Der Kreidestrich

von antimodernist2014

1. Die „Piusbruderschaft“, also sprach einst ihr Allerhöchstwürdigster Generaloberer, bewege sich auf einem „schmalen Grat“, gewissermaßen zwischen zwei Abgründen, stets vom Absturz bald in die eine, bald in die andere Richtung bedroht. So sind denn auch immer wieder unvorsichtige Priester und Gläubige, die das Gleichgewicht nicht halten konnten, mal hüben und mal drüben hinabgeglitten, sind zu „Sedisvakantisten“ geworden oder haben sich in unvorsichtiger Weise den Modernisten in die Hände begeben. Es soll mit diesem Bild zum Ausdruck gebracht werden zum einen die höchst anspruchsvolle, erhabene, geradezu schwindelerregende Position der „Piusbruderschaft“, zum anderen ihre einzig wahre, ausgewogene Positionierung als „Mitte“ zwischen den Extremen. „In medio stat virtus. – Die Tugend steht in der Mitte.“

2. Obwohl wir auf dieses Thema an anderer Stelle (Monster Church) bereits ausführlich eingegangen sind, erscheint eine Wiederholung durchaus notwendig. Denn erstens werden solche wichtigen Beiträge in unserer kurzlebigen Zeit ebenso schnell wieder vergessen wie sie aufgetaucht sind, und zweitens hören auch die Herren „Pius-Theologen“ ja nicht auf, ihren Unsinn unbelehrbar stetsfort zu wiederholen. Nach dem in Medienkreisen bekannten Prinzip, wonach nicht die Wahrheit, sondern die dauernde Wiederholung letztlich das Rennen um die Meinungsbildung macht, sind auch wir gezwungen, die Wahrheit nicht nur einmal zu sagen, sondern immer wieder.

Jeder einigermaßen vernünftige Mensch wird sich vielleicht fragen, warum jemand unbedingt einen schwierigen und gefährlichen Balance-Akt ausführen will, wenn er doch genauso gut auf sicherem, festem Boden bleiben könnte. Wir können es nachvollziehen bei Akrobaten, die mit dieser Sensation Zuschauer locken, oder bei Bergsteigern, die das Abenteuer, die Bewährung oder den Nervenkitzel suchen. Aber bei Theologen und Seelenhirten, die noch dazu verlangen, daß auch einfache Gläubige und Laien ihnen bei ihren halsbrecherischen Unternehmungen folgen, scheint es uns doch gelinde gesagt etwas gewagt, den zuverlässigen katholischen Boden um solcher Kunststücke willen zu verlassen.

3. Daher sahen sich denn auch in letzter Zeit wieder einige der „Pius-Theologen“ genötigt, ihre so anspruchsvolle „Position der Mitte“ kunstvoll zu verteidigen, die sie gerne als „Kreidestrich“ bezeichnen – ein analoges Bild wie der „Grat“ ihres Generaloberen, da das Entlanglaufen auf einem Kreidestrich ähnliche Geschicklichkeit verlangt, mit dem Vorteil freilich, bei einem Fehltritt nicht so gefahrvoll zu sein. Da ist zunächst Herr Abbé Guy Castelain FSSPX, der in „L’Hermine“ vom März 2014 sich anheischig macht, anhand von drei Dokumenten sehr präzise und genau diese „Kreidestrich“-Position der „Piusbruderschaft“ zu bestimmen.

Die drei Dokumente, die er hierzu bemüht, sind zum einen die berühmte Erklärung Erzbischof Lefebvres vom 21. November 1974, zum zweiten das „Treueversprechen“, das jeder „Pius“-Seminarist vor dem Empfang der heiligen Weihen zu unterzeichnen hat, zum dritten die „Anordnungen der Priesterbruderschaft St. Pius X.“, die 1980 von Erzbischof Lefebvre herausgegeben und 1997 an das „Neue Kirchenrecht“ von 1983 angepaßt wurden. Aus dem ersten Dokument entnimmt er die allseits bekannte Unterscheidung zwischen dem „ewigen Rom“ und dem „Rom der neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenz“. Wir brauchen darauf nicht weiter einzugehen und verweisen auf unseren o.g. Artikel.

Interessanter wird es bei den Ableitungen, die er aus dem zweiten Dokument vornimmt. Dieses schreibt bekanntlich die „Recognize & Resist (R&R)“-Position der „Piusbruderschaft“ fest: Anerkenne und Widerstehe! Wir anerkennen die „konziliaren“ Päpste, widersetzen uns aber ihren Anordnungen, da wo… Wir anerkennen, daß der „Novus Ordo“ gültig gefeiert werden kann, widersetzen uns ihm aber, weil… Wir anerkennen schließlich die liturgischen Reformen als legitim, welche Johannes XXIII. durchgeführt hat, und verpflichten uns, ausschließlich dessen Bücher zu benutzen – und diesmal ohne uns irgendwie zu widersetzen. Wir kennen das alles schon.

Unser Herr Abbé sieht hier jedoch sehr exakt die Positionierung der „Piusbruderschaft“ in drei Punkten festgelegt: „Die Beziehungen zum Papst: weder Sedisvakantismus noch Infallibilismus; die Annahme des postkonziliaren Lehramts (das kein neues Dogma verkündet hat): weder pauschale Zurückweisung noch servile Unterwerfung; die liturgische Haltung: klare Zurückweisung der Neuen Messe und ihrer Folgen.“

Nun kann man den „Sedisvakantisten“ nachsagen, was man will, aber sicher nicht, daß sie keine „Infallibilisten“ sind. Deshalb sind sie ja „Sedisvakantisten“, weil sie die Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramts und allen voran des Papstes wirklich ernstnehmen. Somit verläuft der „Kreidestrich“ unseres Abbés plötzlich inmitten lauter „Infallibilisten“, hebt sich davon ab und zeigt damit, daß er nicht die „Mitte“ zwischen zwei Extremen bezeichnet, sondern die Entfernung vom gemeinsamen, katholischen Boden, der kein anderer als der „Infallibilismus“ sein kann (und daher sein wackliger Drahtseilakt). Die „Piusbruderschaft“, so müssen wir daraus schließen, rechnet sich zu den „Anti-Infallibilisten“ und stellt sich somit in die Tradition der Gallikaner und Altkatholiken und all jener, welche die Unfehlbarkeit des Papstes bekämpft und bestritten haben. Das wundert uns nicht, denn schon mehrfach sahen wir uns genötigt, darauf hinzuweisen, daß die Argumente, mit welchen die „Pius-Theologen“ ihre sonderbare „Mitte“-Position begründeten, aus dieser Ecke stammen. Wir werden weiter unten noch darauf einzugehen haben.

Ein Lehramt mit Unfehlbarkeitsanspruch ist der ärgste Feind der „Pius“-Ideologie, und so muß vor allem das „postkonziliare Lehramt“ seines unfehlbaren Charakters entkleidet werden. Das geschieht auf bewährte Art ganz einfach und elegant dadurch, daß man in Parenthese darauf hinweist, es habe „kein neues Dogma verkündet“. Damit ist es ipso facto fehlbar, und man kann sich erlauben, ihm souverän zu begegnen, indem man sich aussucht, was man annehmen will: „weder pauschale Zurückweisung noch servile Unterwerfung“. Und so darf man auch die von den konziliaren Päpsten promulgierte „Neue Messe“ „klar zurückweisen“ und auswählen, welche ihrer bugninischen Vorformen man akzeptiert. Wieder merken die Herren „Pius-Theologen“ dabei nicht, welchen Ahnherren sie mit diesem Minimalismus huldigen, der die Unfehlbarkeit des Papstes auf wenige, feierliche Dogmenverkündigungen reduzieren will, die allerhöchstens alle hundert Jahre einmal vorkommen. Ihre direkten Väter dabei sind die Modernisten (s. unseren Beitrag Modernismus in der Tradition).

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