Der Kreidestrich

Fassen wir zusammen: Der „Kreidestrich“ des Herrn Abbé Gaudray trennt uns einerseits von der „Häresie“, die darin bestünde, zu meinen, dem legitimen aktuellen päpstlichen Lehramt Gehorsam zu schulden, andererseits vom „Schisma“, das den rechtmäßigen Ungehorsam und Widerstand gegen die kirchlichen Autoritäten zur „systematischen Opposition“ werden ließe. Einmal mehr entpuppt sich sein „Kreidestrich“ als der Drahtseilakt des „piusbruderschaftlichen“ „Recognize & Resist“. Daß ein „ungläubiges Lehramt“, das uns gefährliche Irrtümer lehrt, nie und nimmer das legitime Lehramt unserer heiligen Mutter Kirche sein kann, das ist der sichere katholische Boden, den er auf diese Weise verlassen hat, und ist die „Häresie“ und das „Schisma“, auf welches er um keinen Preis herabfallen möchte.

5. Damit kommen wir zum Beinahe-Namensvetter des Herrn Abbé Gaudray, dem deutschen „Pius-Spitzentheologen“ Pater Matthias Gaudron, der natürlich im Sortiment auch nicht fehlen darf und bei dieser Gratwanderungstour nicht hintanstehen mag. Unter dem Titel „Wie müssen wir zum Papst stehen?“ erschien seine „Kreidestrich“-Theorie unlängst auf den Seiten des deutschen „Pius“-Distrikts. Man beachte, daß es sich hier nicht einfach um eine Darstellung der „Pius“-Position handelt, sondern ganz im deutschen Stil um einen kategorischen Imperativ, also nicht „Wie stehen wir zum Papst?“, sondern „Wie MÜSSEN wir zum Papst stehen?“. Die „Pius“-Haltung ist durchaus zwingend. Wir MÜSSEN als Katholiken so zum Papst stehen wie sie es tun, wenn anders wir überhaupt noch Katholiken sein wollen. Da sollte man nun erwarten, daß uns der Herr „Theologe“ handfeste Beweise und Lehramtsstellen vorsetzt, zumal er behauptet: „Vor allem darf man sich nicht von Leidenschaft und Empörung leiten lassen, sondern muss sich fragen, wie man im Lichte des Glaubens auf diese Krise reagieren muss.“ Dann aber legt er wieder nur dieselben alten Platten auf, die wir von den Anti-Infallibilisten seit 150 Jahren und mehr schon zur Genüge kennen und die längst hundertfach widerlegt worden sind (und versucht nicht einmal einen „Remix“!).

Der Glaube also sagt uns, daß auch die Päpste fehlbare und schwache Menschen bleiben. Geschenkt. Jedoch: „Zweifellos unterscheidet sich die heutige Krise von vielen früheren Krisen dadurch, dass sie eine Krise des Glaubens und nicht der Sitten ist, während die sittlich fragwürdigen Päpste der Vergangenheit sich meist in Fragen des Glaubens nichts zuschulden kommen ließen. Trotzdem wäre es falsch, wenn man behauptete, es gäbe zu der heutigen Krise gar keine Parallelen.“ Und hier läßt der Pater nun – wir hätten darauf wetten können – die unvermeidlichen Kisten-Kasper der Anti-Infallibilisten-Kreise los, nämlich die armen Päpste Liberius und Honorius, die sich ja nicht mehr wehren können, diesmal noch verstärkt durch Nikolaus I., welche Bereicherung! Wer auf diesen uralten Trick immer noch hereinfällt, sei auf unseren Artikel „Kirchengeschichte oder Lügengeschichten?“ verwiesen. Wir dürfen noch ergänzen, daß Papst Pius IX. seinerzeit den Unfehlbarkeitsgegnern à la Gaudron und ihren „Argumenten“ entgegenhielt, daß sich nicht dogmatische Tatsachen an historischen messen lassen müssen, sondern umgekehrt, die historischen an den dogmatischen.

Als nächstes kommt – recht geraten: die unweigerliche stereotype Begrenzung der päpstlichen Unfehlbarkeit auf einige wenige, seltene Akte. Zwar gesteht uns unser Theologe hier zu, daß das Eintreten der Unfehlbarkeit „wohl nicht nur bei der feierlichen Dogmatisierung einer Wahrheit der Fall“ ist, sondern „auch auf eine Heiligsprechung oder andere höchste Urteile zutreffen“ kann. Zutreffen KANN, wohlgemerkt! Es ist also keineswegs ausgemacht, ob und wann es das wirklich tut, und somit bleibt uns – *uff* – die Freiheit, unliebsame Heiligsprechungen wie z.B. die der Konzilspäpste, die jüngst erfolgten, nach Gusto abzulehnen. (Hier KÖNNEN wir, wo wir oben MÜSSEN!) Ohnehin gilt: „Da das II. Vatikanum ausdrücklich auf seine höchste Lehrautorität verzichtet hat und auch die nachkonziliaren Päpste nirgends von dieser Autorität Gebrauch gemacht haben – einzig den Fall der Heiligsprechungen müsste man hier diskutieren –, kommt ihren Lehrschreiben keine Unfehlbarkeit zu, d. h., eventuelle Irrtümer in diesen Texten sind kein Einwand gegen die päpstliche Unfehlbarkeit.“ Damit sind wir wieder einmal aus dem Schneider, Deo gratias! Und da diesen päpstlichen Lehrschreiben keine Unfehlbarkeit zukommt, können wir sie ignorieren, zerpflücken und kritisieren, wie wir lustig sind. Kurzum, wir können wieder einmal „machen was wir wollen, und es ist gut so“.

Ganz so deutlich sagt es unser Spitzen-Theologe natürlich nicht. Er gesteht zu, daß auch den nicht unfehlbaren Texten der Päpste und Konzilien einiger Respekt entgegenzubringen sei, daß man „auch solche Lehren in religiösem Gehorsam annehmen“ sollte. „Wenn man jedoch ernste Gründe hat, eine solche Lehre zu kritisieren, weil sie der katholischen Tradition widerspricht und offenbare Irrtümer enthält, darf man diese Kritik mit dem nötigen Respekt auch anbringen. Solche schwerwiegenden Gründe haben wir vor allem in Bezug auf den Ökumenismus, die Religionsfreiheit und die neue Liturgie.“ Als guter „Pius-Theologe“ weiß man eben die Dinge immer so hinzudrehen, wie man sie braucht. Und „ernste Gründe“ finden sich ja immer.

Nun gelangen wir – *gähn* – zu der „Sedisvakantisten“ und konservativen Katholiken gleichermaßen eigenen falschen und selbstverständlich übertriebenen Auffassung von der päpstlichen Unfehlbarkeit, als müsse man „alles annehmen, was vom Papst kommt, und ihm immer gehorchen“. Hingegen gilt: „Man muss dem Papst folgen, wenn er den geoffenbarten Glauben verkündet – sei es auf außerordentliche oder ordentliche Weise – und wenn er Befehle gibt, die im Einklang mit diesem Glauben stehen. Wenn er aber Irrtümer verkündet und Anordnungen gibt, die zum Schaden des Glaubens sind, muss man ihm nicht gehorchen.“ Und wieder muß ein historischer Beweis dafür herhalten, nämlich – jawohl, abermals recht geraten: die Begebenheit zwischen dem hl. Paulus und dem hl. Petrus in Antiochien. Erst unlängst wurde dieser Mythos, der unter Bezugnahme auf den hl. Thomas von Aquin behauptet, hier sei der Widerstand gegen (lehr-)amtliche Akte des rechtmäßigen Papstes legitimiert, als eine Schöpfung Mgr. Lefebvres aufgedeckt, die einer Verwechslung zwischen der Übung der „Correctio fraterna“ als Tugend der Nächstenliebe und der Übung des Gehorsams als Tugend der Gerechtigkeit entstammt (s. Durch Sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung).

6. Was bleibt noch? Ach ja, die Frage, ob ein Papst nicht sein Amt verlieren kann. Dazu unser Spitzen-Theologe: „Einzig für den Fall, dass der Papst Häretiker wird, d. h. wenn er hartnäckig eine geoffenbarte Wahrheit leugnet, haben eine Reihe von Theologen gemeint, der Papst würde damit sein Amt verlieren. Es gibt aber in dieser Frage noch nicht einmal eine einheitliche Lehre der Theologen, geschweige denn eine lehramtliche Aussage. Das kirchliche Lehramt hat sich zu dieser Frage nicht geäußert.“ Wie man als angeblicher „Theologe“ so etwas behaupten kann, ist uns völlig schleierhaft. Wir schweigen vor Scham und verweisen nur wortlos auf unsere Artikel „Schlage den Hirten“ Nr. 5, „Sedisphobe Argumente“ und andere. „Zudem haben die nachkonziliaren Päpste zwar manches gesagt und getan, was der Kirche und dem Glauben schwer geschadet hat und die Irrlehrer in ihrem Tun bestärkte, aber die wirkliche Leugnung eines Dogmas kann man ihnen nicht nachweisen.“ Ach ja? Und was ist etwa mit der Allerlösungslehre eines Wojtyla, die praktisch sein gesamtes Pontifikat durchzieht (vgl. Vom Lehramt zum Leeramt IV.1)? Werden hier nicht offen die Dogmen der Erbsünde, der Heilsnotwendigkeit der Taufe etc. geleugnet? Von der konziliaren „Religionsfreiheit“, die sogar ein Erzbischof Lefebvre mehrfach eine „Häresie“ nannte, wollen wir hier ganz schweigen. Was für ein blamabler „Theologe“ muß man sein, solche Dinge nicht zur Kenntnis zu nehmen?

Der Pater schließt mit einem Fazit und einem frommen Ausblick: „Man muss also Papst Franziskus als den rechtmäßigen Papst betrachten, auch wenn man nicht mit allen seinen Äußerungen einverstanden sein kann. Wir müssen deshalb für ihn beten und uns weiter in Geduld üben, bis es Gott gefällt, der Kirche wieder einen Papst zu schenken, dem man mit ganzem Herzen folgen kann.“ Was wir alles müssen…

7. In unserem Fazit können wir nur staunen, mit welcher Leichtfertigkeit die Herren „Pius-Theologen“ mit der Wahrheit umspringen und das Seelenheil vieler Gläubiger gefährden, nur um ihre „Kreidestrich“-Ideologie zu rechtfertigen und weiter auf ihrem „schmalen Grat“ herumzutanzen, und mit welcher Unbedenklichkeit sie sich dabei in die Fußstapfen der Unfehlbarkeitsgegner begeben, seien dies die Jansenisten, Gallikaner, Altkatholiken oder Modernisten. Wir können nur hoffen, daß immer mehr Seelen diese Spielchen durchschauen und sich nicht länger auf solche bedrohliche Höhenakrobatik einlassen wollen.