Vom Lehramt zum Leeramt V

von antimodernist2014

In unserer Reihe der Konzilspäpste haben wir bereits gesehen: Angelo Roncalli, den “Propheten”, Giovanni Battista Montini, den “Macher”, und Karol Wojtyla, den “Wissenden”. Damit kommen wir zu Joseph Ratzinger.

Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI.: Der Ästhet

1. Von Johannes Paul II. zu Benedikt XVI.

Wie wir im letzten Artikel dargelegt haben, hat Karol Wojtyla einen bleibenden Eindruck in der Konzilskirche hinterlassen, was durchaus ganz wörtlich gemeint ist: Er hat der Konzilskirche das Siegel der Allerlösungslehre aufgedrückt. Diese teuflische Verkehrung der Erlösungswirklichkeit mit Hilfe einer scheinbar nur kleinen theologischen Nuance mußte natürlich auch die ganze neurömische Organisation, die sich fälschlicher Weise noch Kirche nennt, grundlegend verändern. Wojtyla hatte zudem so ganz nebenbei und, wie wir sahen, von den meisten Konzilschristen unbemerkt, das Lehramt der Kirche in ein charismatisches Prophetenamt umfunktioniert, das nunmehr auch „neue“ Wahrheiten – neben, außer, gegen – den überlieferten Glauben verkünden können soll. Solcher Art aus dem Irrtum geschaffenes „Wort Gottes“ ist freilich offen gegenüber jeglichem Irrtum aller Jahrhunderte, sodaß die verbindliche Lehre der Kirche plötzlich nur noch zeitbedingte Meinung sein will, die jederzeit ergänzungs-, erweiterungsfähig ist, ja aus den Zeitumständen heraus ergänzungsbedürftig erscheint. Der Testfall Assisi zeigte sodann auch der ganzen Welt, daß die Transformation der Kirche erfolgreich verlaufen war. Und beim Tod Karol Wojtylas war der Bewußtseinsveränderungsprozeß soweit vorangeschritten, daß eine Rückkehr nunmehr unmöglich schien. Dennoch stellte sich für die Revolutionäre die Frage: Wer sollte das Erbe Wojtylas antreten? Wer konnte das Erbe antreten und kongenial weiterführen – weiterführen und die entscheidende Nahtstelle bilden zum Danach?

Die Antwort auf diese Frage war Joseph Ratzinger. Dieser sollte und dieser konnte auch das Erbe im Sinne der Revolution weitertragen und weitertransformieren. Er konnte besonders dafür sorgen, daß es zu keiner reaktionären Gegenbewegung kommen würde. Ratzinger hatte nämlich genau das richtige Profil, um allen den Eindruck zu geben, es ist schon recht so, wie es der Römer macht. Joseph Ratzinger, der deutsche Professor, der große Theologe, der bewährte Glaubenshüter und jetzt der Papst der neurömischen Kirche – und in allem der Ästhet! Man kann wohl ohne Übertreibung sagen: Niemand konnte die alles zerfressende Unverbindlichkeit der ökumenisch-synkretistischen Konzilskirche nach Wojtyla verbindlicher darstellen als Josef Ratzinger. Alle Hoffnungen von den Progressisten bis hin zu den sog. Traditionalisten waren auf den deutschen Papst gerichtet, der seine Ästhetik meisterhaft als Verbindlichkeit zu verkaufen wußte. Es gab auch wirklich in der ganzen Welt wenige Männer, die wie Josef Ratzinger repräsentieren konnten. Wer konnte druckreif sprechen wie er? Wer konnte den Eindruck erwecken, über der Sache zu stehen wie er? Wer konnte Milde zeigen und zugleich streng sein wie er? Wäre Joseph Ratzinger länger im Amt geblieben, dann müßte man sich viel ausgiebiger mit ihm beschäftigen. Durch seinen überraschenden, oder auch nicht überraschenden Rücktritt, ist seine Zeit auf dem Stuhl Petri nicht mehr als ein Intermezzo, wenn auch als solches immer noch ein bedeutendes.

Schaut man heute auf das Jahr 2005 zurück, so fällt auf, daß nur ganz wenige wirklich begriffen, welch schwere Aufgabe Joseph Ratzinger nach 27 Jahren der Regierung Karol Wojtylas übernahm und wie er sie meisterte. Womöglich hat man auch deswegen einen Mann aus dem engsten Vertrautenkreis Wojtylas gewählt, um sein Werk bruchfrei weiterführen zu können. In der Tat kannte wohl kaum jemand Wojtyla so gut und genau wie Ratzinger, der langjährige Präfekt der Glaubenskongregation. Seite an Seite waren sie die ganze Zeit gestanden und ganz anders, als es sich manche Traditionalisten zusammenreimten, haben sie sich auch immer bestens verstanden, d.h. sie waren letztlich in einem ständigen geistigen Einvernehmen.

In einem Beitrag von Albert Link und Nikolaus Harbusch auf Bild.de war unlängst zu lesen: „Benedikt spricht voller Wärme und Zuneigung von Karol Wojtyla, der ihn einst nach Rom geholt, an dessen Sterbebett er gesessen hatte. ‚Ich konnte und ich durfte nicht versuchen, ihn zu imitieren‘, sagt Benedikt. Dennoch sei Johannes Paul II. ihm Vorbild gewesen – etwa darin, dass er nie den Applaus gesucht hat, sondern ‚Schläge‘ für seine Überzeugungen und seinen Glauben hingenommen habe: ‚Der Mut zur Wahrheit ist in meinen Augen ein erstrangiges Kriterium für Heiligkeit‘. Die Gegenwart des in Rekordzeit zum Heiligen avancierten Pontifex aus Polen spüre er noch immer: ‚Ich bin sicher, das mich seine Güte noch heute begleitet, und dass sein Segen mich beschützt.’“ Nein, Ratzinger konnte und durfte nicht versuchen, ihn zu imitieren, aber er durfte sein Erbe in die neue Zeit hineintragen – das war nämlich unbedingt notwendig, um es endgültig zu sichern.

2. Vom Modernismus zum Postmodernismus

Joseph Ratzinger wußte, was viele, ja womöglich die meisten noch in keiner Weise wahrgenommen hatten: Die Zeit des Modernismus geht zuende. Die letzten Modernisten sind inzwischen am Aussterben. Viele Modernisten, aber genauso Traditionalisten haben diese Tatsache bis heute vollkommen übersehen, Ratzinger nicht. Weil die meisten den geistesgeschichtlichen Wandel nicht wahrgenommen haben, dachten sie immer noch in den Kategorien des Modernismus, wohingegen Joseph Ratzinger schon postmodern dachte, was zwangsläufig zu Fehlinterpretationen und Mißverständnissen führen mußte. Benedikt XVI. machte den Schritt zum Postmodernismus vollkommen überlegt und planmäßig. Gleich zu Beginn seines Pontifikates hat er programmatisch den zu gehenden Weg erklärt und sodann alles getan, die Konzilskirche auf diesen neuen Weg bringen. Seine Ansprache an die Kardinäle beim Weihnachtsempfang 2005 ist sein Manifest der postmodernen Kirche.

Wenn man die Ansprache Benedikts XVI. an die Kardinäle beim Weihnachtsempfang 2005 liest, hat man zunächst den Eindruck, es gehe nur um eine Bestandsaufnahme 40 Jahre nach dem Konzil: „Welches Ergebnis hatte das Konzil? Ist es richtig rezipiert worden? Was war an der Rezeption des Konzils gut, was unzulänglich oder falsch? Was muß noch getan werden? Niemand kann leugnen, daß in weiten Teilen der Kirche die Konzilsrezeption eher schwierig gewesen ist…“ Aber nach einem eher als Ablenkung zu deutenden historischen Seitenblick auf die Zeit nach dem Konzil von Nizäa wird plötzlich das Thema geweitet und in eine ganz neue Richtung geführt: „Die Frage taucht auf, warum die Rezeption des Konzils in einem großen Teil der Kirche so schwierig gewesen ist. Nun ja, alles hängt ab von einer korrekten Auslegung des Konzils oder – wie wir heute sagen würden – von einer korrekten Hermeneutik, von seiner korrekten Deutung und Umsetzung. Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, daß zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen.“ Benedikt XVI. stellt also zwei Sichtweisen, oder besser gesagt Interpretationsweisen des Konzils entgegen: „Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich »Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches« nennen möchte; sie hat sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die »Hermeneutik der Reform«, der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität…“

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