Vom Lehramt zum Leeramt V

Als Benedikt XVI. die „alte“ Messe in der Form von 1962 als außerordentlichen Ritus auf der Grundlage der Theologie der Neuen Messe offiziell für die Menschenmachwerkskirche des Konzils wieder zuließ, tat er genau das, was er in seiner Ansprache an die Kardinäle beim Weihnachtsempfang 2005 theoretisch dargelegt hat. Er interpretierte aufgrund der Hermeneutik der Kontinuität die Einheit der beiden Riten der Kirche auf der Grundlage der Theologie der „Neuen Messe“, um sie beide durch ihre fortan erhoffte gegenseitige Befruchtung vor einer ideologischen Erstarrung zu bewahren und in die Hermeneutik der Reform einzufügen. Ein besseres Schulungsbeispiel könnte man sich gar nicht ausdenken! Seltsam war nur das eine, sowohl die Modernisten als auch die Traditionalisten haben nicht verstanden, um was es eigentlich gegangen ist – oder ist das vielleicht doch gar nicht so seltsam, weil für Ratzinger sowohl die Modernisten als auch die Traditionalisten schon zum Alten Eisen zählen? Jedenfalls geben ihm die Reaktionen der einen wie der anderen recht, sie gehörten offensichtlich zum Alten Eisen – wohingegen Josef Ratzinger souverän über ihnen stand.

5. In den Fußstapfen Karol Wojtylas

Einleitend haben wir das Bekenntnis Benedikts XVI. gehört: „Ich bin sicher, dass mich seine Güte noch heute begleitet, und dass sein Segen mich beschützt.“ Benedikt XVI. hatte damit seinen von ihm hochgeschätzten Vorgänger gemeint, dessen Selig- und Heiligsprechung er auch in Rekordtempo vorantrieb, alle Regeln der Klugheit beiseitelassend, ja verachtend muß man wohl schon sagen. Es war ein weiteres seltsames Phänomen der Amtszeit Joseph Ratzingers, viele meinten, er müsse und würde anders als Karol Wojtyla handeln. Ständig erwarteten deswegen manche von ihm Worte und Taten, die er niemals im Sinne hatte. Er wußte sich ganz seinem Vorgänger verpflichtet und wollte auch niemals etwas anderes, als dessen Erbe weiterführen. Nur oberflächliche Zeitgenossen konnten anderes erwarten, deren es aber offensichtlich recht viele gab.

Aber lassen wir ganz einfach die Taten sprechen:

    2005: Beseitigung der Tiara aus dem Papstwappen
    März 2006: Der Papst verzichtet nach 1.500 Jahren auf den Titel eines „Patriarchen des Abendlandes“, wohl als ökumenische Geste gegenüber der Orthodoxie.
    21.10.2007: Interreligiöse Versammlung in Neapel
    28.04.2008: Besuch der Synagoge von New York
    15.07.2009: Besuch der Moschee des Felsendoms von Jerusalem;
    12.05.2009: Jüdisches Rituell an der Klagemauer
    November 2009: Benedikt XVI. ermöglicht mit einem Erlass kollektive Übertritte von Anglikanern zur katholischen Kirche unter weitgehender Beibehaltung ihrer Traditionen.
    17.01.2010: Besuch der Synagoge von Rom
    14.03.2010: Aktive Teilnahme am lutherischen Kult in Rom
    01.05.2011: Seligsprechung Johannes Pauls II.
    27.10.2011: Wiederholung des Religionstreffens von Assisi, wobei als Neuheit hinzukam, daß auch Persönlichkeiten aus der Welt der Wissenschaft und Kultur, die sich als Nicht-Gläubige oder Nicht-Religiöse bezeichnen, ebenfalls zur Teilnahme eingeladen worden sind.

Aus diesen wenigen Ereignissen kann jeder den Geist Karol Wojtylas herauslesen, den Joseph Ratzinger offensichtlich ganz treu weiter verfolgt. Als dieser zum Papst gewählt wurde und schließlich auf den Balkon hinaustrat, wirkte er recht unsicher und fast ein wenig verlegen. Aber in kürzester Zeit erlernte er die Kunst, im Rampenlicht der Weltpresse zu stehen und eignete sich das Gehaben und die Gestik seines Vorgängers an, auch er zog winkend und Beifall heischend durch die Menschenmengen – nicht mehr segnend, wie es die richtigen Päpste in früheren Zeiten taten.

6. Fortschritt durch Rücktritt

Am 28.02.2013 legte Benedikt XVI. um 20 Uhr sein Amt nieder. Seitdem lebt er als emeritierter „Papst“ in weißer Soutane weiterhin im Vatikan, sodaß die einfachen Leute meinen, wir – die Katholiken meinen sie damit – hätten jetzt zwei Päpste, einen „alten“ und einen „neuen“. Wir haben auf dieses seltsame Phänomen in der nachkonziliaren „Kirche“ in unserem Artikel „Fortschritt durch Rücktritt“ schon hingewiesen. Ebenfalls haben wir darin auf die weitreichenden Folgen aufmerksam gemacht, die dieser Rücktritt nach sich ziehen wird. Denn mit dem Rücktritt Benedikt XVI. hat das nachkonziliare Papsttum letztlich auch noch den letzten Schein verloren, etwas Übernatürliches, über der menschlichen Beliebigkeit Stehendes zu sein. Was seither in Rom geschehen ist, bestätigt nur das, was jeder nüchtern denkende Katholik klar voraussehen konnte.

Eines muß man Joseph Ratzinger jedoch neidlos zugestehen, selbst bei seinem Rücktritt bewies er Stil. Während seiner letzten, frei gehaltenen Ansprache zeigte der nochmals sein einzigartiges Talent, druckreif sprechen zu können und zudem seine unverbrüchliche Verbundenheit mit dem Konzil und dessen Geist. Ratzinger war der Ästhet und blieb der Ästhet – und deswegen hat er den Stuhl Petri verlassen, um sein Jesusbuch zu schreiben. Jeder hätte damals sehen können, daß aus dem Lehramt ein Leeramt geworden ist – denn der Stuhl war schließlich leer. Und ob er jemals auf diesen Stuhl zurückgekehrt ist, das darf doch und muß doch durchaus bezweifelt werden – freilich nur unter der Bedingung, daß er ihn jemals wirklich innehatte.

So lebt und wohnt Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. in seiner weißen Soutane Seite an Seite als „Papa emeritus“ mit seinem neurömischen Nachfolger, der gleich gar nicht mehr in die päpstliche Wohnung eingezogen ist, sondern es vorzieht, in der Gästewohnung zu bleiben. Ob das womöglich etwas zu sagen hat? Aber das ist ja schon wieder ein eigenes Thema, dem wir uns demnächst widmen wollen.