Der Glaube

5. „So ist es also von sehr großem Nutzen, den Glauben zu haben“, schließt der heilige Thomas, bringt aber noch einen Einwand eingedenk seines heiligen Namenspatrons: „Es könnte aber jemand einwenden: Ist es nicht töricht zu glauben, was man nicht einsieht? Soll man nicht nur das glauben, was man auch begreift?“ In der Tat ist dies der heute meistverbreitete Einwand, oder soll man lieber sagen Vorwand, gegen den Glauben: Ich glaube nur, was ich sehe. Durch vier Erwägungen sieht der Aquinate diesen Einwand widerlegt:

Erstens durch die „Tatsache der Unvollkommenheit unserer Erkenntnis“. „Wenn der Mensch von sich aus alles Sichtbare und Unsichtbare vollkommen erkennen könnte, wäre es allerdings töricht, zu glauben, was man nicht begreift.“ Gerade hier liegt der gar nicht so neue Irrtum des modernen Menschen, daß er eben meint, zu dieser vollkommenen Erkenntnis von sich aus fähig zu sein, wenn man ihm nur lange genug Zeit dafür gibt. So sei der moderne Mensch heute schon viel gescheiter als die Menschen früherer Epochen, und in einigen hundert oder tausend oder auch Millionen Jahren würde er alle Rätsel entschlüsselt haben. Dagegen der heilige Thomas, immerhin einer der größten Geister, die diese Welt je gesehen hat: „Aber unser Erkenntnisvermögen ist so schwach, daß kein Philosoph jemals die Natur auch nur einer einzigen Mücke vollkommen zu ergründen vermochte; wird doch berichtet, daß ein Gelehrter dreißig Jahre in der Einsamkeit verbrachte, um die Natur der Biene zu erkennen.“ Daran ändert auch die moderne Naturwissenschaft mit all ihren Fortschritten nichts, und jeder zu sich ehrliche Wissenschaftler wird mit dem alten Philosophen zugeben müssen: Ich weiß, daß ich nichts weiß, und je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich das. „Da also unser Verstand so schwach ist, wäre es dann nicht töricht, von Gott nur das glauben zu wollen, was der Mensch auch aus sich erkennen kann?“ So töricht aber ist unsere heutige Zeit.

Die zweite Überlegung ist die: „Wenn ein Gelehrter in seiner Wissenschaft etwas lehren würde und ein Ungebildeter sagte, es sei nicht so, weil er es nicht begreift, dann würde jener Ungebildete für sehr töricht gehalten werden.“ Tatsächlich wird uns das für die Wissenschaft jeder zugeben, im Glauben aber meint jedermann mitreden zu können, ohne auch nur ein Mindestmaß an Kenntnis zu besitzen. „Nun übersteigt aber das Erkenntnisvermögen eines Engels das des größten Gelehrten viel mehr als das Erkenntnisvermögen des größten Gelehrten das eines Ungebildeten.“ Es ist eben zwischen dem Erkenntnisvermögen des Menschen und dem des Engels nicht nur ein gradueller, sondern ein prinzipieller Unterschied. „Es wäre daher töricht von dem Gelehrten, wenn er nicht glauben wollte, was die Engel sagen, und noch viel törichter wäre es, wenn er nicht glauben wollte, was Gott sagt.“ Und wieder müssen wir feststellen: Genau so töricht sind die heutigen Gelehrten in ihrer überwiegenden Mehrzahl.

Eine dritte Erwägung beruht auf der Einsicht, daß ein Mensch, der immer nur glauben wollte, was er aus eigener Kraft erkennt, noch nicht einmal in dieser Welt zurechtkommen könnte. „Denn wie sollte er das, wenn er niemand glaubt? Wie könnte er auch nur wissen, wer sein Vater ist? Deshalb ist es notwendig, daß ein Mensch anderen das glaube, was er aus eigener Einsicht nicht erkennen kann.“ Tatsächlich beruht das meiste, was wir wissen oder zu wissen meinen, auf dem Glauben an andere Menschen, Wissenschaftler, Lehrer, Politiker, Medien usw. Gerade der heutige Mensch, der auf seinen „kritischen Verstand“ so stolz ist, erweist sich als besonders leichtgläubig und glaubt alles, wenn es nur im Fernsehen kommt, und ganz besonders dann, wenn es von der heiligen „Wissenschaft“ gelehrt wird wie z.B. der „Evolutionismus“. „Niemand ist aber glaubwürdiger als Gott. Wer daher die Lehren des Glaubens nicht annimmt, ist nicht weise, sonder dumm und hochmütig.“ Das dürfte die rechte Kennzeichnung für unsere wissenschafts- und mediengläubige Zeit sein.

Die vierte Erwägung ist der apologetische Hinweis darauf, daß Gott auch durch vielerlei Zeichen die Wahrheit des Glaubens bestätigt. So wie ein König die Echtheit seiner Schreiben durch ein Siegel bestätigt, so habe Gott gewissermaßen das Zeugnis Seiner Heiligen durch Sein Siegel bekräftigt, und gleichwie niemand behaupten könne, ein vom König gesiegeltes Schreiben sei gegen seinen Willen, so auch bei Gott. „Alles aber, was die Heiligen von der Lehre Christi geglaubt und uns überliefert haben, ist offensichtlich mit dem Siegel Gottes versehen. Dieses Siegel tragen die Werke, die kein Geschöpf aus eigener Kraft vollbringen kann, nämlich die Wunder, durch die Christus die Worte der Apostel und Heiligen bekräftigte.“ Darum legt die Kirche auf diese Wunder besonderen Wert und hat sie auch immer streng geprüft, damit sie standhalten können. Erst neuerdings nimmt man es damit nicht mehr so genau, und so erfolgt am heutigen Tag eine Heiligsprechung ganz ohne das göttliche Siegel eines Wunders, nämlich die von Roncalli alias „Johannes dem Guten“. (Wieweit das „Wunder“, das angeblich durch Wojtyla alias „Johannes Paul den Großen“ gewirkt wurde, einer strengen Überprüfung standhalten würde, wissen wir nicht. Es wäre allerdings das größere Wunder, wenn durch Wojtyla überhaupt je ein Wunder geschehen könnte.)

6. Auf den durchaus rationalistischen Einwand, „daß noch niemand ein Wunder gesehen habe“, antwortet der heilige Thomas mit dem Hinweis auf die Wirksamkeit der Kirche. Die ganze Welt, so sagt er, sei vor 2000 Jahren dem Götzendienst ergeben gewesen und die junge, anfangs wenig zahlreiche Kirche sei verfolgt worden. Dennoch habe sich der Glaube wundersam über die ganze Welt ausgebreitet, „und zwar auf Grund der Predigt der wenigen Armen und Geringen, die Christus verkündeten“. „Dies ist entweder durch Wunder geschehen oder nicht. Wenn es durch ein Wunder geschehen ist, ist der Beweis erbracht. Wenn nicht, so kann es wohl kein größeres Wunder geben als die Tatsache, daß die ganze Welt ohne Wunder bekehrt wurde.“

Der engelgleiche Lehrer kommt somit zu dem Schluß: „Es darf also niemand den Glauben bezweifeln. Vielmehr sind die Dinge des Glaubens für sicherer zu halten als die sichtbaren Dinge: denn das Auge des Menschen kann getäuscht werden, aber das Wissen Gottes ist unfehlbar.“ Für unsere modernen Ohren ist diese Rede hart, und doch ist sie einfach wahr.

7. Wir dürfen noch hinzufügen, daß diese Unfehlbarkeit des Glaubens notwendig nach der Unfehlbarkeit ihrer Verkünderin, der Kirche, verlangt. Denn was nützte uns ein unfehlbarer Glaube, wenn er uns nicht unfehlbar gelehrt würde? Daher formuliert der heilige Ignatius von Loyola in seinen „Geistlichen Übungen“ ganz im Geiste des heiligen Thomas seine berühmte 13. Regel, um das wahre Fühlen mit der Kirche zu erlangen: „Ich glaube, daß das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es so definiert“ („denn das Auge des Menschen kann getäuscht werden, aber das Wissen Gottes ist unfehlbar“). „Denn wir glauben, daß zwischen Christus Unserem Herrn, dem Bräutigam, und der Braut, der Kirche, der gleiche Geist waltet, der uns zum Heil unserer Seelen leitet und lenkt, weil durch denselben Geist Unseres Herrn, der die Zehn Gebote erließ, auch Unsere Heilige Mutter die Kirche gelenkt und regiert wird.“ Der Geist Gottes, der Heilige Geist, kann uns nicht täuschen. Das ist der Sinn dieser 13. Regel, nicht der, daß wir unser Denken oder Empfinden abschalten sollen.

Das „klassische Beispiel“ hierfür ist das Geheimnis des allerheiligsten Altarsakraments, das mit dem heutigen Tag besonders verbunden wird, an welchem zumeist die feierliche Erstkommunion der Kinder stattfindet. Tatsächlich wird hier unser Auge getäuscht, das nichts weiter sehen kann als Brot und Wein. Selbst ein Wissenschaftler wird mit all seinen Methoden nichts weiter finden können. Der heilige Thomas von Aquin dichtet in seinem Hymnus „Adoro te devote“: „Visus, tactus, gustus in te fallitur, sed auditu solo tuto creditur. – Augen, Mund und Hände trügen sich in dir, doch der Schall der Botschaft offenbart dich mir.“Fides ex auditu“ – der Glaube kommt vom Hören. Nur durch das Hören im Glauben erkennen wir, worum es sich wirklich handelt: „Das ist mein Leib. – Das ist mein Blut.“ Mysterium fidei – Geheimnis des Glaubens. Seine Gewißheit verbürgt uns das kirchliche Lehramt.

Unser Festhalten am christ-katholischen Glauben mündet somit im Festhalten am unfehlbaren Lehramt der Kirche, namentlich des Papstes, ohne welches es unmöglich ist, Gott zu gefallen.