Das Geheimnis Mariä

Der hl. Ludwig Maria schreibt dazu erklärend: „Schließlich soll Maria der Schrecken der Dämonen und ihres Anhanges werden, gleich einem in Schlachtordnung aufgestellten Heere, und zwar gerade in den letzten Zeiten, weil der Satan wohl weiß, daß ihm dann nur noch wenig Zeit zur Verfügung steht, um die Seelen zu verderben, und er daher seine feindlichen Anstrengungen und Angriffe von Tag zu Tag verdoppeln wird. Alle Kraft wird er zusammenfassen, um neue Verfolgungen gegen die Kirche heraufzubeschwören und besonders den treuen Dienern und wahren Kindern Mariä schreckliche Nachstellungen zu bereiten, weil er sie am wenigsten zu überwinden vermag.“

Maria Urbild der Kirche

Für uns Katholiken ist es ganz und gar entscheidend zu begreifen, Maria ist der Ersatz für die fehlende Hilfe durch die kirchliche Hierarchie. Sie allein bewahrt uns als Urbild der Kirche vor falschen Lösungen in dieser papstlosen Zeit. So ist etwa ihre Unbefleckte Reinheit das Urbild für die Kirche als makellose Braut Jesu Christi. Es sei hierzu an die Worte Matthias Josef Scheebens (1835—1888) aus seiner Abhandlung „Die Dogmen von der unbefleckten Empfängnis Mariä und der Unfehlbarkeit des Papstes als Manifestation der Übernatürlichkeit des Christentums“ erinnert:

„Eine mannigfache Verbindung und Wechselbeziehung besteht zwischen den beiden Dogmen (der unbefleckten Empfängnis Mariens und der Unfehlbarkeit des Papstes). Das erstere stellt uns vor Augen die unbedingte Makellosigkeit und übernatürliche Verklärung der ganzen Natur der seligen Jungfrau, welche als die Mutter des Sohnes Gottes, des neuen Adam, der voll der Gnade und Wahrheit unter uns erschien, des Hauptes der Kirche und des ‚Lehrers der Gerechtigkeit’, auch die Mutter aller Kinder Gottes, die neue Eva, die Mutter der Gnade und der Kirche, und darum der unentweihte ,Sitz der Weisheit’ und der makellose ‚Spiegel der Gerechtigkeit’ sein sollte. Die Unfehlbarkeit des Papstes aber zeigt uns die unbefleckte Reinheit und den übernatürlichen Glanz der Wahrheit der Cathedra des hl. Petrus, welche, weil ihr Inhaber zum Stellvertreter des Sohnes Gottes, zum sichtbaren Oberhaupte seiner Kirche und zum stetigen Organ seiner Wahrheit bestellt ist, als die ‚Mutter und Lehrerin aller Kirchen’ sich in ihrer Lehre, ebenso wie die selige Jungfrau in ihrem ganzen Leben, als unentweihten ,Sitz der Weisheit’ und den makellosen ‚Spiegel der Gerechtigkeit’ offenbaren, und als das Haupt der Kirche, der Braut Christi, in ihrer Lehre, durch welche sie die Glaubensreinheit des ganzen Volkes Gottes bewirkt, so beschaffen sein muß, wie der Apostel die Braut Christi selbst haben will: ‚ohne Makel und ohne Runzel oder etwas dergleichen‘ — und das aus demselben Grunde, aus welchem die Kirche in ihrem Priestertum, in welchem sie als Mutter und Spenderin der Gnade auftritt und im hochheiligen Altarsakramente ihr Haupt in geheimnisvoller Weise wiedergebiert, trotz aller Sünden und Mängel ihrer Diener ihren vom Hl. Geist befruchteten Schoß stets unbefleckt bewahrt.“

Eigentlich ist es evident, Gott wollte uns in dieser gefahrvollen Zeit ganz eng an Maria binden. Nicht nur irgendwie, nicht nur nebenbei, nicht nur als weitere Andachtsform, sondern unerschütterlich fest. Diesen Willen Gottes versteht man nur dann richtig und nimmt ihn entsprechend ernst, wenn man zu der Einsicht kommt, daß wir notwendig eine außerordentliche Hilfe brauchen, weil wir in dieser papstlosen Zeit der ordentlichen Mittel und Hilfen des kirchlichen Lehramtes beraubt sind. Nur demjenigen wird aber diese außerordentliche Hilfe zuteil werden, der auch das vom Himmel angebotene Mittel ergreift. Der Katholik muß sich also aus freien Stücken der unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter Maria, derMittlerin aller Gnaden, vollkommen und rückhaltlos übergeben. Er muß ihr alles, was er ist und hat, als Eigentum übereignen, wie es der hl. Ludwig Maria in seiner Vollkommenen Hingabe fordert. Dann wird Maria ihrerseits die Verantwortung für ihn übernehmen und ihn durch das Dunkel dieser schweren Zeit führen.

Siegerin in allen Schlachten Gottes

Wir wissen, das „Marianische Zeitalter“ ist vor allem ein Zeitalter des Kampfes, denn ein erbitterter Kampf tobt zwischen den wahren Verehrern der allerseligsten Jungfrau Maria und den Feinden Gottes. Der Drache und das Weib sind die zwei Zeichen am Himmel für diese letzten Zeiten, die einander unversöhnlich entgegenstehen. In diesem Kampf geht es letztlich um die Herrschaft über die Seelen. Denn nicht nur das „Weib“ und die „Schlange“ stehen einander gegenüber, sondern auch ihr jeweiliger Anhang. Dementsprechend spricht der hl. Ignatius von Loyola in seinem Exerzitienbüchleinvon zwei Heeren, die gegeneinander kämpfen: „Gott hat aber nicht nur Feindschaft gestiftet zwischen Maria und dem Teufel. Gott hat auch Haß und Zwietracht gesät zwischen den wahren Kindern und Dienern Mariä und den Sklaven Satans. Wahre Liebe ist zwischen ihnen unmöglich, da sie keine inneren Beziehungen zueinander haben.“

Sehr konkrete Vorstellungen hat der hl. Ludwig Maria auch von der „Ferse“, von welcher im Protoevangelium die Rede ist: „Die Macht Mariä über alle Teufel wird besonders in den letzten Zeiten offenbar werden, wenn Satan ihrer Ferse nachstellen wird, womit ihre demütigen Diener und ihre bescheidenen Kinder gemeint sind, welche Maria aufrufen wird, um ihn zu bekämpfen. Es werden unscheinbare, arme Menschen sein in den Augen der Welt, von allen erniedrigt, getreten und gedrückt, wie die Ferse im Vergleich zu den übrigen Gliedern des Körpers. Aber dafür werden sie reich sein an Gnaden vor Gott, die ihnen Maria im Überfluß zuwenden wird.“

Marienweihe nach Ludwig Maria Grignion de Montfort

Wir müssen demütige Diener und bescheidene Kinder Mariens sein, nur so werden wir in dieser letzten Zeit unseren Glauben rein bewahren können. Der hl. Ludwig Maria Grignion de Montfort möchte uns durch seine Vollkommene Hingabe an Maria das Geheimnis Mariens zeigen und uns mit diesem soweit vertraut machen, daß wir uns durch dieses umformen lassen und uns sodann zu ihren Kindern zählen dürfen.

Der Heilige spricht in seiner Schrift „Geheimnis Mariä“ von drei Arten der echten Marienverehrung. Dort heißt es:

„Es gibt verschiedene Arten echter Marienverehrung. Von der falschen ist hier überhaupt nicht die Rede.
Auf der ersten Stufe wird man den wesentlichen Pflichten des Christen gerecht, indem man die schwere Sünde flieht, mehr aus Liebe als aus Furcht handelt, von Zeit zu Zeit die allerseligste Jungfrau anruft und sie als Gottesmutter ehrt, ohne im übrigen eine besondere Andacht zu ihr zu hegen.
Auf der zweiten Stufe hegt man schon vollkommenere Gesinnungen der Hochschätzung, der Liebe, des Vertrauens und der Verehrung für Maria. Diese veranlaßt den Menschen den Bruderschaften des heiligen Rosenkranzes oder des Skapuliers beizutreten, den Rosenkranz oder den ganzen Psalter zu beten, die Bilder und Altäre Mariens in Ehren zu halten, ihr Lob zu verkünden, ihren Vereinen anzugehören. Wenn man die Sünde flieht, ist diese Andacht als gut, heilig und löblich zu bezeichnen. Sie reicht aber an die Vollkommenheit der nächsten Stufe nicht hin, noch ist sie wie diese imstande, die Seele von den geschöpflichen Dingen freizumachen und sie ihrer selbst zu entledigen, um die Vereinigung mit Christus herbeizuführen.
Die dritte Form der Marienverehrung ist kaum bekannt und wird von ganz wenigen Personen geübt. Mit ihr will ich Dich, auserkorene Seele, nun vertraut machen.“
Die erste Stufe der Marienverehrung ist für jeden notwendig, um selig zu werden, sie reicht jedoch nicht aus, um vollkommen zu werden. Die bewußte, kalte Ablehnung jeder Marienverehrung wird allgemein als Zeichen der ewigen Verwerfung gewertet, wie das Gegenteil, die innige Marienverehrung, als Zeichen der Vorherbestimmung gilt.
Die zweite Stufe ist dem Menschen zwar nicht geboten, um selig zu werden, sie ist aber unerläßlich, um vollkommen zu werden. Das hohe Maß von erleuchtenden und stärkenden Gnaden, das zu einem höheren Tugendstreben erforderlich ist, wird nur dem eifrigen Marienverehrer zuteil.
Die dritte Stufe der Marienverehrung, die vom heiligen Ludwig Maria so warm empfohlen wird, ist nicht erforderlich zur Erreichung der Vollkommenheit, wird aber von ihm mit guten Gründen als der leichte, kurze, sichere und vollkommene Weg zur Vereinigung mit Jesus Christus bezeichnet“ (Wahre Andacht, n. 152—167).

Der Heilige beschreibt diese dritte Art der Marienverehrung sodann wie folgt genauer: „Die vollkommene Marienverehrung besteht darin, sich nach Art eines Sklaven ganz der Mutter Gottes und durch sie dem Heiland hinzugeben und fortan alles mit, in, für und durch Maria zu tun. Man wählt einen denkwürdigen Tag aus, um sich aus freien Stücken, aus lauter Liebe, ohne Zwang ganz und gar, ohne irgendeine Einschränkung, Maria hinzugeben, zu weihen und zu opfern, und zwar seinen Leib und seine Seele; seine äußeren Güter, wie Haus und Hof, Familie und Einkünfte; fernerhin seine inwendigen, seelischen Güter, nämlich seine Verdienste, Gnaden, Tugenden und Genugtuungen.“

Drei näher zu bedenkende Umstände rücken den Wert, die Vorzüglichkeit und Eigenart dieser Ganzhingabe an Maria in das rechte Licht: Sie soll nach den Weisungen Ludwig Maria Grignions vollzogen werden

    1. aus freien Stücken (volontairement, Sans contrainte). Diese Hingabe kennt keinen Zwang, denn niemand auf Erden ist zu einer so weitgehenden Schenkung an und für sich verpflichtet;
    2. aus lauter Liebe (par amour). Ganzhingabe an Maria, das ist Herzensangelegenheit. Nicht aus eigennützigen, unedlen Beweggründen wird diese Weihe vollzogen, sondern aus selbstloser, hochgemuter Liebe;
    3. ohne Einschränkung (sans aucune reserve). Bei dieser Hingabe gibt es keine Abstriche. Es wird alles hergegeben. Ludwig Maria geht in diesem Abschnitt alles durch, was die hochgemute Seele der Mutter Gottes ausliefert.

Zum Schluß kann man nur feststellen: Mehr kann sie nicht abgeben, denn mehr hat sie nicht mehr.

Es ist unmittelbar einleuchtend: Das Verhältnis zu Maria wird mit dem Tag der Ganzhingabe ein wesentlich anderes. War es zuvor noch eine lose Reihe vorübergehender Herzens- und Gebetsbegegnungen gewesen, so wird es nun ein ununterbrochenes Verweilen bei Maria, ein Leben ständiger und vollkommener Abhängigkeit von ihr. Kraft dieser Andacht liefert man dem Heiland durch die Hände Mariens sein Letztes und Liebstes aus. Kein Ordensgelübde geht in seinen Forderungen so weit. Man verzichtet bei der Ganzhingabe auf das Recht, das man über sich selber und den Wert seiner Gebete, seiner Almosen, Abtötungen und Genugtuungen hat. Man tritt also das volle Verfügungsrecht an die Mutter Gottes ab, die nach ihrem Gutdünken zur größeren Ehre Gottes, die ihr allein genau bekannt ist, davon Gebrauch machen wird.

Der tiefste Grund für diese Hingabe ist natürlich das vollkommene Vertrauen in Maria und ihre mütterliche Liebe. Was könnte man Besseres tun, als ihr alles in die Hände legen – alles und sich selbst ganz und gar? Wird Sie nicht alles für uns tun, um uns zu Jesus zu führen, die gebenedeite Frucht ihres heiligsten, jungfräulichen Leibes?

Abschließend noch ein Gedanke: Ist man nicht als Eigentum Mariens in größter Sicherheit inmitten dieses gewaltigen geistigen Kampfes? Wir müssen also ganz fest davon überzeugt sein: In ihr allein werden wir siegen und das ewige Erbe erlangen können.