Vom Lehramt zum Leeramt V

Beide Behauptungen wären wiederum eine eigene und dazu noch recht umfangreiche Arbeit wert. Wir können hier in Kürze nur soviel sagen: Benedikt XVI. versucht uns hier ein X für ein U vorzumachen, denn er vergleicht zwei Sachverhalte, die im Grunde nichts miteinander zu tun haben, weshalb natürlich auch seine Schlußfolgerung falsch sein muß. Benedikt XVI. meint jedenfalls abschließend sagen zu können: „Das mühsame Streitgespräch zwischen moderner Vernunft und christlichem Glauben, das mit dem Prozeß gegen Galilei zuerst unter negativem Vorzeichen begonnen hatte, kannte natürlich viele Phasen, aber mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam die Stunde, in der ein Überdenken auf breiter Basis erforderlich geworden war. Sein Inhalt ist in den Konzilstexten natürlich nur in groben Zügen dargelegt, aber die Richtung ist damit im Wesentlichen festgelegt, so daß der Dialog zwischen Vernunft und Glauben, der heute besonders wichtig ist, aufgrund des Zweiten Vaticanums seine Orientierung gefunden hat. Jetzt muß dieser Dialog weitergeführt werden, und zwar mit großer Offenheit des Geistes, aber auch mit der klaren Unterscheidung der Geister, was die Welt aus gutem Grund gerade in diesem Augenblick von uns erwartet.“

Es war also ein mühsames Streitgespräch zwischen moderner Vernunft und christlichem Glauben, das durch das Konzil seine Orientierung gefunden hat. Und damit wir Katholiken uns ja schön demütig den neuen Erkenntnissen beugen, wird wieder einmal der Galilei-Komplex bedient, dieser inzwischen eingefahrene Minderwertigkeitskomplex fast aller Katholiken, und es wird uns sodann auch noch glauben gemacht, daß dies alles nur gut für uns sei. Aber das ist durchaus nicht der Fall. Man könnte das Ganze nämlich auch anders formulieren: Auf dem sog. II. Vatikanischen Konzil hat die Neue Kirche vor der vermeintlichen Vernunft der Moderne kapituliert und sich deren Irrtümer systematisch zu eigen gemacht. Daß die postmoderne Kirche dieser postmodernen Zeit irgendetwas entgegenhalten könnte, das ist nun wirklich nur noch reines Wunschdenken Joseph Ratzingers. Im Gegenteil, man wird weiter hinter der Welt herlaufen müssen, um nicht zu sagen, hinterherhecheln müssen – auch das ist schließlich ein wesentlicher Aspekt der nachkonziliaren Ära. Eines ist uns Antimodernisten jedenfalls sicher: damit ist dann der Glauben vollkommen zerstört, denn vom übernatürlichen, vom katholischen Glauben bleibt schließlich nicht einmal mehr die Asche übrig.

3. Der Papst als Privattheologe

Benedikt XVI. wurde von den Medien als der größte modernistische Theologe des 20. Jahrhunderts und womöglich auch noch des 21. Jahrhunderts gefeiert. Der Theologe Joseph Ratzinger ist auch wirklich eine Sonderform eines modernistischen Theologen, was sich irgendwie auch in seiner Rolle als „Papst“ zeigen mußte. Anders als viele Modernisten hatte Joseph Ratzinger noch Stil und zudem strahlte er, wie schon gesagt, eine gewisse Art von Verbindlichkeit aus. Auch als Benedikt XVI. blieb Ratzinger ein Theologieprofessor, also ein Privatgelehrter. Darum veröffentlichte er als „Papst“ sein Buch über „Jesus von Nazareth“. Auch diese Nuance des neuen, modernistischen „Papsttums“ wurde von den meisten Traditionalisten geflissentlich übersehen. Der Wuppertaler Bibelwissenschaftler Thomas Söding, Mitglied der Internationalen Theologenkommission des Vatikan, hingegen hielt dies schlechthin für „revolutionär“. Söding sagte damals über das neue Buch: „Das gab es noch nie in der Geschichte, daß ein Papst ein wissenschaftliches Jesusbuch schreibt. Hier zeigt sich ein ganz neuer Stil des Papsttums: Der Stellvertreter Christi auf Erden formuliert kein Dogma, sondern sagt ‚Das ist meine Beobachtung als Theologe, lest das kritisch und diskutiert darüber!’ Das halte ich für revolutionär.“

Man muß, was wir hoffentlich inzwischen ein wenig gelernt haben, auf die Sprache des Modernisten Prof. Söding achten: „Der Stellvertreter Christi auf Erden formuliert kein Dogma“, das will heißen: Der Papst hört auf zu lehren, verbindlich zu sprechen, vorzuschreiben – was er zwar die letzten Jahrzehnte sowieso schon nicht mehr getan hat, bzw. gemäß den modernistischen Professoren sowieso nicht mehr tun durfte und konnte. Aber Josef Ratzinger geht noch einen Schritt weiter als seine Vorgänger, und man wird Prof. Söding durchaus recht geben müssen, wenn er meint: „…daß ein Papst ein wissenschaftliches Jesusbuch schreibt… Das halte ich für revolutionär. Revolutionär ist genauer gesagt das: Benedikt XVI. verzichtet explizit, ausdrücklich, also für jeden sichtbar auf seine päpstliche Autorität und schreibt sein Jesus-Buch als bloßer Privattheologe, also als Joseph Ratzinger.“ Der Interviewer trifft dann auch mit seiner nächsten Frage den Nagel auf den Kopf: „Der Papst verläßt also sozusagen den Heiligen Stuhl…“

Wenn das kein seltsames Schauspiel für die ganze Welt ist: Der Papst verläßt den Heiligen Stuhl, den er vor noch gar nicht so langer Zeit bestiegen hat, wieder, um vor aller Welt seine private Meinung über Jesus von Nazareth kund zu tun. Prof. Söding meint dazu: „Er ist als Bischof Lehrer der Kirche. Und er spielt die Karte der Wissenschaft aus. Er stellt sich der Diskussion und macht sich bewußt angreifbar. Was er jetzt braucht, sind viele intelligente und kritische Leser, die nicht vor Ehrfurcht in die Knie gehen, sondern das offene Gesprächsangebot ernst nehmen.“ Für Herrn Prof. Söding ist offensichtlich die Wissenschaft interessanter als die kirchliche Lehre und die Meinung wichtiger als die Wahrheit. Für ihn „stellt sich der Papst der Diskussion und macht sich bewußt angreifbar“. Er braucht deswegen „viele intelligente und kritische Leser, die nicht vor Ehrfurcht in die Knie gehen, sondern das offene Gesprächsangebot ernst nehmen“. Wir sollten uns hierzu erinnern, für die Modernisten ist die Suche nach der Wahrheit wichtiger als die Wahrheit, weil man die Wahrheit sowieso niemals wirklich und genau wissen kann und wohl auch gar nicht will.

Aber gehen wir der Sache noch etwas gründlicher nach? Wenn der Papst den hl. Stuhl verläßt, was ist dann? Dann ist der Stuhl leer – so muß man doch wohl annehmen. Wenn wir uns hierzu all das in Erinnerung rufen, was wir über die Päpste des Konzils und Johannes Paul II. gehört haben, dann darf man sich doch durchaus die Frage stellen: Haben die Konzils-„Päpste“ den Stuhl Petri nicht schon lange verlassen, weil sie das Lehramt vollkommen umfunktioniert und der göttlichen Lehre entleert haben? Ist ein Lehramt, das nichts anderes als ein charismatisches Prophetenamt ist, nicht immer angreifbar, weil es keinerlei Grundlage in der göttlichen Offenbarung hat. Mit anderen Worten ausgedrückt: Ist ein solches Lehramt nicht bloße Fiktion und des eigentlichen Sinnes entleert?