Unfehlbar? Eine Grundfrage

Eieieiei! Wenn also die Päpste sich auch manchmal bei Heiligsprechungen irren, so macht das gar nichts. Das Prinzip bleibt ja erhalten, weil doch etliche Heilige wirklich heilig sind, und das genügt schon für die Unfehlbarkeit! Donnerwetter! Man darf wohl annehmen, daß in diesem sehr „weiten Sinn“ der heilige Thomas seine Aussage bestimmt nicht verstanden hat. Unfehlbar bedeutet nach allen Regeln der Logik nichts anderes, als daß keine Ausnahme möglich ist. Alles andere wäre eben nicht unfehlbar, sondern fehlbar. Dazu genügt bereits die Möglichkeit des Irrtums, nicht die Notwendigkeit und nicht einmal die Tatsächlichkeit. Und gerade diese Möglichkeit wollte der heilige Thomas ausschließen (war er also vielleicht doch ein „Sedisvakantist“?). Es ist unglaublich, wohin man gelangt, wenn man die Quadratur des Kreises versucht und die Unfehlbarkeit mit dem Irrtum vermählen möchte. Da gibt es dann plötzlich eine im allgemeinen unfehlbare Kirche, die sich zwar in ihrer Gesamtheit nicht täuschen kann und es daher normalerweise auch nicht tut, aber in Ausnahmefällen dann doch, was aber nicht das Prinzip ändert oder die Regel beseitigt, weshalb wir getrost weiter an die Pseudo-Unfehlbarkeit einer solchen Pseudo-Kirche glauben dürfen. Das Credo werden wir daher demnächst umschreiben: „Ich glaube an die normalerweise (oder: in ihrer Gesamtheit) heilige … katholische Kirche“. Da sind uns dann doch die „Gewissensprobleme“ der „Sedisvaktantisten“ lieber.

4. Auf die Frage, wie man sich denn nun die Unfehlbarkeit der Kirche bei Heiligsprechungen vorzustellen habe, antwortet unser Professor mit der Unterscheidung zwischen dem außerordentlichen und dem ordentlichen Lehramt. Das Lehramt, so sagt er, könne auf unfehlbare Weise lehren entweder durch eine definitive Entscheidung des Papstes oder durch eine nicht definitive Handlung des ordentlichen Lehramts, wenn nämlich die betreffende Lehre ununterbrochen von der Tradition bewahrt und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt weitergegeben wurde. Analog verhalte es sich mit den dogmatischen Fakten und auch mit dem Kult der Heiligen. Die Kirche könne sich nicht täuschen, wenn sie ununterbrochen dogmatische Fakten oder liturgische Gewohnheiten oder eben Heiligenkult bestätige. So könne man etwa sicher sein, daß Hildegard von Bingen sich in der Glorie der Heiligen befinde und uns als Beispiel der Heiligkeit dienen könne, nicht weil sie von einem Papst feierlich kanonisiert worden ist, sondern weil ihr Kult ununterbrochen seit ihrem Tod von der Kirche anerkannt wurde. „Die Kirche täuscht sich nicht in ihrem universellen Lehramt, aber man kann einen begrenzten Irrtum der kirchlichen Autoritäten in Zeit und Raum zugeben…“

Wir unsererseits werden hier einen „begrenzten Irrtum“ des Herrn Professors feststellen müssen, der uns sehr an die Irrtümer der Gallikaner und Altkatholiken erinnert. Heinrich: „Bossuet und die ihm folgenden Gallikaner stellten die Behauptung auf, daß der apostolische Stuhl, das Papsttum oder, wie man dieses näher erklärte, die Reihenfolge der Päpste unfehlbar sei, nicht aber irgend ein einzelner Papst. Dieser könne eine irrige Lehrentscheidung erlassen, aber der apostolische Stuhl könne bei einem solchen Irrtum nicht verharren, vielmehr werde dieser Irrtum durch einen Nachfolger des irrenden Papstes verbessert werden.“ Eben ein „begrenzter Irrtum in Zeit und Raum“. „Diese zunächst bezüglich des Papstes aufgestellte Theorie wurde von den neuesten Häretikern (den Altkatholiken) auch auf den Episkopat mit Einschluß des Papstes ausgedehnt. Nachdem man nämlich die Vatikanische Lehrentscheidung über das unfehlbare Magisterium des Papstes, selbst nachdem der gesamte Episkopat zugestimmt, verworfen hatte, schritt man mit innerer Notwendigkeit zur Behauptung fort, daß mit dem jeweiligen Papst der gesamte jeweilige Episkopat in glaubenswidrigen Irrtum fallen könne; allein, meinte man in Anwendung der Bossuet’schen Theorie auf die Gesamtkirche, dieser Irrtum könne kein bleibender sein und eben darin bestehe die Unfehlbarkeit der Kirche, daß dieselbe über kurz oder lang sich wieder zurecht finde und durch ein künftiges Konzil oder einen künftigen Papst und Episkopat den Fehltritt verbessere“ (vgl. „Traditionalisten“ in Gefahr).

Der Herr Professor will uns hier ein „universelles Lehramt“ vorspiegeln, das irgendwie in der „Gesamtheit“ der Kirche liegt. Hingegen gilt: „In der Kirche steht die Lehr- und Richtergewalt in Glaubenssachen nur dem von Christus in Petrus und den Aposteln eingesetzten Lehramt zu; also weder der Gesamtheit noch irgendwelchen einzelnen, mit diesem Lehramt nicht betrauten Gläubigen … Nur durch diese infallible Lehramt ist die gesamte Kirche indefektibel im Glauben und nur dieses Lehramt ist nach göttlicher Einsetzung und nach der Natur der Dinge nächste Glaubensregel“ (Heinrich, Dogmatik Bd. II S. 176). Also auch wenn einige Heilige, die in der Kirche verehrt werden, nicht ausdrücklich vom Papst kanonisiert wurden, auch wenn manche jahrhundertealte liturgische Praxis nicht ausdrücklich vom Heiligen Stuhl promulgiert wurde, auch wenn einige ununterbrochen festgehaltene Lehren nicht ausdrücklich dogmatisiert wurden und einige dogmatische Fakten nicht definiert, so hängen sie in ihrer Unfehlbarkeit doch nicht von den Gläubigen, sondern vom Papst und den mit ihm verbundenen Bischöfen ab, weil diese nämlich in Ausübung ihres Amtes die jeweilige Verehrung, Praxis, Lehre etc. anhaltend gestattet und befördert und nicht verboten und unterdrückt haben. Gewiß muß ein Heiliger nicht erst feierlich kanonisiert worden sein, damit wir seiner Heiligkeit sicher sein können, es genügt zu wissen, daß das unfehlbare Lehramt der Kirche nie eingegriffen und diese Verehrung nie unterbunden hat, was es zweifellos getan hätte, wenn es sich nicht wirklich um eine heilige Person gehandelt hätte.

5. Professor Mattei faßt am Schluß seine Gedanken zusammen wie folgt: „Die Kanonisation von Johannes XXIII. Ist ein feierlicher Akt des Obersten Hirten, der aus der höchsten Autorität der Kirche fließt, und der mit allem gehörigen Respekt angenommen werden muß, aber in sich selbst kein unfehlbares Urteil darstellt. Um die theologische Sprache zu verwenden, es ist keine Lehre de tenenda fidei, sonder de pietate fidei. Da eine Kanonisation kein Glaubensdogma ist, besteht für die Katholiken nicht die Pflicht, ihr positiv anzuhangen. Die Einsetzung der Vernunft, verstärkt durch eine sorgfältige Untersuchung der Fakten, zeigt in aller Evidenz, daß das Pontifikat Johannes‘ XXIII. nicht von Nutzen für die Kirche war. … Im Zweifel halte ich mich an das vom I. Vatikanischen Konzil definierte Dogma, wonach es zwischen Glauben und Vernunft keinen Widerspruch geben kann. Der Glaube übersteigt zwar die Vernunft und erhebt sie, aber er widerspricht ihr nicht… Ich empfinde in meinem Gewissen, daß ich alle meine Vorbehalte gegenüber diesem Akt der Kanonisation beibehalten kann.“

Es freut uns sehr, daß der Herr Professor sich hier das Zeugnis eines so ruhigen Gewissens geben kann. Wir hätten damit offen gesagt ein wenig Probleme, wenn wir etwa seine Aussagen von oben mit denen eines anderen Theologen vergleichen, der sich ganz ähnlich geäußert hat: „Unfehlbarkeit, Untäuschbarkeit in diesem radikalen Sinn, meint also ein fundamentales Verbleiben der Kirche in der Wahrheit, das von individuellen Irrtümern nicht ausgelöscht wird. Aber die Wahrhaftigkeit der Kirche ist nicht absolut abhängig von explizit unfehlbaren Propositionen, sondern von ihrem Verbleiben in der Wahrheit durch alle – sogar irrige – Sätze hindurch.“ „Ein Teil oder ein anderer der Kirche kann irren, sogar die Bischöfe, sogar der Papst. Die Kirche kann sturmgeschüttelt werden, aber am Ende bleibt sie gläubig.“ „Die unverbrüchliche Festigkeit und unbeirrbare Wahrheit der christlichen Lehre hängt nicht ab von einer hierarchischen Ordnung. Sie wird gewahrt durch die Gesamtheit, das gesamte Volk der Kirche, welche der Leib Christi ist.“ Die erste dieser Aussagen stammt von Herrn Hans Küng, ebenfalls Professor, aus seinem berühmt-berüchtigten Buch „Unfehlbar? Eine Anfrage“, das zweite vom „Konzilstheologen“ Yves Congar, das dritte vom russisch-orthodoxen Theologen Alexei Khomiakov (beide ebenfalls zitiert bei Hans Küng a.a.O., hier leider nur in einer Rückübersetzung aus dem Englischen). In solcher Gesellschaft möchten wir uns nicht befinden. Unser Gewissen bleibt wesentlich ruhiger in der Gemeinschaft mit den Päpsten, dem heilgen Thomas und den bewährten katholischen Theologen Scheeben und Heinrich und Cano, auch wenn diese allesamt übertriebene Infallibilisten und damit definitionsgemäß „Sedisvakantisten“ sind.