Unfehlbar? Eine Grundfrage

von antimodernist2014

1. In einem Interview mit „Catholic Family News“ vom 30. April diesen Jahres äußert sich Professor Roberto de Mattei zur Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen. Darin entpuppt sich de Mattei als Pseudo-Anti-Infallibilist und begründet dies erwartungsgemäß mit dem „Sedisvakantismus“. Dieser, so der Professor, würde die päpstliche Unfehlbarkeit übertreiben. „Ihre“ – der „Sedisvakantisten“ – „Argumentation ist zu einfach (bzw. grob vereinfachend, franz.: simpliste): Wenn der Papst unfehlbar ist und etwas Schlechtes tut, bedeutet dies, daß der Heilige Stuhl vakant ist.“ Tatsächlich ist diese Darstellung der „Sedisvakantisten“-Position zu einfach bzw. grob vereinfachend. Doch weiter: „Die Wirklichkeit ist viel komplexer, und die Prämisse, nach welcher jeder Akt des Papstes oder fast jeder Akt unfehlbar ist, ist irrig.“ Das hat auch nie jemand anders behauptet.

Dem Herrn Professor jedoch kommt es auf etwas anderes an. Er will ja aus dieser falschen, wohl bewußt verzeichneten Darstellung des „Sedisvakantismus“ auf die Nicht-Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen kommen. Der schein-logische Syllogismus verläuft dabei so: Die „Sedisvakantisten“ behaupten, alle Akte des Papstes seien unfehlbar. Diese Meinung ist irrig. Also sind z.B. Heiligsprechungen nicht unfehlbar. Eine umwerfende Logik, in der Tat! „In Wahrheit ist es so, wenn die jüngsten Kanonisationen Probleme verursachen, so verursacht der Sedisvakantismus viel bedeutendere Gewissensprobleme.“ Es geht also gar nicht um Logik, sondern um „Gewissensprobleme“, und damit sind wir wieder bei der „Sedisphobie“.

2. Doch wie löst unser Professor nun die offensichtlich weitaus geringeren Probleme, die falsche Heiligsprechungen aufwerfen? Erstens weist er darauf hin, daß die Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen kein Glaubensdogma sei. Damit gehört sie nach der Logik der Anti-Infallibilisten und Pseudo-Anti-Infallibilisten bekanntlich bereits in den Bereich der freien Meinung. Nun würde zwar eine Mehrzahl der Theologen die Unfehlbarkeit von Kanonisationen bejahen, doch gerade die führenden Vertreter der aktuellen „Römischen Schule“, allen voran Mgr. Brunero Gherardini, seien anderer Auffassung. Sie sähen in den Kanonisationen nicht die Bedingungen gegeben, welche das I. Vatikanum für das Eintreten der päpstlichen Unfehlbarkeit fordere. Insbesondere habe eine Heiligsprechung nicht eine Wahrheit des Glaubens oder der Moral, welche in der Offenbarung enthalten ist, als ihr direktes Objekt, sondern sei nur indirekt mit dem Dogma verbunden, ohne eigentlich ein „dogmatisches Faktum“ zu sein. Die Päpste könnten lediglich Inhalte definieren, die in der Schrift oder Tradition enthalten seien, nur dann liege ein Akt der Unfehlbarkeit vor; dies sei aber bei Kanonisationen nicht der Fall. Nicht umsonst werde daher weder in den Rechtskodizes von 1917 oder 1983 noch in den Katechismen, alt oder neu, der katholischen Kirche die Lehre der Kirche über Kanonisationen dargelegt.

Nun, immerhin findet sich diese Lehre wenigstens im Volkskatechismus von Spirago, der allerdings etwas vorsichtig formuliert: „Mit größter Wahrscheinlichkeit läßt sich annehmen, daß die Kirche auch unfehlbar sei bei der Entscheidung, ob eine Meinung der geoffenbarten Lehre widerspreche; ferner bei der Selig- und Heiligsprechung.“ Die Dogmatiker Scheeben und Heinrich sind da weniger vorsichtig. Sie sind auch ganz anderer Meinung als die aktuellen Theologen der „Römischen Schule“. Scheeben etwa schreibt in seiner Dogmatik: „Es wäre aber durchaus irrig, ja nach der Meinung vieler Theologen sogar häretisch, wenn man das Gebiet der kirchlichen Unfehlbarkeit auf die formell geoffenbarten Wahrheiten beschränken würde. Es muß vielmehr mindestens als theologisch sichere Lehre festgehalten werden, daß sekundäres (oder indirektes) Objekt der Unfehlbarkeit das ganze Gebiet jener Wahrheiten ist, welche als Glaubensdepositum im weitern Sinne bezeichnet werden können, welche zwar an sich und formell nicht geoffenbart sind, aber mit den geoffenbarten Wahrheiten so innig zusammenhängen, daß ohne sie die Offenbarung selbst entweder gar nicht oder doch nur ungenügend bewahrt und erklärt, geltend gemacht oder verteidigt werden könnte. … Im einzelnen gehören zum sekundären und indirekten Objekte der kirchlichen Unfehlbarkeit besonders folgende Punkte: … die Feststellung und Würdigung von Tatsachen, ohne deren richtige Kenntnis das religiöse Leben, besonders der Cultus, nicht würdig geordnet werden könnte, so namentlich die Canonisation der Heiligen…“ Und Heinrich: „Die Heiligkeit und Seligkeit eines einzelnen Heiligen ist zwar nicht eine Wahrheit der Glaubens- oder Sittenlehre, aber auch nicht ein gewöhnliches partikuläres Factum, bezüglich dessen die Kirche ihrer Wahrheit und Heiligkeit unbeschadet irren kann; sondern es ist ein Factum, das zu den allgemeinen und höchsten Interessen der Religion, insbesondere zu der Verehrung der Heiligen überhaupt, in einem so wesentlichen Zusammenhange steht, daß ein Irrtum der höchsten kirchlichen Autorität in dieser Sache, wenn auch nicht die Reinheit des Glaubens- und Sittenlehre unmittelbar verletzen, doch mittelbar dieselben beeinträchtigen würde…. Man kann daher mit Recht mit dem heil. Thomas sagen, daß das Factum der Heiligkeit und Seligkeit eines canonisirten Heiligen zwischen gewöhnlichen particularen Thatsachen und der Glaubens- und Sittenlehre gewissermaßen in der Mitte stehe. Das ist denn wohl auch der Sinn jener Theologen, welche die Canonisation mit der Entscheidung bezüglich eines factum dogmaticum vergleichen“ (vgl. Von Heiligen). Wir dürfen auch noch einmal Melchior Cano anführen: „Es ist nicht möglich, daß der Oberste Pontifex die gesamte Kirche in Dingen, welche die Moral und den Glauben betreffen, in die Irre führt. Das jedoch würde geschehen, wenn er sich in den Heiligsprechungen täuschen könnte. Den Menschen einen Verdammten zur Verehrung vorzustellen, würde das nicht im letzten heißen, dem Teufel selbst einen Altar zu errichten?“ Vermutlich handelte es sich bei Scheeben, Heinrich und Cano allesamt um heimliche „Sedisvakantisten“, die meinten, der Papst sei eben immer und überall unfehlbar.

Aber auch die Theologen des I. Vatikanums waren offensichtlich bereits solchem „Sedisvakantismus“ verfallen. Denn einer von ihnen, Gasser, behauptete doch ganz im Gegensatz zu unseren modernen Theologen der „Römischen Schule“, daß „mit den geoffenbarten Wahrheiten … auch andere Wahrheiten mehr oder weniger eng zusammenhängen, die, wenn sie auch nicht in sich geoffenbart sind, dennoch erforderlich sind, um das Offenbarungsgut unversehrt zu bewahren, ordnungsgemäß zu erklären und wirksam zu definieren; derartige Wahrheiten, zu denen jedenfalls an und für sich (per se) die dogmatischen Fakten gehören, sofern ohne sie das Glaubensgut nicht bewahrt und dargelegt werden könnte, derartige Wahrheiten – sage ich – beziehen sich zwar nicht an und für sich zum Glaubensgut, aber doch auf die Bewahrung des Glaubensgutes. Daher sind sich denn auch überhaupt alle katholischen Theologen darüber einig, daß die Kirche in der authentischen Vorlage und Definition solcher Wahrheiten unfehlbar ist, sodaß die Leugnung dieser Unfehlbarkeit ein überaus schwerwiegender Irrtum wäre.“ Zwar wäre einer, welcher hier die Unfehlbarkeit leugne, „nicht offen Häretiker“, aber er beginge doch „einen sehr schweren Irrtum und durch solchen Irrtum eine sehr schwere Sünde“. Tatsache ist auch, daß zumindest die Päpste Pius XI. und Pius XII. bei ihren Heiligsprechungen explizit den Anspruch der Unfehlbarkeit erhoben (vgl. Die Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen). Wahrscheinlich gehörten auch sie zu den „Sedisvakantisten“.

3. Die pseudo-anti-infallibilistische These des „exzellenten Theologen“ (di Mattei) Gleize (vgl. Drohende Unfehlbarkeit), wonach die Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen seit 1983 nicht mehr gegeben ist, hauptsächlich wegen Verfahrensfehlern, möchte der Herr Professor so nicht unterstützen. Er weist darauf hin, daß die Kirche früher Heilige ohne jedes Verfahren und ohne jede Kanonisation verehrt hat (und bisweilen auch heute noch tut), daß diese Prozedur erst allmählich eingeführt und die Regeln nach und nach festgelegt wurden. Somit ließe eine Lockerung bei den Verfahrensregeln, wie wir sie seit 1983 beobachten, noch nicht auf einen Unterschied in der Unfehlbarkeit schließen.

Was den heiligen Thomas anbelangt, welcher die These aufgestellt hat, ein Papst, welcher bei einer Kanonisation nicht unfehlbar sei, führe womöglich sich selbst und die Kirche in die Irre, so antwortet der Herr Professor zunächst mit einer Unterscheidung. Ein nicht unfehlbarer Akt sei nicht automatisch ein irriger Akt, der notwendig täusche, sondern nur ein möglicherweise irriger Akt. De facto könne es sein, daß ein solcher Irrtum höchst selten oder gar nicht vorkomme. Der heilige Thomas sei stets sehr ausgewogen und gewiß kein übertriebener Infallibilist (also kein „Sedisvakantist“!), daher könne sein Argument „im weiten Sinn“ verstanden werden, also mit der Möglichkeit von Ausnahmen. „Ich bin mit ihm einverstanden, daß die Kirche in ihrer Gesamtheit sich nicht täuschen kann, wenn sie kanonisiert. Das bedeutet nicht, daß jeder Akt der Kirche, wie der Akt der Heiligsprechung, in sich selbst notwendig unfehlbar ist. Die Zustimmung zu einem Akt der Kanonisation ist kirchlichen Glaubens, nicht göttlichen. Das bedeutet, daß der Gläubige glaubt, weil er das Prinzip annimmt, wonach die Kirche sich normalerweise nicht täuscht. Die Ausnahme beseitigt nicht die Regel. Ein deutscher theologischer Autor, Bartmann, vergleicht in seinem Handbuch der Theologischen Dogmatik (1962) den einem falschen Heiligen erwiesenen Kult mit der Ehre, die dem falschen Botschafter eines Königs erwiesen wird. Der Irrtum beseitigt nicht das Prinzip, nach welchem der König wahre Botschafter hat und die Kirche wahre Heilige kanonisiert.“

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