Vom Lehramt zum Leeramt IV.1

von antimodernist2014

Nach Angelo Roncalli, dem „Propheten“, und Giovanni Battista Montini, dem „Macher“, wenden wir uns nun dem dritten „Konzilspapst“ zu, Karol Wojtyla, passend zur bevorstehenden „Heiligsprechung“ von „Johannes Paul dem Großen“.

Karol Wojtyla alias Johannes Paul II.: Der Wissende

Anstatt einer Einleitung

In seinem Buch, „Wohin steuert der Vatikan?“ formuliert Reinhard Raffalt gegen Schluß in dem Kapitel „Mein Widerspruch“ folgenden Gedanken:

Auf diesen letzten Seiten möchte ich sagen, worin ich engagiert bin.
„Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde.“ So lautet der erste Satz des Glaubensbekenntnisses von Nicaea. Weder der Zustand der heutigen Welt noch die Verhältnisse in der katholischen Kirche lassen es zu, sich in der Frage nach Gott mit Nebensächlichkeiten aufzuhalten. Wer behauptet, er könne erst an Gott glauben, sobald dieser durch das Aufhören des namenlosen irdischen Unrechts seine Existenz bewiesen habe, ist sicher gleich jedem Zweifler ernst zu nehmen. Er mag auch, vor allem in seinem sozialen Verhalten, durchaus ein latenter Christ sein. Aber ist er berechtigt, sich katholisch zu nennen? Pius XII. hätte nein gesagt und für ihn gebetet. Johannes XXIII. hätte sich gescheut, der Barmherzigkeit Gottes Grenzen zu setzen. Paul VI. war geneigt, ihn aufzunehmen, bevor er sich bekehrte. Gegner und Anhänger des Montini-Papstes hatten eines mit ihm gemeinsam: Sie hielten den Menschen für ein entwicklungsfähiges Geschöpf, über die Grenzen seiner Natur hinaus. Das Stückchen Welt, das ihre Lebenszeit umfassen konnte, war ihnen eine Aufgabe, deren Lösung darin bestand, das moralische Bewußtsein des Menschen voll zu verwirklichen. War dieses nur erst erweckt, so mußte der Mensch ganz von selbst zur Anerkennung Gottes gelangen. Dem widerspreche ich. Gott ist im Leben des Menschen keine Folgeerscheinung. Wer überhaupt an ihn glaubt, gleichviel nach welcher Religion, wird ihn als Ursprung sehen, nicht als Konsequenz. Würde Gott durch menschliche Übereinkunft entstehen, so gäbe es ihn nicht.

Diese Gedanken sollten wir uns, während wir über das lange Wirken Karol Wojtylas in der Menschenmachwerkskirche handeln, in Erinnerung behalten. Denn nur so können wir auf dem rechten Weg bleiben, ohne in die Irre geführt zu werden. Irrtümer gibt es nämlich während der Jahre Karol Wojtylas in Rom zahlreich wie eine Legion.

Ein kurzer Lebenslauf bis zur Wahl

Eine eingehendere Beschreibung des Lebens Karol Wojtylas bis zu seinem Amtsantritt in Rom würde den hier vorgegebenen Rahmen um ein mehrfaches übersteigen. Wir lassen deswegen nur einen stichwortartigen Lebenslauf folgen, der uns kürzlich wieder in die Hände gefallen ist und die auffallendsten Stationen auf dem Weg zum Stuhl Petri erwähnt:

    18.5.1920 – Geburt in Wadowice b. Krakau
    1922 – Tod der 8 Jahre älteren Schwester (10-j.)
    1929 – Tod der Mutter, eine geborene Katz (Jüdin aus dem Osten)
    1932 – Tod des 14 J. älteren Bruders als Assistenzarzt.
    1939 – Vom Wehrdienst verschont (Krieg!), Studium der Polonistik in Krakau
    1940 – Tod des Vaters (b. bester Gesundheit)
    1942 – Auf der Straße angeworben von Jan Tyranowski für das Rhapsodische Theater in Krakau, dessen besonderes Ziel war, durch eine besonders geschliffene Sprache und Mimik zu faszinieren. Aufnahme in die Krakauer Loge von B’nai B’rith
    1944 – Heirat mit Jadwiga, die nach fast 1 Jahr stirbt.
    Überraschend zu Erzbischof Fürst Sapieha ins Ordinariat Krakau bestellt und zum Besuch des dortigen Priesterseminars geworben. Da ohne entsprechende Vorbildung, muß er dort das Abitur nachholen. (Erzb. Sapieha ist Enkel des Vizegroßmeisters von Polen und Freundes Adam Weishaupts, des Gründers des geh. Illuminatenordens.)
    1. 11.1946 – Nach bereits 2 (!) Jahren Priesterseminar allein von Erzb.Sapieha in dessen Privatkapelle zum Priester geweiht.
    1958 – Jüngster Bischof Polens
    1962 – Kapitularvikar
    1963 – Jüngster Erzbischof Polens; galt als modernster Bischof und wurde ohne Antrag des zuständ. Primas Polens, Kard.Wyszinsky, direkt im Vatikan zum Kardinal ernannt. Bau und Weihe der hypermodernen Kirche in Nowa huta mit „Ritustisch“ und mißgestaltetem Corpus-Kreuz, auf den Namen „Königin von Polen“ geweiht.
    16.10.1978 – Wahl zum Papst, obwohl bereits Kard. Siri im gleichen Konklave vorher gewählt war, was jedoch annulliert wurde.

Der Schauspieler und Anthroposoph

Allein diese wenigen Daten dokumentieren zu Genüge, daß es sich bei Karol Wojtyla um eine außergewöhnliche Person und ein außergewöhnliches Leben handelt. Wir wollen aus den vielen Daten und Stationen nur zwei herausgreifen, die auf diesen Mann einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben, das Rhapsodische Theater in Krakau und seine erstaunlich kurze Zeit im Priesterseminar.

Ein Kindheitsfreund Wojtylas, der 1923 in Krakau geborene Malinski, erinnert sich: „Während seiner Zeit als Gymnasiast findet er seinen Meister in Mieczyslaw Kotlarczyk. Dieser ist nicht bloß Organisator von Akademien, Festen und Veranstaltungen, sondern auch ein echter Künstler, beseelt von den tiefsten Gedanken. Er offenbart Karol, der ihm hingerissen sein Ohr leiht, die Kraft der Kunst und deren Aufgabe, die Gesellschaft zu formen und geistig wie moralisch zu bessern; er enthüllt ihm die Bedeutung des Schauspielers als eines Priesters der Kunst, eines Trägers von Verantwortung für das Schicksal der Nation“ („Juan Pablo II. Historia de un hombre de Planeta“, Barcelona 1981, S. 14-15). „Inzwischen nehmen die Theateraufführungen ihren Fortgang, geleitet von Mieczyslaw Kotlarczyk. Mit der Hilfe ehemaliger Kolleginnen und Kollegen bereitet man Aufführungen der großen polnischen Klassiker vor: Mickiewicz, Zeromski, Wyspianksi, Slowacki. Er handelt sich nicht etwa um eine Art Amateurtheater, um einen Kreis von Enthusiasten. Die ganze Gruppe ist von jener Idee durchdrungen, die Kotlarczyk bereits den jungen Schülern von Wadowice gepredigt hat. Alle Angehörigen der Gruppe betrachten den Künstler als Priester, den Priester der Kunst, der dazu berufen ist, die ihn umgebende Welt umzugestalten, das Böse durch die Schönheit auszumerzen, sich an der Erziehung des neuen Menschen zu beteiligen, des guten, ehrlichen, gerechten Menschen, der den Frieden liebt und offen gegenüber der Welt und den anderen Menschen ist. So lebt Karol in einer immer stärkeren Spannung – der Spannung zwischen dem Priestertum der Kunst und dem Priestertum der Kirche, zwischen Kotlarczyk und Tyranowski, zwischen seinem Spiel auf der Bühne und seinem Spiel als Hirte“ (S. 38). Karol Wojtyla war vom Theater fasziniert, er sah es gemäß seinem Lehrmeister, dem Theosophen Mieczyslaw Kotlarczyk, als eine außergewöhnliche Möglichkeit des Ausdrucks in Mimik und Sprache. Der Schauspieler ist ein „Priester der Kunst, der dazu berufen ist, die ihn umgebende Welt umzugestalten“. Dabei geht es der Anthroposophie besonders um ein tieferes Verständnis des Menschen jenseits der jeweiligen kulturellen und auch religiösen Eigenart des Einzelnen. Rudolf Steiner führt das in einem Vortrag zum Markus-Evangelium aus:

„Was wird kommen, wenn sich so die einzelnen Bekenner der verschiedenen Religionssysteme verstehen werden, wenn der Christ zum Buddhisten sagen wird: Ich glaube an deinen Buddha, wie du an deinen Buddha glaubst, – und wenn der Buddhist zum Christen sagen wird: Ich kann das Mysterium von Golgatha verstehen, wie du selbst es verstehst, – was wird kommen über die Menschheit, wenn so etwas allgemein werden wird? Friede wird kommen über die Menschen, gegenseitige Anerkennung der Religionen. Und die muss kommen. Und die anthroposophische Bewegung muss sein ein solches gegenseitiges wahrhaftes Erfassen der Religionen. Und gegen den Geist der Anthroposophie wäre es, wenn ein Christ, der Anthroposoph geworden wäre, zum Buddhisten sagen würde: Es ist nichts mit dem, dass der Gotama, nachdem er ein Buddha geworden ist, sich nicht wieder verkörpern sollte; er muss im zwanzigsten Jahrhundert wiedererscheinen als physischer Mensch. Da würde der Buddhist sagen: Hast du deine Anthroposophie nur dazu, um meine Religion zu verhöhnen? Und an Stelle des Friedens würde der Unfriede unter den Religionen gezüchtet. So aber müsste auch ein Christ zu einem Buddhisten, der von einem zu verbessernden Christentum sprechen wollte, sagen: Wenn du behaupten kannst, dass das Mysterium von Golgatha ein Fehler sei und dass der Christus wiederkommen sollte in einem physischen Leibe, damit es ihm jetzt besser ergehe, dann bemühst du dich nicht, meine Religion zu verstehen, dann verhöhnst du meine Religion. – Anthroposophie aber ist nicht dazu da, dass ein Religionsbekenntnis, ob altes oder neu gestiftetes, das sich Geltung verschafft, verhöhnt werde; denn sonst würde man eine Gesellschaft gründen auf gegenseitiges Verhöhnen und nicht auf gegenseitigen Ausgleich der Religionen“ (Rudolf Steiner, Das Markus-Evangelium, Ein Zyklus von zehn Vorträgen, Bern, 5.-24. September 1912, RUDOLF STEINER ONLINE ARCHIV http://anthroposophie.byu.edu 4. Auflage 2010, S 64f).

Im System der Anthroposophie löst sich der Glaube im Verstehen des anderen auf. Er behält somit keine inhaltliche Bedeutung mehr im objektiven Sinne. Er kann und darf deswegen für dem anderen gegenüber keinen Anspruch mehr stellen– sondern der Anspruch gilt immer nur für einen selbst.

Seiten: 1 2 3 4