Scandalum Crucis

Genauso wie es Jesus vorhergesagt hatte, war es auch gekommen: „Der Bruder wird den Bruder, der Vater den Sohn dem Tod überliefern. Kinder werden sich gegen die Eltern auflehnen und sie töten. Um meines Namens willen werdet ihr von allen gehaßt werden. Wer aber ausharrt bis zum Ende, der wird gerettet werden“ (Mt 10,21f).

Das Blut der Märtyer wurde aber ein Same für die Kirche, wie Tertullian Anfang des dritten Jahrhunderts schrieb, also zu der Zeit als die Christenverfolgung im Römischen Reich auf dem Höhepunkt stand. Schließlich hatte das Kreuz doch noch gesiegt – eines Tages kam für die Christen die Freiheit, und das Kreuz konnte die Welt erobern. Bis ins späte Mittelalter hinein wurde durch Fasten und Gebet und Opfer vor allem durch die Mönche das christliche Abendland geschaffen.

Impleta sunt, quae concinit
David fideli carmine
dicendo nationibus:
Regnavit a ligno Deus.

Erfüllt ward, was verkündet hat
David in verlässlichem Gesang,
als er den Völkern sagte:
Es herrscht vom Holze herab Gott.

Regnavit a ligno Deus – Es herrscht vom Holze herab Gott!

Aber immer begleitete auch das Ärgernis des Kreuzes die Geschichte. Der stolze Mensch begann sich wieder mehr und mehr aufzulehnen, und er wollte sich dem Gesetz des Kreuzes allmählich nicht mehr beugen, sondern er wollte wieder einmal sein wie Gott. Spätestens mit der Renaissance begann die Gesellschaft sich wieder Schritt für Schritt von Christus und seinem Kreuz loszusagen. Mit dem Wiederaufleben des Heidentums verbunden, erstand auch der prometheussche Geist der Selbsterlösung wieder neu. Der aufgeklärte Mensch wollte schließlich autonom sein, unabhängig von jeder Autorität – letztlich natürlich von Gott und der Wahrheit, d.h. unabhängig vom Kreuz Jesu Christi. Am Vorabend der französischen Revolution schrie Voltaire, „der Hoflieferant des Satans“, wie ihn der Freigeist Dr. Brandt nannte: „Ecrasez l´infame, rottet sie aus, die Verruchte, die Kirche!“

Im Jahre 1832 schreib Papst Gregor XVI. in seinem Apostolischen Rundschreiben, Mirari vos arbitramur, zurückblickend auf die Revolution, die Napoleonischen Kriege und die ganzen damit verbundenen gewaltsamen Umwälzungen, Nöte und Schicksale der Kirche und der Völker: „Wir sprechen von Dingen, Ehrwürdige Brüder, die Ihr mit eigenen Augen seht und die wir gemeinsam beweinen. Unrecht, unverschämte Wissenschaft, zügellose Freiheit feiern freche Siege. Verachtet wird die Heiligkeit gottgeweihter Dinge; die Hoheit der Gottesverehrung, welche sonst so große Macht und so großen Einfluß besitzt, wird von nichtswürdigen Menschen geschmäht, geschändet, verhöhnt: und daher wird die richtige Lehre verdreht, und Irrtümer aller Art werden frech verbreitet. Nichts ist sicher vor der Frechheit jener Leute, deren Mund nur Unrecht spricht: nicht Gesetze über heilige Dinge, nicht Rechte, nicht Einrichtungen, nicht uralt-heiligste Gebote. Sehr schlimm wird bedrängt dieser Unser Römischer Stuhl des heiligen Petrus, in welchen Christus den Grund Seiner Kirche legte. Die Bande der Einheit werden von Tag zu Tag mehr gelockert und zerschnitten. Die göttliche Rechtshoheit der Kirche wird bekämpft, und nachdem man ihre Rechte gebrochen, wird sie irdischem Willkürrecht unterworfen; nachdem man sie in schmähliche Knechtschaft gebunden, wird sie in größter Ungerechtigkeit dem Hasse der Völker preisgegeben. Der den Bischöfen schuldige Gehorsam wird gekündigt, ihre Rechte werden mit Füßen getreten. Schauerlich widerhallen Hoch- und Mittelschulen von neuen ungeheuerlichen Irrtümern, durch welche der katholische Glaube nicht mehr bloß insgeheim und hinterrücks angegriffen wird, sondern ihm offen und laut ein schrecklicher und unerbittlicher Krieg angesagt wird. Man hat durch Schulordnungen und durch das Beispiel der Lehrer den Geist der Jugend verdorben; und so kam ein ungeheurer Niedergang des Glaubens und eine entsetzliche Verderbnis der Sitten. In der Folge verwarf man gänzlich den Zügel des heiligen Glaubens, durch den die Reiche bestehen und jede Herrschaft ihre Kraft und Stärke erhält. Und jetzt sehen Wir den Untergang der öffentlichen Ordnung, den Fall der Obrigkeit, den Umsturz jeder gesetzlichen Macht näher und näher rücken. Diese Flut von Übeln ist der Verschwörerarbeit jener geheimen Gesellschaften zuzuschreiben, in die wie in einen Schmutzkanal alles zusammenströmte, was je in den Irrlehren und verderblichsten Sekten gottesräuberisch und gotteslästerlich war.“

Dennoch fanden die Menschen nicht mehr zu Christus und zum Kreuz zurück. Im Gegenteil, immer neue Götzen wurden aufgestellt, neue ethische Werte im Gegensatz zu den alten Werten der christlichen Erlösung gesetzt, und ein Prozeß der „Umwertung aller Werte“ vollzog sich. Gott wurde entthront, Christus wieder mit dem Purpurmantel der Verspottung und Verhöhnung umkleidet. Einer der größten Rebellen gegen Christus und gegen die Kirche, Adolf Hitler, sprach mit aller Deutlichkeit aus, was der antichristlich gewordene Zeitgeist fühlte und wollte, wenn er in seinen Gesprächen mit Hermann Rauschning (Die Wandlung 1 S. 685) sein Bekenntnis gegen Christus ablegte: „Wir beenden einen Irrweg der Menschheit. Die Tafeln vom Berg Sinai haben ihre Gültigkeit verloren. Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung. Es gibt keine Wahrheit, weder im moralischen noch wissenschaftlichen Sinne. Jede Tat ist sinnvoll, selbst das Verbrechen. Die Vorsehung hat mich zu dem größten Befreier der Menschheit vorbestimmt. Ich befreie den Menschen von dem Zwange eines Selbstzweck gewordenen Geistes; von den schmutzigen und erniedrigenden Selbstpeinigungen einer Gewissen und Moral genannten Chimäre und von den Ansprüchen einer Freiheit und persönlichen Selbständigkeit. Der christlichen Lehre von der unendlichen Bedeutung der menschlichen Einzelseele und der persönlichen Verantwortung setze ich mit eiskalter Klarheit die erlösende Lehre von der Nichtigkeit und Unbedeutsamkeit des einzelnen Menschen und seines Fortlebens in der sichtbaren Unsterblichkeit der Nation gegenüber. An die Stelle des Dogmas von dem stellvertretenden Leiden und Sterben eines göttlichen Erlösers tritt das stellvertretende Leben und Handeln des neuen Führergesetzgebers, das die Masse der Gläubigen von der Last der freien Entscheidung entbindet.“

Es gibt in den Annalen der Weltgeschichte nicht viele Dokumente, aus denen die Verheißung: „Ihr werdet sein wie Gott“, der Trotz des Satans gegen Christus schärfer herausleuchtete als aus diesen vermessenen Worten. Führung von Menschen, Autorität ohne die Verankerung in den Geboten Gottes ist nicht möglich. Sie führt auf dem Wege der Selbsterlösung unmittelbar in den Abgrund. Andererseits erkennt man aus den Worten Hitlers deutlich, daß die modernen Ideologien sich im Grunde immer ähneln. Mögen auch die Umstände sich wandeln, der antichristliche Geist verbindet sie alle miteinander, die Ablehnung der Erlösung durch Jesus Christus und Sein hl. Kreuz erzeugt letztlich immer ähnliche Geistesmuster. Man muß sich nur offenen Auges umsehen in unserer modernen Unkultur des Todes.

Denken wir während dieser Karwoche daran, Gott für unseren Glauben an das Kreuz Jesu Christi zu danken. Es ist eine so große Gnade, das Kreuz recht verstehen und es sogar lieben zu dürfen – und nicht daran Ärgernis zu nehmen wie die vielen vielen anderen Menschen heute. Und eines wird sich sicher zeigen und soll uns jetzt schon zum Trost gereichen: Stat crux dum volvitur orbis (das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht)!