten: „Sie bilden eine gemeine Verschwörerbande, die sich in nächtlichen Zusammenkünften, bei Feierlichkeiten mit Fasten und menschenunwürdiger Speise nicht im Kult, sondern im Verbrechen verbrüdern; eine obskure, lichtscheue Gesellschaft, stumm in der Öffentlichkeit, in Winkeln geschwätzig; Tempel verachten sie, als ob es Gräber wären, vor Götterbildern speien sie aus, verlachen die heiligen Opfer.“