Apostel der Letzten Zeiten

Immer wieder neigen wir Menschen dazu, die Einsicht unseres armseligen Verstandes für wichtiger zu nehmen als die (echten!) Botschaften und Weisungen des Himmels. Insbesondere wird den menschlichen Mitteln der Politik und Diplomatie im allgemeinen zuviel Gewicht beigelegt. Deshalb haben auch die Päpste Pius XI. und Pius XII. Unserer Lieben Frau von Fatima nicht gehorcht. Es waren politische und diplomatische Rücksichten, die sie hinderten, die von der allerseligsten Jungfrau geforderte Weihe Rußlands an ihr Unbeflecktes Herz vorzunehmen. Die dramatischen Folgen dieses Versagens sehen wir heute in aller Deutlichkeit. Im Jahr 1970 wurde eine Priestergemeinschaft gegründet, die sich „Apostel Jesu und Mariens“ nannte und sich auf die Fahnen geschrieben hatte, die Kirche und die im Argen liegende Welt zu erneuern. Doch allzu bald mischten sich auch hier die menschliche Diplomatie, Politik und vermeintlich schlaue Taktik ein. Erschüttert stehen wir darum heute vor der geistigen Ruine dieser einst so hoffnungsvollen Gesellschaft.

Es verhält sich eben mit dieser marianischen „Congregatio“ wie mit der vollkommenen Andacht zur allerseligsten Jungfrau selbst: „Ist dieser Baum erst einmal in einem getreuen Herzen gepflanzt, so will er in freier Luft und ohne menschliche Stütze wachsen. Weil göttlichen Ursprungs, soll ihn kein Geschöpf hindern, sich zu Gott, seinem Ursprung, zu erheben. Nicht auf ihren eigenen Fleiß und ihre natürlichen Talente, auf ihr Ansehen oder auf die Autorität von Menschen soll sich die Seele stützen: zu Maria soll sie ihre Zuflucht nehmen und nur auf ihre Hilfe zählen.“

4. In seiner Abhandlung „Die Liebe zur Ewigen Weisheit“ stellt der heilige Ludwig Maria Grignion falsche und wahre, natürliche und übernatürliche Weisheit einander gegenüber: „Gott hat seine Weisheit, und diese ist die einzig wahre, die als ein großer Schatz geliebt und gesucht werden muß. Aber auch die verdorbene Welt hat ihre Weisheit, und diese muß als schlecht und verderblich verworfen und verabscheut werden. Auch die Philosophen haben ihre Weisheit, und diese muß als unnütz und für das Seelenheil gar oft schädlich verachtet werden.“ (Anm.: Natürlich spricht der Heilige hier nicht von der „philosophia perennis“, die von der Kirche stets in höchsten Ehren gehalten wurde.)

Die weltliche Weisheit teilt der heilige Ludwig Maria mit dem heiligen Jakobus ein in eine irdische, fleischliche und teuflische. „Die Weisheit der Welt besteht in einer vollkommenen Übereinstimmung mit den Grundsätzen und Gebräuchen der Welt. Sie ist ein beständiges Streben nach Größe und Ehre. Sie ist eine beständige und geheime Sucht nach Vergnügen und nach dem eigenen Vorteil, zwar nicht auf grobe, schreiende Art, wobei man sich Anstoß erregende Verfehlungen zuschulden kommen ließe, sondern auf feine, trügerische, listige Weise. Sonst wäre dies nach dem Urteil der Welt nicht mehr Weisheit, sondern Liederlichkeit.“ Der Weltweise „versteht es, einen geheimen, aber verderblichen Einklang herzustellen zwischen der Wahrheit und der Lüge, zwischen dem Evangelium und der Welt, zwischen der Tugend und der Sünde, zwischen Christus und Belial“. Wer würde hier nicht sofort an die „liberalen Katholiken“ denken, jene berühmten Ahnen der Modernisten und ihrerseits Nachkommen der Jansenisten?

Der Weltweise „besitzt besondere Tugenden, um derentwillen die Weltmenschen ihn heiligsprechen, wie z.B. Durchtriebenheit, Schlauheit, Gewandtheit, Geschicklichkeit, galante Umgangsformen, Höflichkeit und Heiterkeit“. „In seinen Augen sind Unempfindlichkeit, Dummheit, Armut, Ungeschliffenheit, Frömmelei ganz bedeutende Sünden.“ Also auch die Weisheit der Welt hat ihre Heiligen und ihre Sünder. Doch kommen wir nun zu den verschiedenen Arten dieser Weisheit der Welt.

Da ist zunächst die irdische Weisheit. Sie besteht in der „Liebe zu den Gütern dieser Welt“, oder nach dem heiligen Johannes in der „Augenlust“. „Dieser irdischen Weisheit huldigen innerlich die Klugen dieser Welt, wenn sie das Herz an ihre Besitztümer hängen und darnach trachten, reich zu werden.“ Die fleischliche Weisheit, die „Fleischeslust“, besteht in der Vergnügungssucht. „Dieser Weisheit huldigen die Klugen dieser Welt, wenn sie überall nur den Sinnengenuß suchen; wenn sie dem guten Essen und Trinken frönen; wenn sie alles von sich fernhalten, was den Körper abtöten oder ihm wehtun könnte…“ Die teuflische Weisheit hingegen ist „die Liebe und Hochschätzung der Ehre“, also die „Hoffart des Lebens“. „Dieser Weisheit huldigen die Klugen dieser Welt, wenn sie, wenn auch im geheimen, nach Größe, Ehre, Würden und hohen Ämtern streben; wenn sie suchen, von den Menschen gesehen, geachtet, gelobt und gerühmt zu werden; wenn sie in ihren Studien, Arbeiten und Kämpfen, in ihren Worten und Werken nur menschliche Ehre und Ruhm ins Auge fassen…“

All diese Weisheiten verstehen es, sich sehr gut zu tarnen. So wird ein frommer Priester vielleicht gar nicht auf die Idee kommen, daß er der irdischen Weisheit huldigt, weil er meint, diese und jene Güter ja nur um der Seelsorge und anderer guter Zwecke willen anzustreben; daß er in Wahrheit der fleischlichen Weisheit zum Opfer gefallen ist, da er doch nur darauf schaut, sich durch Essen und Trinken und ausreichend Schlaf für seine vielfältigen Aufgaben gesund und kräftig zu erhalten; oder daß er gar den besonders feinen Schlichen der teuflischen Weisheit erlegen ist, wo ihm doch nur daran gelegen ist, der Kirche umso besser zu dienen. Es gibt nur einen Weg, dieser Gefahr zu entkommen: „Mit dem göttlichen Heiland, der menschgewordenen Weisheit, müssen wir diese drei Arten falscher Weisheit verabscheuen und verurteilen, um die wahre Weisheit zu erlangen, welche nie ihr eigenes Interesse sucht, und die sich nicht auf Erden und in den Herzen jener findet, welche bequem dahinleben, und welcher alles ein Greuel ist, was vor den Menschen als groß und erhaben gilt.“

Neben dieser „weltlichen Weisheit, welche verwerflich ist und verderblich wirkt, gibt es unter den Philosophen eine natürliche Weisheit“. „In ganz christlichem Sinn studiert, öffnet die Philosophie in der Tat den Geist und befähigt ihn zum Studium der höheren Wissenschaften; niemals aber vermittelt sie jene so genannte natürliche Weisheit, die im Altertum so gerühmt wurde.“ Ein eigenes Kapitel widmet der heilige Ludwig Maria in diesem Zusammenhang der „Alchimie“ und erweist sich damit als ganz modern, da diese heute nicht nur in Esoterik und Okkultismus, sondern mehr noch in der modernen „Naturwissenschaft“ mit ihrer Gentechnik, künstlichen Befruchtung und anderen Abartigkeiten fröhliche Urständ feiert.