Vom Lehramt zum Leeramt V

Ein wahrer Papst soll sich doch als Papst gerade nicht „bewußt angreifbar“ machen und „das offene Gesprächsangebot ernst nehmen“, sondern er soll sich, wenn dies der Glaube der Kirche erfordert – und heutzutage erfordert er es im höchsten Maße – in die theologische Diskussion einschalten, er soll diese lenken und auch entscheiden, indem er die göttlich geoffenbarte Wahrheit darlegt und die entgegenstehenden Irrtümer verurteilt. Dafür hat ihn Gott schließlich das Petrusamt übertragen, das ist seine erste, seine Hauptaufgabe. Und es gäbe etwa in Bezug auf unseren Herrn Jesus Christus in der modernistischen Exegese durchaus eine ganze Reihe von gefährlichen Irrtümern, die schon lange korrigiert werden müßten. Es gibt in der modernistischen „Jesusforschung“, wie das im modernistischen Sprachgebrauch heißt, unzählige Ansichten, die den Glauben nicht nur gefährden, sondern ihn vollkommen zerstört haben, weil sie aus Jesus von Nazareth einen bloßen Menschen machen, sodaß also genügend Handlungsbedarf für das kirchliche Lehramt gegeben wäre – exegetisch gesehen ist es durchaus nicht mehr fünf vor zwölf, sondern schon mindestens fünf nach zwölf. Dennoch meinte Benedikt XVI., keine lehramtlichen Entscheidungen fällen, sondern nur ein Buch schreiben zu müssen, das einen Diskussionsbeitrag zur modernistischen Exegese liefert. Denn von der modernistischen Exegese und ihren philosophischen Grundlagen distanziert sich der Theologe Joseph Ratzinger in seinem Buch natürlich in keiner Weise. Er macht es nur, wie schon so oft: „Den Auswüchsen, von denen er sich (oft durch glücklicherweise beißende Entgegnungen) distanziert hält, setzt er nie die katholische Wahrheit entgegen, sondern einen offensichtliche gemäßigteren Irrtum, der aber in der Logik des Irrtums zu den gleichen zerstörerischen Schlußfolgerungen führt.“ So das Urteil von Mgr. Spadafora in dem Buch „Die ‚Neue Theologie’“ von 1995.

In dem Interview wird Prof. Söding noch gefragt: „Wird sich der Papst auch an den Diskussionen beteiligen?“ Darauf Söding: „Er wird sich zurückhalten. Er kann ja bei seinen vielen Amtspflichten nicht auf Kongresse gehen, um sein Buch zu verteidigen. Er hat aber einen wichtigen Anstoß gegeben und fordert die Theologie heraus.“

Genau so ist es. Der Papst im modernistischen Sinne ist nur noch der Moderator einer verselbständigten Theologenmeinung. Darum kann und darf er nicht mehr als einen Anstoß zur weiteren theologischen Diskussion geben, die selbstredend ins Unendliche fortgeführt werden kann, ja muß. Denn bleibende Einsichten, geschweige denn Wahrheiten, gibt es in diesem System schon lange nicht mehr. Darum wäre auch ein 30-seitiges Dokument, in dem die Irrtümer der modernen Exegese aufgearbeitet und verurteilt würden, für die Kirche 1000mal wertvoller gewesen als das 400-seitige Ratzinger-Buch über Jesus von Nazareth – selbst wenn dieses ganz katholisch wäre! Aber Benedikt XVI. zieht es inmitten des größten geistesgeschichtlichen Kampfes, den die Kirche je zu bestehen hatte, vor, den Stuhl Petri zu verlassen und ein privates Jesusbuch zu schreiben, womit er die modernistische Diskussion anregen möchte, anstatt in den Kampf einzutreten und für die Verteidigung der göttlichen Wahrheit all seine Kräfte einzusetzen.

In dem Interview wird noch die abschließende Frage gestellt: „Was kann das Buch aus ihrer Sicht bewirken?“ Worauf Prof. Söding antwortet: „Es ist ein gutes Buch und wird die Diskussion anregen. Denn es macht die weitere exegetische Debatte keineswegs überflüssig. Viele Fragen bleiben offen. Der Papst will ja auch gerade nicht sagen ‚Hier ist der Weisheit letzter Schluß und ab jetzt wird keine Jesusforschung mehr getrieben.‘ Im Gegenteil! Die Leser sollen ja diskutieren, wieso dieser Jesus einerseits so fasziniert und andererseits so irritiert.“

So ist die Sicht in der modernistischen Konzilskirche: Dieses Buch ist „ein gutes Buch und wird die Diskussion anregen“. Und das ist gut so, denn: „Die Leser sollen ja diskutieren, wieso dieser Jesus einerseits so fasziniert und andererseits so irritiert“. Die Konzilskirche ist nun mal die Kirche der endlosen Diskussionen. Immer wieder darf man darüber reden und nachdenken, warum „dieser Jesus einerseits so fasziniert und andererseits so irritiert“. Er ist eben doch ein besonderer Mensch dieser Jesus von Nazareth, von dem jeder glauben kann, was er will. Wenn nur die Sache Jesu weitergeht, dann ist alles in Ordnung. Zu so einer „Theologie“ paßt natürlich kein unfehlbares Lehramt mehr, sondern nur noch ein Leeramt, das sich bei all diesem leeren Geschwätz eifrig beteiligt und zu immer neuen und weiteren Diskussionen anregt. Genau das hat der größte Theologe des 20. Jahrhunderts Joseph Ratzinger mit seinem Jesusbuch getan, als er schon Benedikt XVI. war und gerade den Stuhl Petri verlassen hatte (bevor er ihn dann ganz offiziell verließ und sich ganz ins Private zurückzog).

4. Benedikt XVI. und die alte Messe

Wäre Benedikt XVI. länger im Amt geblieben, dann hätten wir uns noch viel ausgiebiger mit ihm beschäftigen müssen. Durch seinen Rücktritt ersparte er uns wenigstens großteils diese mühevolle Arbeit. Noch während seiner Amtszeit etwa begannen wir eine Studie über seine erste Enzyklika „Deus Caritas est“, die aber mit der Zeit einen solchen Umfang annahm, daß wir sie bis zum Rücktritt nie fertigstellten. Es war ganz eigenartig zu beobachten, wie sowohl Modernisten als auch Traditionalisten Ratzinger systematisch mißverstanden. Sein konservativer Ruf wollte nun auch wirklich in keiner Weise zu seiner Theologie, aber auch nicht zu seiner Fähigkeit passen, geistesgeschichtlich ganz auf der Höhe der Zeit zu sein. Er zeigte auch im Alter eine erstaunliche geistige Regsamkeit und Übersicht. Während Benedikt XVI. schon lange vorwärtsschaute, blickten selbst die progressivsten Modernisten immer noch zurück.

Bei den Traditionalisten zeigte sich ihr Fehlurteil über den größten Theologen des 20. Jahrhunderts besonders, als Benedikt XVI. mit vollkommener Souveränität die „alte“ Messe wieder zuließ. Es offenbarte schon eine vollkommene Verblendung, wenn man die Kommentare, Reaktionen, Freudenkundgebungen mancher Traditionalisten las oder sah. Damit offenbarten die meisten Traditionalisten, daß sie nicht mehr fähig waren, über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen – und wirklich in ein geistiges Ghetto abgeglitten waren, aus dem sie nun die Modernisten befreien sollten. Unsinniger kann man sich das Ganze kaum mehr ausmalen.