Vom Lehramt zum Leeramt V

Da gibt es also nach ihm das unantastbare Konzil und dann noch die zwei unterschiedlichen Weisen der Interpretation: »Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches« und »Hermeneutik der Reform«. Spontan würde man nun die erste Hermeneutik der konservativen Seite zusprechen, die zweite der progressiven Seite. Dieses Mißverständnis ist auch wirklich bei nicht wenigen Konservativen oder auch Traditionalisten aufgetreten, sie haben offensichtlich den Text nicht aufmerksam genug gelesen – oder anders ausgedrückt: sie haben immer noch vom Modernismus her gedacht. Aber wenn man Benedikt XVI. aufmerksam folgt, so ist es ganz eindeutig, diejenigen, welche gemäß seiner Sicht der Dinge eine „Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches“ des Konzils geben, das sind die „alten“ Modernisten. Für sie war das Konzil doch eindeutig ein Bruch, ein neuer Anfang, ein neues Pfingsten, eine richtiggehende Revolution. Die Dynamik des Konzils war eindeutig darauf ausgerichtet, all die vielen alten und nutzlos gewordenen Dinge, die man bisher immer noch mit sich herumgeschleppt hatte, endgültig über Bord zu werfen. Der Konzilsgeist ist doch wesentlich ein Geist der Erneuerung, ja Veränderung, ein charismatischer Geist, der die verstaubten Überreste aus dem Mittelalter endgültig beseitigt haben möchte – und doch eigentlich auch hat! Der Konzilsgeist hat sich doch durchaus seine neue Konzilskirche geschaffen, eine neue Kirche auf die wir stolz sind, oder etwa nicht?

Benedikt belehrt die Modernisten vom alten Schlag, daß diese Sicht der Dinge ein Mißverständnis war, womit man „bereits im Ansatz die Natur eines Konzils als solchem“ verfehlt. Die Konzilsväter hätten durchaus nicht den Auftrag besessen, etwas derartiges zu tun, „weil die eigentliche Kirchenverfassung vom Herrn kommt, und sie uns gegeben wurde, damit wir das ewige Leben erlangen und aus dieser Perspektive heraus auch das Leben in der Zeit und die Zeit selbst erleuchten können“. Die Frage, wie denn dieses große und äußerst verhängnisvolle Mißverständnis überhaupt möglich geworden ist und immerhin auch die römischen Stellen in ihren Handlungen über Jahrzehnte bestimmen konnte, beantwortet Benedikt XVI. nicht. Er legt jedoch seinerseits in die Treue zum Erbe Christi eine Nuance hinein, die einem dann wiederum überrascht, da er in seinen Gedanken abschließend plötzlich behauptet, daß „in einem Konzil Dynamik und Treue eins werden müssen“ – erinnern wir uns, Ratzinger muß das Erbe Wojtylas verwalten, das immerhin eine ganz und gar erstaunliche Dynamik zeigte.

Doch verweilen wir hier noch ein wenig und blicken wir nochmals auf das so leichthin Gesagte zurück, um es geistesgeschichtlich besser einordnen zu können, denn gerade das ist notwendig. Zu Beginn unserer Erwägungen dazu müssen wir eine entscheidende Feststellung machen: Die eigentlich nur suggerierte Konstanz der Kirche vor und nach dem Konzil ist ein bloßes Postulat aus einer im Grunde inzwischen veralteten Lehre. Daß nämlich die Verfassung der Kirche göttlichen Ursprungs ist und deswegen unveränderlich sein soll, das glaubt heute wohl kaum noch jemand – wohl selbst Benedikt XVI. glaubt es nicht wirklich, wenn er seine eigene Ekklesiologie ernst nimmt, was man doch annehmen muß. Das Zweite ist, daß die ursprünglich progressiven Modernisten, die damals einhellig mit den Konservativen vom Bruch nach dem Konzil sprachen, nun plötzlich als rückständig gelten und dastehen. Ihre Sicht des Konzils gilt nämlich plötzlich als überholt und veraltet. Diese Situationsänderung läßt sich vergleichen mit dem Zustand in der ehemaligen Sowjetunion nach ihrem Zerfall. Die vormaligen Kommunisten, die noch ein gewisses nationales Element über die Perestroika hinweggerettet hatten, galten plötzlich als rechts! Wer also fortan in der Konzilskirche von einem Bruch nach dem Konzil spricht, oder zu sprechen wagt, der muß damit rechnen, als rückständig, ja womöglich konservativ zu gelten.

Mit dieser Neuinterpretation der Situation nach dem Konzil wird zugleich die theologische Grundsituation in der Konzilskirche völlig verändert, sie macht den Schritt vom Modernismus zum Postmodernismus. Während Karol Wojtyla diesen Schritt nur angedacht hat, vollzieht ihn Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. mit der Gründlichkeit eines deutschen Professors. Auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens fordert er im Laufe der Zeit seine Hermeneutik der Kontinuität ein, die für ihn immer eine Hermeneutik der Reform bleibt und niemals zur Hermeneutik der Restauration degenerieren darf.

Die Folgen des Schrittes von der modernen zur postmodernen Kirche demonstrierte Benedikt XVI. ebenfalls schon in seiner Ansprache. Man mußte eigentlich nur richtig hinhören, so entdeckte man einen wohldurchdachten Plan. Er erwähnte zunächst: „Der Hermeneutik der Diskontinuität steht die Hermeneutik der Reform gegenüber, von der zuerst Papst Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsansprache zum Konzil am 11. Oktober 1962 gesprochen hat und dann Papst Paul VI. in der Abschlußansprache am 7. Dezember 1965.“ Benedikt XVI. beruft sich auf die beiden Konzilspäpste Johannes XXIII und Paul VI., die ebenfalls von der Glaubensbewahrung sprachen und Revolution machten und er zitiert ersteren wie folgt: „…Es ist notwendig, die unumstößliche und unveränderliche Lehre, die treu geachtet werden muß, zu vertiefen und sie so zu formulieren, daß sie den Erfordernissen unserer Zeit entspricht…“ Benedikt erklärt dazu weiter: „Es ist klar, daß der Versuch, eine bestimmte Wahrheit neu zu formulieren, es erfordert, neu über sie nachzudenken und in eine neue, lebendige Beziehung zu ihr zu treten; es ist ebenso klar, daß das neue Wort nur dann zur Reife gelangen kann, wenn es aus einem bewußten Verständnis der darin zum Ausdruck gebrachten Wahrheit entsteht, und daß die Reflexion über den Glauben andererseits auch erfordert, daß man diesen Glauben lebt. In diesem Sinne war das Programm, das Papst Johannes XXIII. vorgegeben hat, äußerst anspruchsvoll, wie auch die Verbindung von Treue und Dynamik anspruchsvoll ist.“

In diesem Abschnitt seiner Ansprache kommt gleich viermal das Wort „neu“ vor. Warum ist es denn eigentlich gar so dringend notwendig, den Glauben gar so neu zu überdenken, wenn doch sowieso letztlich alles beim Alten bleiben soll? Diese Frage kommt einem Katholiken sicherlich ganz spontan in den Sinn, wenn er diese Zeilen liest. Nun, weil, wie wir schon gehört haben, der „Hermeneutik der Diskontinuität“ die „Hermeneutik der Reform“ gegenübersteht – und nicht die „Hermeneutik der Kontinuität“, wie manch Konservative Ratzinger mißverstanden haben. Wobei jedoch, wie uns Benedikt XVI. zudem versichert, diese „Hermeneutik der Reform… äußerst anspruchsvoll (ist), wie auch die Verbindung von Treue und Dynamik anspruchsvoll ist“.

Da kann man Benedikt XVI. nur recht geben, die Verbindung von Quadrat und Kreis ist wirklich äußerst anspruchsvoll, weil ganz und gar unmöglich, weshalb man ja auch von der Quadratur des Kreises spricht. Der Dialektiker Joseph Ratzinger versteckt jedoch diese Unmöglichkeit äußerst geschickt hinter seiner „Hermeneutik der Reform“, durch welche angeblich die Kontinuität nicht aufgehoben, sondern bewahrt werden soll. Darum nochmals, nun etwas ausführlicher, sein Postulat: „Aber überall dort, wo die Rezeption des Konzils sich an dieser Auslegung orientiert hat, ist neues Leben gewachsen und sind neue Früchte herangereift. 40 Jahre nach dem Konzil können wir die Tatsache betonen, daß seine positiven Folgen größer und lebenskräftiger sind, als es in der Unruhe der Jahre um 1968 den Anschein haben konnte. Heute sehen wir, daß der gute Same, auch wenn er sich langsam entwickelt, dennoch wächst, und so wächst auch unsere tiefe Dankbarkeit für das Werk, das das Konzil vollbracht hat.“ Wir zurückgebliebenen Katholiken, die immer noch von einem Bruch nach dem Konzil sprechen – oder träumen wir nur noch davon? – dürfen nun zur eigenen Überraschung „unsere tiefe Dankbarkeit für das Werk, das das Konzil vollbracht hat“ zum Ausdruck bringen.