Apostel der Letzten Zeiten

Wir dürfen noch einmal darauf hinweisen: Gemeinsam ist all diesen Weisheiten die gewissermaßen dahinterstehende Triebkraft, sich der Welt anzupassen, nicht aufzufallen, nicht aus der Reihe zu tanzen, dazuzugehören, mitzumischen etc. Und welcher Geist war es denn sonst, der nicht erst mit dem „Aggiornamento“ des „II. Vatikanums“, sondern schon lange zuvor in die Kirche eingedrungen war und sie langsam, aber sicher zersetzte? Und welcher Geist sonst sollte es sein, der dieses Werk der Zerstörung heute in der sog. „Bewegung der Tradition“ fortsetzt?

5. Dagegen gibt es nur ein Heilmittel: die wahre, göttliche Weisheit, und diese sieht der heilige Ludwig Maria zusammengefaßt im größten „Geheimnis des Königs“, dem größten Geheimnis der Ewigen Weisheit: dem Kreuz. „In der Erwartung des großen Tages ihre Triumphes beim letzten Gerichte will die Ewige Weisheit, daß das Kreuz das Zeichen, das Merkmal und die Waffe aller ihrer Auserwählten sei.“

„Sie nimmt kein Kind auf, das nicht mit diesem Merkmal bezeichnet ist.“ Tatsächlich ist es das erste, was der Priester bei der Taufe tut, das Kind mit dem Kreuz zu bezeichnen. „Sie nimmt keinen Jünger auf, der es nicht auf seiner Stirne trägt, ohne sich seiner zu schämen“ – tatsächlich zeichnet der Bischof bei der Firmung dem Firmling mit dem Chrisam ein Kreuz auf die Stirn -, „in seinem Herzen, ohne den Mut zu verlieren, auf seinen Schultern, ohne es zu schleppen oder abzuschütteln. ‚Si quis vult venire post me etc. – Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach‘ (Mt 16,24). Sie nimmt keinen als Soldaten an, der das Kreuz nicht als seine Waffe gebrauchen wollte, um sich zu verteidigen, um alle Feinde anzugreifen, niederzuwerfen und zu zerschmettern. Und sie ruft ihnen zu: ‚Confidite, ego vici mundum! – Vertrauet, ich habe die Welt besiegt!‘ (Joh 16,33). ‚In hoc signo vinces! – In diesem Zeichen wirst du siegen!‘ (Konstantin gegen Maxentius).“

Das Kreuz ist freilich nicht wirklich unsere Sache. „O wie demütig, klein, abgetötet, innerlich und von der Welt verachtet muß man sein, um das Geheimnis des Kreuzes zu kennen! Es ist auch heute nicht nur den Juden und Heiden, den Türken und Abtrünnigen, den Aufgeklärten und den schlechten Katholiken, sondern selbst Personen, die man fromm, ja sehr fromm nennt, ein Gegenstand des Ärgernisses und der Torheit, der Verachtung und der Flucht – zwar nicht in der Theorie, denn nie hat man mehr von der Schönheit und Vortrefflichkeit des Kreuzes gesprochen, nie mehr darüber geschrieben als heutzutage, – wohl aber in der Praxis, denn man fürchtet sich, man beklagt sich, man entschuldigt sich, man ist gekränkt, man flieht, sobald es sich darum handelt, etwas zu leiden.“

Ist das nicht auch eine zutreffende Beschreibung der heutigen „Traditionalisten“ und eine Erklärung dafür, warum sich auch bei ihnen die wahre Weisheit nicht mehr findet? „Die wahre Weisheit findet sich nicht auf Erden, noch in den Herzen jener, die nur ihren Neigungen folgen. So sehr hat sie ihre Wohnung im Kreuz aufgeschlagen, daß man sie außerhalb desselben in der ganzen Welt nirgends finden kann; ja sie hat sich so sehr im Kreuze verkörpert und ist mit ihm eins geworden, daß man in Wahrheit sagen kann, die Weisheit ist das Kreuz und das Kreuz die Weisheit.“

6. Damit sind wir wieder bei der Ferse der Schlangenzertreterin zurück. Denn als viertes und wichtigstes Mittel zur Erlangung dieser Weisheit nennt uns der heilige Ludwig Maria die wahre Andacht zur Allerseligsten Jungfrau, sodaß wir sagen können, die wahren Diener und Kinder Mariens sind auch die wahren Freunde des Kreuzes und besitzen damit die wahre Weisheit.

„Es ist keineswegs zu leugnen, daß die getreuen Diener der heiligsten Jungfrau, da sie ihre größten Lieblinge sind, von ihr auch die größten Gnaden und Gunstbezeugungen des Himmels empfangen, und diese sind vor allem die Kreuze und Leiden hier auf Erden. Ich behaupte aber auch, daß es gerade Diener Mariä sind, welche diese Kreuze weit leichter, verdienstlicher und ehrenvoller tragen als die übrigen Menschen. Was einen anderen tausendmal aufhalten oder zu Fall bringen könnte, hält sie kein einziges Mal auf, befördert vielmehr ihren Fortschritt. Denn diese gute Mutter, ganz voll der Gnade und Salbung des Heiligen Geistes, macht all diese Kreuze leicht erträglich. … Auch glaube ich, daß jemand, der ein frommes, christliches Leben führt und daher bereitwillig Verfolgung leiden und alle Tage sein Kreuz tragen will, niemals ein schweres Kreuz freudig bis zum Ende des Lebens tragen wird, ohne eine zarte Andacht zur allerseligsten Jungfrau zu pflegen, welche jedes Kreuz versüßt…“

7. So bleibt uns nur noch der Aufruf an alle Kreuzesfreunde und Diener Mariens, sich zu versammeln (lat. congregare). „Ach, laß mich rufen überall: Feuer! Feuer! Feuer! Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zu Hilfe! Feuer im Hause Gottes! Feuer in den Seelen! Feuer bis ins Heiligtum! Zu Hilfe unserem Bruder, den man ermordet! Zu Hilfe unseren Kindern, die man erwürgt! Zu Hilfe unserem guten Vater, den man erdolcht! ‚Wer auf Seite des Herrn steht, geselle sich zu mir‘ (Ez 32,26). O daß doch alle guten Priester auf der ganzen Welt, mögen sie mitten im Kampfe stehen oder sich aus dem Handgemenge in die Wüsten und Einöden zurückgezogen haben, – o daß doch alle guten Priester kommen und sich mit uns vereinigen möchten: Vis unita fit fortior. Unter dem Banner des Kreuzes wollen wir ein in Schlachtordnung aufgestelltes und wohlgeordnetes Heer bilden, um gemeinsam die Feinde anzugreifen, die schon zum Sturm geblasen haben: Sonuerunt, frenduerunt, fremuerunt, multiplicati sunt. Dirumpamus vincula eorem et projiciamus a nobis jugum ipsorum. Qui habitat in coelis, irridebit eos. ‚Die Feinde toben, lärmen, rasen und rotten sich zusammen. Lasset uns ihre Fesseln zerreißen und ihr Joch von uns werfen. Der im Himmel thront, spottet ihrer.’“

Und zu beten: „Exsurgat Deus et dissipentur inimici ejus. Exsurge, Domine, quare obdormis? Exsurge! ‚Es erhebe sich Gott, auf daß seine Feinde zerstieben. Erhebe Dich, o Herr, warum schläfst Du? Erhebe Dich!‘ O Herr, erhebe Dich; warum scheinst Du zu schlafen? Erhebe Dich in Deiner ganzen Allmacht, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, um Dir eine auserwählte Schar als Garde zu bilden, die Dein Haus bewache, Deine Ehre verteidige und Seelen rette, damit nur ein Schafstall und ein Hirt werde, auf daß alle Dir die Ehre geben in Deinem heiligen Tempel! Amen.“