Unfehlbar? Eine Grundfrage

6. Interessant ist hingegen eine Beobachtung des Herrn Professors Mattei vom Anfang seines Interviews, die uns auf die Fährte einer anderen beachtenswert irrigen Auffassung der Unfehlbarkeit führt. Er stellt fest, daß man heute den Eindruck habe, als wolle man das Prinzip der Unfehlbarkeit der Päpste durch das ihrer Unsündbarkeit ersetzen bzw. auf dieses ausdehnen. „Alle Päpste, oder vielmehr alle letzten Päpste seit dem II. Vatikanischen Konzil, werden als Heilige hingestellt. Es ist kein Zufall, daß die Kanonisationen von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. die Kanonisation von Pius IX. und die Seligsprechung von Pius XII. hintan ließen, während der Prozeß von Paul VI. Fortschritte macht. Es scheint fast, als solle ein Heiligenschein gelegt werden um die Ära des Konzils und Post-Konzils, um eine historische Epoche ‚unfehlbar zu machen‘, welche in der Kirche den Primat der pastoralen Praxis über die Doktrin entstehen sah.“

Tatsächlich ist es ja sehr auffällig, daß sämtliche „konziliaren Päpste“ uns als „Heilige“ präsentiert werden. Roncalli und Wojtyla alias Johannes XXIII. und Johannes Paul II. sind schon „kanonisiert“, die „Anzeichen für ein baldige Seligsprechung des Konzilspapstes Paul VI. (1963-1978) verdichten sich“ nach einer Meldung von KNA vom 7. Mai 2014. „Als möglichen Termin für die Seligsprechung nennt Vatican Insider den 19. Oktober.“ Am einfachsten wäre es freilich gewesen, wenn die „päpstliche Doppelspitze“ Bergoglio und Ratzinger am vergangenen „Barmherzigkeitssonntag“ nicht nur Roncalli und Wojtyla, sondern auch gleich Montini, Luciani und einander gegenseitig „heiliggesprochen“ hätte; dann hätten wir sie in einem Sack und wäre das „Sixpack“ der „Konzilspäpste“ auf einen Schlag vollständig gewesen. Die Sache wäre erledigt und wir hätten sie ein für allemal hinter uns gehabt. So aber werden wir uns wohl oder übel noch einige Male „empören“ und tiefsinnig über die Unfehlbarkeit von Kanonisationen spekulieren müssen.

Was hier jedoch zutage tritt, ist ein anderes, neues Konzept von Unfehlbarkeit. Man behauptet ja auf „Traditionalisten“-Seite gerne, die „konziliaren Päpste“ würden gar nicht mehr an ihre Unfehlbarkeit glauben und diese daher nicht mehr in Anspruch nehmen. Das ist ebenfalls ein beliebtes Argument dieser Kreise, um ihren Widerstand den in ihren Augen legitimen kirchlichen Autoritäten gegenüber zu rechtfertigen. In Wahrheit glauben die „konziliaren Päpste“ sehr wohl an ihre Unfehlbarkeit, und das sogar in einer geradezu absolutistischen Weise. In ihrer Sichtweise ist es tatsächlich so, daß sie mit traumwandlerischer Sicherheit in allen Dingen stets das Rechte tun und treffen, ohne je danebentreten zu können. Insbesondere stehen sie in ständigem Kontakt und unter ständigem inspirativem Einfluß des Himmels. Daher ist jede Idee, die ihnen durch den Kopf schießt, selbstverständlich dem Heiligen Geist selbst zuzuschreiben. Erst recht gilt das für Heiligsprechungen, weshalb sie auf Untersuchungen und Wunder gut und gerne verzichten können.

So war Roncalli bekanntlich überzeugt, daß die Idee zum „II. Vatikanum“ eine Inspiration von oben gewesen ist. „Wahrscheinlich am Montag, dem 19. Januar 1959, bereitete Johannes XXIII. sich auf den Abschluß der Gebetswoche für die Einheit der Kirche vor. Da wurde ihm eine ‚plötzliche und unerwartete Erkenntnis‘ zuteil. Er erfuhr – wie er selbst behauptet durch eine himmlische Stimme -, daß der Weg zur Einheit der Kirche über die Einberufung eines ökumenischen Konzils führe. So hat es jedenfalls der in Rom lebende Theologie-Professor, Pater Daniel Stiernon, berichtet. Johannes XXIII. erklärte aber auch selbst am 24. Januar 1960: ‚Als Wir in demütigem Gebet versunken waren, haben Wir in der Intimität und Schlichtheit Unseres Geistes eine göttliche Einladung zur Einberufung eines ökumenischen Konzils gehört.‘ Und an anderer Stelle sagte er, daß ihn der Konzils-Gedanke wie ein ‚tocco‘ – also wie ein ‚Stoß’– getroffen habe, und nochmals an anderer Stelle: ‚Wir glauben, es sei der höchste Wink Gottes gewesen, der Uns den Gedanken der Feier eines ökumenischen Konzils eingab wie die Blüte eines unerwarteten Frühlings’“ (Vom Lehramt zum Leeramt). Auch sonst sah er sich gerne als Prophet unter direktem himmlischem Einfluß.

Desgleichen ist von Wojtyla bekannt, daß für ihn „der Heilige Geist auf dem 2. Vatikanum unmittelbar zu den Konzilsvätern gesprochen“ hat. „Ja, diese haben direkt das Wort des Heiligen Geistes vernommen, es in menschliche Worte gefaßt und sodann der Welt kundgetan. Als ein solchermaßen verbürgtes ‚Wort des Heiligen Geistes‘ hat die Botschaft des Konzils unmittelbaren Offenbarungscharakter. Wojtyla verwechselt hier offensichtlich Unfehlbarkeit mit Inspiration und hebt infolgedessen die Konzilstexte auf die Ebene der Heilige Schrift, er macht sie zu einem Wort Gottes!“ Demgemäß kommt er zu einer ganz neuen Auffassung von Lehramt: „Das Lehramt ist für Karol Wojtyla nicht mehr im katholischen Sinne unfehlbar, sondern in einem charismatischen Sinne. Während das unfehlbare Lehramt der Kirche zur Bewahrung des göttlichen Glaubens von Jesus Christus eingesetzt wurde, ist das charismatische Lehramt ein Prophetenamt, das neue Wege auftut, also Offenbarungscharakter hat. Das charismatische Lehramt promulgiert nicht nur einen Text, der von Irrtümern frei ist, sondern einen, der selbst wieder Wort Gottes und Offenbarung ist“ (Vom Lehramt zum Leeramt IV.1).

Auch über Bergoglio, der sich ja in vielem als der direkte Erbe Roncallis sieht und sich beinahe „Johannes XXIV.“ genannt hätte, bezeugt sein Sekretär Alfred Xuereb, er sei „ein Mann mit einer tiefen Spiritualität“, und berichtet: „Er lässt sich von Gott vor allem durch das Gebet inspirieren. Ich denke beispielsweise an die Visite auf Lampedusa. Er kam auf diese Idee, nachdem er oft daran dachte, als er in die Kapelle in Santa Marta hereintrat. Er sprach immer davon, dass er zu den Menschen dort hingehen müsse, damit er die Überlebenden sprechen und die Tote beweinen könne. Als er merkte, dass er oft diese Idee hatte, wusste er, dass dies eine Eingebung Gottes sei. Er tat es, auch wenn er wusste, dass es wenig Vorbereitungszeit dafür gab. Dieselbe Methode benützt er, um Menschen für bestimmte Posten im Vatikan auszuwählen.“ Also selbst in Personalfragen erhält dieser ganz offensichtlich bereits heilige „Konzilspapst“ himmlische Eingebungen und trifft diese Entscheidungen daher unter unfehlbarer Inspiration.

7. Wir fassen zusammen. Während also „traditionell“ gesinnte Professoren und „traditionalistische“ Theologen sich in die alte anti-infallibilistische „Tradition“ der orthodoxen Schismatiker, die „Tradition“ von Bossuet und den Galllikanern, den Altkatholiken oder Alt-Modernisten wie Küng und Congar stellen und die Unfehlbarkeit mehr oder weniger, direkt oder indirekt leugnen, sind die Neo-Modernisten und Post-Modernisten wieder glühende Verfechter der Unfehlbarkeit, allerdings in einem neuen, charismatischen, prophetischen und allumfassenden Sinn, der bis hin zur Unsündbarkeit geht. Während erstere die päpstliche Unfehlbarkeit ganz bestreiten oder bis zur Marginalität reduzieren wollen, führen letztere sie durch Übertreibung und Mystifizierung ad absurdum. Wenn wir nun dem albernen Prinzip anhingen, wonach die Wahrheit stets in der Mitte steht, nun…

Doch wir wissen ohnehin, wo die Wahrheit steht. Wir halten es mit den katholischen Päpsten, den echten Heiligen, den bewährten katholischen Autoren und sind überzeugte „Infallibilisten“. Wir halten dies für eine Ehrensache unter uns Katholiken, mag man uns wie auch immer der „Übertreibung“ oder des „Sedisvakantismus“ zeihen. Zu allen Zeiten hat man den wahren Katholiken solche abwertenden Etiketten verpaßt, denken wir nur an den „Ultramontanismus“. Im Himmel werden es Ehrentitel sein.