Vom Lehramt zum Leeramt V

Damit dieses Postulat nicht allzu plump wirkt und allzu leicht durchschaut werden kann, greift Benedikt XVI nochmals auf die „Hermeneutik der Diskontinuität“ zurück, um eventuellen Verständnisschwierigkeiten entgegenzuwirken. Er geht auf die große Kontroverse um den Menschen ein und stellt apodiktisch fest: „Das Konzil mußte das Verhältnis von Kirche und Moderne neu bestimmen.“ Schon wieder ein „neu“ im Wortschatz des postmodernen Benedikt und ein „mußte“. Auf die einzelnen Beispiele für das Zerwürfnis der „heutigen Welt“ mit der Kirche möchten wir hier nicht weiter eingehen, weil das viel zu weit führen würde und für unser Thema auch nicht notwendig. Die Beispiele wollen den Graben beschreiben, der zwischen der Kirche der modernen Welt entstanden ist. Josef Ratzinger kommt zu dem vermeintlich endgültigen Schluß: „Es gab somit scheinbar keinen Bereich mehr, der offen gewesen wäre für eine positive und fruchtbare Verständigung, und diese wurde von denjenigen, die sich als Vertreter der Moderne fühlten, auch drastisch abgelehnt.“

War damit also alles gesagt und alles aus? Nein, durchaus nicht, denn der Dialektiker Ratzinger stellt zugleich fest: „In der Zwischenzeit hatte jedoch auch die Moderne Entwicklungen durchgemacht.“ Benedikt XVI. bringt nun auch hierzu einige historische Beispiele, durch die er seine Ansicht stützen möchte. Auch auf diese soll hier nicht im Einzelnen eingegangen werden. Wir möchten nur auf eines hinweisen: Die Darstellungsweise Benedikts zeigt ganz deutlich, daß er selbst ganz modern denkt. Nur deshalb kann er auch eine positive Entwicklung der Moderne sehen und diese Entwicklung in dieser Weise interpretieren. Er schließt seine Darstellung dann folgendermaßen ab: „All diese Themen sind von großer Tragweite – es waren die großen Themen der zweiten Konzilshälfte –, und es ist in diesem Zusammenhang nicht möglich, sich eingehender mit ihnen zu befassen. Es ist klar, daß in all diesen Bereichen, die in ihrer Gesamtheit ein und dasselbe Problem darstellen, eine Art Diskontinuität entstehen konnte und daß in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war. Trotzdem stellte sich jedoch heraus, daß, nachdem man zwischen verschiedenen konkreten historischen Situationen und ihren Ansprüchen unterschieden hatte, in den Grundsätzen die Kontinuität nicht aufgegeben worden war – eine Tatsache, die auf den ersten Blick leicht übersehen wird.“

Bis zu einem gewissen Punkt ist Benedikt XVI. immer noch ehrlich. Er kann schließlich die Tatsache der „Diskontinuität“ nicht einfach übergehen, sie völlig hinweginterpretieren. Dennoch möchte er den Konflikt nicht als unüberwindlich stehen lassen, sondern ihn relativieren, indem er auf die konkreten historischen Situationen eingeht und dann erstaunlicher Weise bei all den so weit reichenden Diskontinuitäten plötzlich und ganz und gar überraschend wieder postuliert, „in den Grundsätzen (wäre) die Kontinuität nicht aufgegeben worden“. Das müssen schon sehr flexible Grundsätze sein, die solcher Differenzen überbrücken und überstehen können – „eine Tatsache, die“ nicht nur „auf den ersten Blick leicht übersehen wird“, sondern auch so sehr überrascht, daß man sie gar nicht glauben kann – und auch über lange Zeit nicht einfach nur übersehen, sondern sogar ganz anders gesehen hat.

An dieser Stelle müssen wir nochmals eine Zäsur machen und auf etwas ganz Wichtiges hinweisen, das den Modernismus vom Postmodernismus unterscheidet. Noch vor 25 Jahren hätte die Behauptung Benedikts, „in den Grundsätzen (wäre) die Kontinuität nicht aufgegeben worden“, ein Hohnlachen ausgelöst. Wenn er heute aus dieser Diskontinuität einfach wieder eine Einheit in den Grundsätzen als Tatsache behaupten kann, dann deswegen, weil im Postmodernismus die Antithese zum Modernismus wegfällt. Die Antithese zum Modernismus ist „das Alte“, ist die überwundene Vergangenheit, ist das Ewiggestrige. Ein Modernist würde, um ein Beispiel zu nennen, niemals die tridentinische Messe zelebrieren, niemals! Er würde das niemals tun, weil diese Art der Liturgie für ihn Vergangenheit ist, überwundene, abgelehnte, schon lange verstaubte Vergangenheit. Für einen Postmodernisten ist das nicht mehr so. Für ihn existiert diese Antithese des Alten nicht mehr. Der Postmodernist ist anders als der Modernist offen für alles, weil er gegen nichts mehr ist, da er keinerlei Unterscheidungskriterien zwischen richtig und falsch, Wahrheit und Irrtum mehr besitzt. Wenn man nun von Seiten der Tradition dieses „nicht-mehr-gegen-die-Alte-Messe-sein“ so interpretiert, als wäre der Postmodernist für die alte Messe, dann ist das ein verheerendes Fehlurteil, das aus der Unwissenheit kommt und die schlimmsten Folgen nach sich zieht. Weil der Postmodernist gegen nichts mehr ist, ist er genauso gut auch für alles. Er ist nicht nur für die alte Messe, er ist auch für die Charismatiker, den Zen Buddhismus, usw. Diesem Postmodernisten kann man natürlich sehr leicht einreden, zwischen der vor- und der nachkonziliaren Kirche gäbe es keinen wesentlichen Unterschied, weil es für ihn gar keine wesentlichen Unterschiede mehr gibt! Die Diskontinuität zwischen dem katholischen Glauben und der Moderne ist für ihn nur oberflächig, im Grunde, wenn man nur weit und tolerant genug ist, kommt man doch ganz gut in allem überein: „So können die grundsätzlichen Entscheidungen ihre Gültigkeit behalten, während die Art ihrer Anwendung auf neue Zusammenhänge sich ändern kann.“

Ratzinger demonstriert diese Einsicht besonders am Beispiel der Religionsfreiheit. Man müsse nur genügend die geschichtlichen Umstände berücksichtigen, dann würde man sehen, daß die Religionsfreiheit immer schon Lehre der Kirche war. „Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen.“ So einfach ist also die Quadratur des Kreises. Und dann nochmals etwas allgemeiner: „Das Zweite Vatikanische Konzil hat durch die Neubestimmung des Verhältnisses zwischen dem Glauben der Kirche und bestimmten Grundelementen des modernen Denkens einige in der Vergangenheit gefällte Entscheidungen neu überdacht oder auch korrigiert, aber trotz dieser scheinbaren Diskontinuität hat sie ihre wahre Natur und ihre Identität bewahrt und vertieft. Die Kirche war und ist vor und nach dem Konzil dieselbe eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die sich auf dem Weg durch die Zeiten befindet; sie »schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin« und verkündet den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. Lumen gentium, 8).“ Wie gesagt, dies kann Joseph Ratzinger, ohne mit Hohnrufen und Gelächter bedacht zu werden, zu den Postmodernisten sagen. Die Modernisten alter Prägung, die freilich am Aussterben sind, werden sich darüber sehr verwundert und gedacht haben: Da hätten wir uns die letzten 40 Jahre ganz schön getäuscht mit unserer neuen Kirche und den neuen Sakramenten und den neuen Liturgien. – Oder haben sie sich nur geärgert?

Joseph Ratzinger ist ein Intellektueller, ein gelehrter Professor. Er kann es darum nicht lassen, in seiner Ansprache noch einmal anzusetzen, um auf sein Steckenpferd zu sprechen zu kommen, Glaube und Vernunft. Er sagt: „Der Schritt, den das Konzil getan hat, um auf die Moderne zuzugehen, und der sehr unzulänglich als »Öffnung gegenüber der Welt« bezeichnet wurde, gehört letztendlich zum nie endenden Problem des Verhältnisses von Glauben und Vernunft, das immer wieder neue Formen annimmt.“

Eines erstaunt doch ein wenig, wie kann der gelehrte Professor in seiner Ausführung gerade das nicht in den Blick bekommen, was das Eigentliche dieses Problems seit der Neuzeit ausmacht? Das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft hat sich doch gerade durch die moderne Philosophie entscheidend, ja wesentlich verändert. Es hat sich so sehr verändert, daß beide Bereiche vollkommen auseinandergefallen sind. Man müßte doch meinen, daß Joseph Ratzinger gerade dieses Problem bekannt ist und daß er deswegen bei diesem Thema ganz besonders vorsichtig wird, weil es darin um alles geht. Aber leider ist das in keiner Weise der Fall, womit er sich in seinem Denken voll und ganz als Modernist zeigt (auch Postmodernisten sind von ihrem Denksystem her immer noch Modernisten, aber Modernisten, die auch noch ihren letzten Zahn verloren haben, wie wir gesehen haben). Der Modernist hat diesen Konflikt zwischen Glaube und Vernunft dadurch gelöst, daß er den Glauben der Vernunft untergeordnet hat, indem er ihn, den Glauben nämlich, der modernen Wissenschaft nachordnet. Dieser Glaube darf und will und kann nichts mehr sagen, was den vermeintlichen Ergebnissen dieser Wissenschaft entgegensteht. Nur auf dieser Grundlage kann man erklären, daß Joseph Ratzinger zu behaupten wagt: „Die Situation, der das Konzil gegenüberstand, kann man ohne Weiteres mit Vorkommnissen früherer Epochen vergleichen“ – und hierauf als Beispiel bringt, daß zur Zeit der Apostel „der biblische Glaube mit der griechischen Kultur ins Gespräch treten“ und im 13. Jahrhundert die Philosophie des Aristoteles rezipiert wurde.