Der Kreidestrich

Noch komplizierter und spannender wird der Drahtseilakt unseres Herrn Abbés, als er uns erklären will, wie die „Piusbruderschaft“ den Spagat zwischen dem „alten“ und dem „neuen“ Kirchenrecht zu bewältigen gedenkt. „Folgendermaßen wurde das Problem gelöst: Der neue Codex des kanonischen Rechts, promulgiert am 25. Januar 1983, ist durchtränkt von Ökumenismus und Personalismus und sündigt schwer gegen die Finalität des Gesetzes selbst. Daher folgen wir im Prinzip dem Codex von 1917 (mit den nachher eingeführten Änderungen). In der Praxis hingegen und bei einigen präzisen Punkten können wir vom neuen Codex das akzeptieren, was einer homogenen (also traditionellen) Entwicklung entspricht, einer besseren Anpassung an die Umstände, einer nützlichen Vereinfachung. Wir nehmen auch im allgemeinen das an, was wir nicht zurückweisen können, ohne uns mit der offiziell empfangenen Gesetzgebung in Schwierigkeit zu bringen, wenn die Gültigkeit von Akten im Spiel ist.“ Alles klar? Von einem Codex, der „schwer gegen die Finalität des Gesetzes selbst“ sündigt, nimmt man „in der Praxis“ alles an, was… Wir fassen es kurz so zusammen, wie es ein Kirchenrechtsexperte der „Piusbruderschaft“ einst ausdrückte: „Sehen Sie, wir machen was wir wollen, und es ist gut so.“

In seinem Resümee meint der Herr Abbé, insgesamt eine glückliche Mitte getroffen zu haben: „weder Hermeneutik des Bruches noch Hermeneutik der Kontinuität“, sondern „Wahrung eines Kreidestrichs, den man als traditionelle Hermeneutik kennzeichnen könnte, und das in dem dreifachen Bereich des Lehramts, der Liturgie und der kirchlichen Disziplin“. Diese „traditionelle Hermeneutik“ der „Piusbruderschaft“ habe sich nicht geändert seit dem Tod des Gründers am 25. März 1991. „Traditionelle Hermeneutik“, gewiß, ganz in der Tradition der Anti-Infallibilisten, der Jansenisten, Gallikaner, Altkatholiken und Modernisten, wie wir gesehen haben. Im Lichte dieser „Tradition“ ließe sich auch das „II. Vatikanum“ trefflich interpretieren.

4. In der gleichen Ausgabe von „L’Hermin“ äußert sich auch Herr Abbé Thierry Gaudray, den wir schon von seinen anti-infallibilistischen Thesen im Zusammenhang mit Heiligsprechungen kennen, zum gleichen Thema: „Der Kreidestrich der Bruderschaft“. Wie gesagt scheint dieser Topos die Herren Pius-Patres zur Zeit sehr zu bewegen. Seine Unterscheidung ist erwartungsgemäß um einiges subtiler, denn für ihn liegt der „Kreidestrich, den die Bruderschaft St. Pius X. und die ihr befreundeten Gemeinschaften einhalten, nicht genau zwischen der Position jener, die sich dem neuen Rom angeschlossen haben, und derjenigen der Sedisvakantisten, d.h. zwischen Häresie und Häresie, sondern eher zwischen dem Schisma und der Häresie“. Das muß uns der Monsieur Abbé genauer erklären.

Der an Rom Angeschlossene wie der Sedisvakantist sind nach ihm beide nahe der Häresie, denn der eine schweige zu den Irrtümern, was doch die früheren Päpste verurteilt hätten, der andere laufe Gefahr, die Sichtbarkeit der Kirche zu leugnen. „Sie haben auch und vor allem gemeinsam, die Krise in der Kirche auf eine Frage der Autorität zu reduzieren, als ob die Elle, mit welcher der Katholik gemessen werden muß, nichts anderes wäre als der Gehorsam gegenüber dem Papst und nicht vor allem seine Unterwerfung unter die Offenbarung durch Vermittlung des päpstlichen Lehramtes. Pater Calmel hob hervor, daß die Kirche nicht der Mystische Leib des Papstes sei. Dieser ist nur ein Mittel, dessen sich der Liebe Gott bedient, um die Seelen im Glauben zu bestärken, wie er sich auch des Priesters bedient, um die Sakramente zu spenden. Mag vielleicht der Papst nicht mehr die Intention haben, die Glaubenshinterlage weiterzugeben und so aufhören, irgendein Lehramt auszuüben (wie ebenso ein Priester ein Sakrament nicht bewirkt, wenn er nicht die Intention hat, durch diesen Ritus das zu tun, was die Kirche tut). Die große Frage ist also nicht zu wissen, ob Franziskus Papst ist, um ihm eventuell blind zu folgen, sondern die, dem Lehramt aller Zeiten treu zu bleiben ohne Unterstützung dessen, der heute, soweit man urteilen kann, der Oberste Pontifex ist (aber nicht ohne Unterstützung durch einen Ersatz-Klerus, der durch die Vorsehung berufen wurde). Es ist eine Frage der Wahrheit und nur an zweiter Stelle der Autorität. Und nicht irgendeiner Wahrheit! Es handelt sich um das Wort Gottes, das uns treu überliefert wurde durch ein Lehramt, das sicher vergangen ist, aber immer noch lebendig. Am Tag des Gerichtes werden die Päpste da sein, um uns zu fragen, was wir aus ihren Lehren gemacht haben.“

In diesen wenigen Zeilen eröffnen sich uns ganz erhabene, eschatologische Dimensionen, die von einem mystisch berufenen Ersatz-Klerus bis zum Tag des Jüngsten Gerichts reichen. Doch der Reihe nach. Wir sind es ja schon leid, immer wieder dieselben Dinge wiederholen zu müssen, doch scheint es durchaus notwendig zu sein: Der Gehorsam gegenüber der päpstlichen Autorität ist konstitutiv für den Katholiken. „In dieser einen Kirche ist niemand und bleibt niemand, der nicht die Autorität und Vollmacht des Petrus und seiner legitimen Nachfolger im Gehorsam anerkennt und annimmt“ (Pius XI., Mortalium Animos). Oder möge uns unser großer „Pius-Theologe“ erklären, wie eine „Unterwerfung unter die Offenbarung durch Vermittlung des päpstlichen Lehramtes“ möglich ist ohne „Gehorsam gegenüber dem Papst“. Gewiß ist die Kirche nicht der Mystische Leib des Papstes, aber sie ist der Mystische Leib Christi, dessen sichtbarer Stellvertreter auf Erden kein anderer ist als der Papst. Der Papst ist nicht nur dazu da, uns „im Glauben zu stärken“, sondern uns gewissermaßen im Glauben zu zeugen und zu erhalten. Darum ist er der „Heilige Vater“. Wenn er dieses Amt durch einen inneren Obex dauerhaft nicht ausüben kann oder will, ist er eben nicht der Heilige Vater. Die päpstliche Autorität verbürgt uns die Wahrheit. Seine Funktion ist weder ersetzbar durch einen irgendwie mystisch berufenen „Ersatz-Klerus“ noch durch verstorbene Päpste, die nicht wieder zum lebendigen Lehramt werden dadurch, daß sie das Leben der Seligen im Himmel genießen und uns einst beim Jüngsten Gericht begegnen werden. Das lebendige Lehramt übt allein der aktuell auf Erden amtierende Papst und die mit ihm im Glauben und Gehorsam verbundenen Bischöfe, nicht die auf ihren himmlischen Thronen versammelten verflossenen heiligen Päpste. Solches aber dünkt unseren Herrn Abbé „nahe der Häresie“.

Gegen diese „Häresie“ einerseits soll also der „Kreidestrich“ gelten, andererseits gegen das „Schisma“, das nach seiner Sichtweise dann bestünde, wenn man vom „Zustand des Widerstands angesichts des Autoritätsmißbrauchs, unter welchem wir heute leiden“, überginge „zu dem einer systematischen Opposition gegen die legitimen Hirten“. „Der Papst wird immer ein Mensch mit seinen Schwächen sein. Wir müssen uns heute schützen gegen ein ‚ungläubiges (untreues) Lehramt‘ (magistère infidèle) … Die Texte des II. Vatikanums sind ‚gefährlich‘, etliche unter ihnen sind ‚äquivok, unterminiert, mit Sprengladung versehen’… Aber wenn der Papst zu den Lehren seiner Vorgänger zurückgekehrt sein wird, wird man ihm gehorchen müssen wie man unseren aktuellen Oberen gehorchen muß trotz möglicher Schwächen und Irrtümer in der Regierung. Solange der Glaube und das Gesetz Gottes gewahrt bleiben, ist Ungehorsam illegitim.“ Wo nun freilich genau der Übergang liegen soll zwischen dem berechtigten „Zustand des Widerstands“ und der „systematischen Opposition“, und wer uns sagen soll, wann „der Papst zu den Lehren seiner Vorgänger zurückgekehrt sein wird“ und wir ihm wieder gehorchen müssen bzw. wann „Glaube und Gesetz Gottes gewahrt bleiben“ und somit der „Ungehorsam illegitim“ ist, darauf bleibt uns der Abbé die Antwort schuldig. Sein „Kreidestrich“ verläuft hier doch sehr im Vagen, und das muß er auch, soll er doch ein angebliches habituelles Widerstandsrecht gegen die legitime kirchliche Autorität begründen, das es so nicht gibt.